„Interaktion“ heißt der neue Tanzabend im Schauspielhaus. Martino Semenzato, Donna Volta Newmen, Fabio Adorisio, Friedemann Vogel und Thomas Lempertz erläutern, was sie planen.
Der neue Ballettabend im Schauspielhaus heißt nicht nur so, er fordert von Beginn an auch das Publikum zur Interaktion auf. Und er fordert es mit neuen Formaten heraus. So wird die Vorstellung nicht wie gewöhnlich im Saal mit Blick auf einen sich öffnenden Vorhang beginnen, sondern im Oberen Foyer. Hier spielt „Untamed“, einer von drei Beiträgen, den Choreograf Martino Semenzato mit der Künstlerin Donna Volta Newmen realisiert hat.
Weitere Blicke darauf, wie wir heute kommunizieren, steuern Fabio Adorisio und das Duo Friedemann Vogel/Thomas Lempertz bei. Alle drei Stücke kamen 2024 in ganz unterschiedlichen Kontexten zur Uraufführung und werden für die Premiere im Schauspielhaus angepasst und zum Teil erweitert. Mit einer zweiten Projektionsfläche und drei Tänzerpaaren etwa ist nun „Untamed“ zu erleben. „Es ist eine raumgreifende Installation, in der Tanz und Live-Musik mit malerischen, skulpturalen und duftbezogenen Elementen verschmelzen“, sagt Donna Volta Newmen. Das Publikum darf und soll sich dazwischen frei bewegen. Als Einladung, „Tanz supernah und aus verschiedenen Blickwinkeln zu erleben“, beschreibt Martino Semenzato „Untamed“.
Im Ballettsaal wird für diese Performance mit Knieschützern geprobt, Körpereinsatz und Puls sind hoch, wenn sich Paare immer wieder vom Boden hocharbeiten. Wie kommt jemand nach einer Verletzung wieder auf die Beine? Wie ist der Dialog mit einem aus dem Gleichgewicht gebrachten Körper? Donna Volta Newmen wollte das Thema Resilienz ursprünglich am Beispiel des klimageschädigten Ökosystems Wald untersuchen. Dann kamen die Verletzung und der Genesungsprozess der mit ihr befreundeten Tänzerin Diana Ionescu ins Spiel. Und so bringt „Untamed“ nun Mensch und Wald in ihrer Verwundbarkeit zusammen. „Diana und ich trugen Kameras am Körper, während wir eine Woche lang ein Gebiet im Schwarzwald erkundeten“, beschreibt Martino Semenzato das Zustandekommen der ungewöhnlichen Filmbilder - auch dies eine Einladung, neue Perspektiven zu wagen.
Fabio Adorisio leidet mit Franz Kafka
Mit dem Pas de deux „Lieber Franz“ war Fabio Adorisio als Choreograf dabei, als sich die drei Staatstheater-Sparten zum 100. Todestag Kafkas vor dem Schriftsteller verbeugten. Mit den Briefen an den Vater und an die Geliebte Milena als Ausgangspunkt zeichnete Adorisio das Bild eines ruhelosen Mannes, der sich am Vater abarbeitet, aber im Dialog mit anderen auch Halt finden kann. „Ich hatte das Gefühl, dass ich noch mehr zu sagen hatte“, freut sich Fabio Adorisio über die Chance, das rund viertelstündige Stück nun mit elf Tänzern auf die dreifache Länge zu erweitern.
„Oh Dear“ heißt das Ballett in seiner Neufassung. Der Choreograf erklärt die Änderung so: „Als ich mehr in die Welt Kafkas eintauchte, empfand ich Mitleid und dachte: Oh je, du hast so viel mitgemacht.“ Sei sein erstes Stück eine Hommage in Briefform gewesen, gehe es nun um Leben und Leiden des Dichters. Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ ist für Fabio Adorisio dabei ein wichtiger Impulsgeber. Die Zweifel, Ängste und Beziehungsnöte will er über den Tanz verständlich machen. „Wir alle haben einen Käfer in uns und Furcht davor, dass Sensibilität als Schwäche angesehen wird“, ist sich der Choreograf gewiss. Dankbar ist der Choreograf, der mit „Oh Dear“ sein erstes Handlungsballett wagt, über den Austausch mit der Ballettdramaturgin Lucy Van Cleef. Interaktion findet sich hier nicht nur im Dialog über Zeiten hinweg.
Friedemann Vogel und Thomas Lempertz kappen den Faden
„Wir haben optimale Bedingungen: Heimspiel und ein tolles Team“, sagt Friedemann Vogel zur Stuttgart-Premiere seines Solos „Die Seele am Faden“. Auch Partner Thomas Lempertz, mit dem der Stuttgarter Solist die Performance entwickelte, freut sich auf die neue Station. Konzipiert wurde das Stück für die Hinterbühne des Kleist-Forums in Frankfurt an der Oder. Nah sollte das Publikum sein und die Mechanik sehen, von der Kleist in seinem Essay „Über das Marionettentheater“ spricht, dem Ausgangspunkt des Solos. „Seine These, dass eine Puppe der vollkommene Tänzer ist, weil sie ohne Bewusstsein agiert, teile ich nicht. Was bleibt, ist doch das, was ein Tänzer mit einer Bewegung ausdrückt. Mein Körper ist Instrument meiner Seele, nicht der Perfektion“, sagt Friedemann Vogel. Und so schildert das Stück den Prozess, wie einer die Fäden von Kleists Idealbild kappt und sich selbst findet.
In einer alten Kirche und selbst im riesigen Hamburger Opernhaus habe das Stück gut funktioniert, berichtet Friedemann Vogel, der die Bühne mit Musikerin Alisa Scentinina und einem projizierten Avatar teilt und das Thema Interaktion vielfach spiegelt. „Ich greife Energien auf und spüre als Tänzer, was der Moment braucht und was ich geben muss, wenn das Publikum etwa weiter entfernt ist“, sagt Friedemann Vogel.
Avatar schlägt Brücke in die Gegenwart
Das digitale, mit Absicht roh belassene Spiegelbild des Tänzers schlage die Brücke in die Gegenwart, erläutert Thomas Lempertz: „Wir posten ständig Bilder, die zeigen, wie perfekt wir sein wollen. Dieser Avatar kann mehr als jeder Tänzer, berührt uns aber nicht. Er ist die Marionette der Jetztzeit.“ Ganz anders das Ziel von „Die Seele am Faden“: Mit der Performance wollen die beiden zeigen, dass wahre Kunst aus unwiederbringlichen Momenten entsteht.
Fünf Künstler, viel Interaktion
Termine
Premiere hat „Interaktion“ am 10. Januar um 19 Uhr im Schauspielhaus. Dort erläutern am 9. Januar um 21.30 Uhr die am neuen Ballettabend Beteiligten im Gespräch mit Dramaturgin Lucy Van Cleef, wie sie den interdisziplinären Abend entwickelt haben - Karten für das Gespräch kosten 8 Euro. Weitere Vorstellungen von „Interaktion“ gibt es bis zum 30. Januar, für alle sind nur noch Restkarten an der Abendkasse verfügbar.
Künstler
Der aus Venedig stammende Solist Martino Semenzato tanzt seit 2018 in Stuttgart. Die in Chemnitz geborene Künstlerin Donna Volta Newmen verbindet traditionelle Drucktechniken mit interdisziplinären Ansätzen, im Fokus ihrer Arbeit steht das Thema Resilienz. Fabio Adorisio ist Solist des Stuttgarter Balletts und tanzt für die Kompanie, seit er 2013 seine Ausbildung an der Cranko-Schule abschloss. Friedemann Vogel ist Kammertänzer und Erster Solist des Stuttgarter Balletts, für das er seit 1998 auftritt. Thomas Lempertz arbeitet als bildender Künstler und Bühnenbildner, seit er 2003 seine Karriere als Tänzer des Stuttgarter Balletts beendete.