Faustisches Ringen zwischen Licht und Dunkelheit: Karl Ove Knausgård Foto: IMAGO/NurPhoto

Im fünften Band von Karl Ove Knausgårds „Morgenstern“-Reihe geht das große existenzielle Ringen um die letzten Wahrheiten weiter: am Scheideweg zwischen Liebe und Loyalität.

Bei Knausgård hat es mit der Zeit eine eigene Bewandtnis, nicht nur wegen der zeitfressenden Dimension seiner Werke, die sich wie ein lebender Organismus immer weiter ausbreiten. Einerseits weiß man nicht, wohin alles noch führt. Andererseits ist Entscheidendes schon geschehen. In Form von Déjà-vus oder dunklen Echos geistert es durch den Romankomplex, über dem vor einigen Jahren ein rätselhaftes Gestirn aufgegangen ist, dessen Zwielicht alles in eine endzeitliche Gegenwärtigkeit taucht. „Arendal“ ist der nun fünfte Band des „Morgenstern“-Zyklus, der über seine eigene Form der Zeitlichkeit verfügt – ein sechster wurde in der Heimat des Autors gerade mit dem norwegischen Kritikerpreis ausgezeichnet und harrt noch der Übersetzung.

 

Wie immer sind es die ganz großen Themen, die sich in einem durchschnittlichen spätmodernen Alltag verlaufen oder besser verfahren, um gleich die Ausfahrt zum jüngsten Schauplatz des Geschehens zu nehmen, das Städtchen Arendal, 250 Kilometer südlich von Oslo. Hierhin hat es in einer eiskalten Januarnacht Mitte der 70er Jahre den Ingenieur Syvert Loyning auf der Heimfahrt von einem Geschäftstermin verschlagen. Sein Ascona zieht nicht mehr. Kolbenfresser. Statt zu seiner Frau und den zwei Söhnen zurückzukehren, muss er eine Nacht im Hotel einlegen.

Arendal im Winter Foto: IMAGO/Dreamstime

Zeit, sich über manches klar zu werden. Denn nicht nur das Auto hat einen Schaden. Während eines beruflichen Aufenthalts hat er eine Beziehung mit einer Ärztin begonnen, die seine wohlbestellte Existenz in Trümmern zu legen droht. Und obwohl er versucht, hinter sich zu lassen, was ihm wie die große Erfüllung seines Lebens erscheint, steht er immer wieder am Scheideweg: dort die glühenden Briefe der russischen Geliebte hinter dem Eisernen Vorhang mit dem verführerischen Namen Asja, hier die kühle Evelyn, wegen seiner häufigen Abwesenheiten öfter mies gestimmt, mit den beiden Söhnen, von denen einer so heißt wie er selbst.

Und was tun anfechtbare, nicht sonderlich sympathische Knausgård-Männer in so einer Situation? Sie geben sich ordentlich die Kante. Die Folgen könnte man entlang von geleerten Gläsern und Flaschen rekonstruieren. Und die einfachste Erklärung für die rätselhaften Dinge, die in dieser Nacht passieren, wäre sicher die Wirkung des Alkohols. Syvert erkennt Menschen wieder, denen er nie begegnet ist, erinnert sich an Ereignisse, die er nie erlebt hat, wagt sich mit dem Auto aufs Eis und wohnt nachts in der Kirche einer Beschwörung der Toten bei.

Die Suche nach dem Sinn

Aber es wäre entschieden zu einfach, alles auf den Alkohol zu schieben. Dieser Syvert ist ein rational denkender Mensch, ein Homo faber, der den Dingen, die ihm widerfahren, auf den Grund gehen will, auch wenn sie ihn über sich hinausführen. Er glaubt an Atomkraft und dass die Welt aus Einfachem zusammengesetzt sei. Doch dann wird es kompliziert. Alternativ zu der den Geist eher vernebelnden Getränkeliste bietet sich als Wegweiser durch das Romanlabyrinth daher ebenso die den Geist erweiternde Inventur jener philosophischen, wissenschaftlichen, psychologischen und parapsychologischen Formationen an, denen sich Syvert und mit ihm die Lesenden konfrontiert sehen: Was ist die Zeit? Wie verhalten sich die Erkenntnisse der Quantenphysik zu den Möglichkeiten unserer Existenz? Welche Realität haben Träume und Gefühle in einer durcherklärten Welt? Ist der Tod wirklich das letzte Wort? Und irgendwann fragt sich Syvert tatsächlich: „Welchen Sinn hat mein Leben?“

Man kann über die Hybris, sich diesen Fragen zu stellen, staunen oder sie belächeln. Es ist ja nicht so, dass es auf diesem Gebiet nicht in jeder Hinsicht prominente Vorläufer gäbe. Aber andererseits, woran soll sich die Bedeutung jener Wissensformationen erweisen, die als essayistische Impulsreferate den Fluss der Ereignisse immer wieder aufstauen, wenn nicht genau dort, wo das Leben spielt: in jenen Szenerien der Gewöhnlichkeit, für deren Beschreibung Knausgard in den Alltagsmitschriften seines früheren Literatur-Kampfes ein unnachahmliches Gespür entwickelt hat.

„Arendal“ handelt vom Entscheidungsnotstand eines zwischen Liebe und familiärer Loyalität Zerrissenen. Wie jeder der Bände des Zyklus lässt sich auch dieser für sich lesen, die nicht-lineare Zeitfolge des Erzählten bedingt allerdings, dass man in Kenntnis des Ganzen Gefahr läuft, rückwärts zu spoilern. Wie es mit Syvert weitergeht, hat man im zweiten Band „Die Wölfe im Wald der Ewigkeit“ bereits gelesen. Manche seiner unerklärlichen Gesichte und Visionen, zu denen auch ein riesig leuchtender Stern am Himmel zählt, haben darin ihre Erfüllung gefunden. Jahre nach seinem Unfalltod macht sich der gleichnamige Sohn, der inzwischen ein Bestattungsunternehmen leitet, nach Russland auf, um seine ihm bis dahin unbekannte Halbschwester kennenzulernen, eine Evolutionsbiologin, die das Geheimnis des Lebens erforscht.

In der Gegenstrebigkeit von Romangefüge und erzählter Zeit wird die Jenseitsspekulation durch die Leseerfahrung eingelöst, denn hier kehrt nun wirklich ein Bände zuvor bereits Beerdigter wieder. Literatur ist immer noch der zuverlässigste Garant des ewigen Lebens. Die existentiellen Geheimnisse ihres Seins zu ergründen ist Sache der Figuren. Naheliegender für die Lesenden ist die Frage, was dieses Schreiben im Innersten zusammenhält, dieses Doppelleben zwischen intellektuellen Höhenlagen und den niederen Wonnen der Alltäglichkeit, dem man ähnlich hilflos ausgeliefert ist wie Syvert der Versuchung seiner überall deponierten Alkoholvorräte. Sie bleibt offen. Und so muss man wohl oder übel gierig auf die Übersetzung des sechsten Bandes warten – und insgeheim hoffen, es würden immer weitere folgen.

Karl Ove Knausgård: Arendal. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand. 384 Seiten, 26 Euro.

Info

Autor
Karl Ove Knausgård wurde 1968 in Oslo geboren und gilt als wichtigster norwegischer Autor der Gegenwart. Die Romane seines sechsbändigen, autobiografischen Projekts „Min Kamp“ wurden weltweit gefeiert. Sie sind in über 30 Sprachen übersetzt und vielfach preisgekrönt. Er lebt in London.Zyklus

Zyklus
Nach „Die Wölfe aus dem Wald der Ewigkeit“, „Das dritte Königreich“ und „Die Schule der Nacht“ ist „Arendal“ der fünfte Teil der Reihe, die mit dem Roman „Der Morgenstern“ begonnen hat.