Der Tanz ist schnell, akrobatisch: Szene aus „Dona Nobis Pacem“. Foto: Kiran West

Der Choreograf John Neumeier vollendet seine herausragende Laufbahn als Intendant des Hamburg Balletts mit einer Bach-Messe: An der Staatsoper in Hamburg hat „Dona Nobis Pacem“ Premiere gefeiert.

Was für ein Einstieg! Das Saallicht leuchtet, einzelne Besucher suchen noch ihre Plätze in der ausverkauften Hamburger Staatsoper, im Orchestergraben ist es still. Und plötzlich steht da Louis Musin am Bühnenrand, ein verwundeter Soldat, keuchend, sterbend. Er tanzt nicht, er stolpert, er fällt. Erst dann verlöscht das Licht, erst dann erscheint das Vocalensemble Rastatt im Orchestergraben, erst dann spielt das Ensemble Resonanz die ersten Töne von Bachs Messe in h-Moll, beherzt dirigiert von Holger Speck. Erst dann beginnt John Neumeiers „Dona Nobis Pacem“.

 

Die Hansestadt machte er zur ersten Adresse der Tanzwelt

Die Choreografie sollte die 50-jährige Karriere Neumeiers an der Spitze des Hamburg Ballett krönen: 1972 war der gebürtige US-Amerikaner nach ersten Erfolgen in Stuttgart und Frankfurt an die Elbe gekommen, damals als Chefchoreograf und Ballettdirektor, seit 1996 als Ballettintendant. In dieser atemberaubend langen Zeit hatte er es geschafft, die Hansestadt zur ersten Adresse in der Tanzwelt zu machen, lief aber auch immer wieder Gefahr, ästhetisch in der Neoklassik zu erstarren. Entsprechend ist es ein Statement, wenn er „Dona Nobis Pacem“ mit harschem Zeitgenossentum eröffnet: Es sagt „Ich mache es mir nicht leicht, ich kämpfe mit meinem Stoff!“. Nicht der schlechteste Zugriff für einen Künstler.

Erzählung von einem Wanderer, der am Ende Erlösung findet

Zumal Neumeier auch zu kämpfen hat. Bachs „Messe in h-Moll“ erzählt keine Geschichte, und der Choreograf, der immer wieder auch als großer Erzähler überzeugte, flüchtet sich in eine nur halbwegs motivierte narrative Struktur: vom Wanderer, der durch die Zeitläufte irrt, der Krieg erlebt und Zerstörung und der am Ende erschöpft Erlösung findet. „Dona Nobis Pacem“, die Schlusspassage der Messe, heißt übersetzt „Gib uns Frieden“. Ein Endpunkt.

Aleix Martinez tanzt diesen Suchenden, religiös als „ER“ bezeichnet, schnell, akrobatisch, aber auch mit der Fähigkeit, Verletzungen zuzulassen und Unsicherheiten – ein perfektes Bild für eine Choreografie, die sich mit Irrwegen beschäftigt und mit der Zerrissenheit des Künstlers. Allerdings konzentriert sich der Abend entsprechend massiv auf Martinez, selbst Stars wie Ida Praetorius oder Edvin Revazov bekommen nur kurze Soli und verschwinden wieder hinter der Hauptfigur. Was bei Neumeier, der bekannt dafür ist, auch kleine Nebenrollen gebührend zu würdigen, schade ist. Aber es zeigt, wie kompromisslos der Choreograf diese Arbeit angeht: als schonungslose Bestandsaufnahme.

Der Abschied fällt ihm schwer

2024 wird der dann 85-Jährige die Leitung des Hamburg Balletts abgeben, an Demis Volpi, einen Enddreißiger, der ebenfalls einen Stuttgart-Hintergrund mitbringt. Wer Neumeier kennt, weiß, wie schwer ihm der Abschied fällt, und „Dona Nobis Pacem“ ist auch das Dokument eines Haderns, eines Wunsches, endlich Frieden zu finden angesichts der Wirren eines reichen Künstlerlebens. Entsprechend ist die Begeisterung, die man angesichts „Dona Nobis Pacem“ empfindet, nicht in erster Linie die Begeisterung über den Abend, sondern über eine künstlerische Karriere, die ihresgleichen sucht.

Dona Nobis Pacem: Hamburg Ballett, Staatsoper Hamburg. Vorstellungen am 7., 8., 9. Dezember sowie im Januar und Juli.