Ödön von Horváth nahm mit seiner Posse „Hin und Her“ Bürokratie und Nationalismus aufs Korn – Florian Dehmel inszeniert an der Stuttgarter Tri-Bühne mit gut gelauntem Ensemble.
Die Bühne dreht sich, immer wieder, Beamte in Unform sind es, die sie schieben. Alldieweil knallt auf der einen oder der anderen Seite die Tür des Häuschens eines Grenzpostens. Nur: Einer kommt nicht an, bleibt gefangen im heimatlosen Nirgendwo, auf der Brücke zwischen den zwei Staaten. Ödön von Horváths Komödie „Hin und Her“ wirkt fast ein wenig zu leicht, bedenkt man das reale Leid der Menschen, die sich heute in ähnlicher Situation befinden. Doch genau dies lag in der Absicht des Autors. „Hin und Her“ entstand vor einem ernsten zeitgeschichtlichen Hintergrund – Ödön von Horváth schrieb das Stück 1933, als er selbst im nationalsozialistischen Deutschland nicht mehr erwünscht war, in seine ungarische Heimat aber nicht zurückkehren konnte. Nun spielt das Theater Tri-Bühne Horváths Posse im flotten, volkstümlichen Ton, der der Intention des Autors entgegenkommt, mit einem sehr stimmigen Ensemble auf einfallsreich gestalteter Bühne, inszeniert von Florian Dehmel.
Das Vertrauen in die Vernunft geht vollständig verloren
Diese Bühne wird beherrscht von jener schmalen, hölzernen Bühne, die sich mal so dreht, mal so. Die Szene wechselt zwischen dem einen Häuschen, in dem ein sehr pflichtbewusster Wachmann steht, und dem anderen, in dem zwei Grenzorgane Wache halten, die sich grob dem Alkohol hingeben, aber dennoch nicht erweichen lassen. Ferdinand Havlicek indes ging bankrott im einen Land, wurde abgeschoben, ist im andern Land, seiner Heimat, aber nicht willkommen, da er, ganz wie Ödön von Horváth, vergaß, seine Staatsbürgerschaft zu erneuern. Aki Tougiannidis spielt ihn mit hängenden Schultern und dem trockenen, verzweifelten Tonfall eines Menschen, der längst jedes Vertrauen in die Vernunft verloren hat.
Der einzig andere Bewohner der Brücke ist, eine Zeit lang, ein so genannter Privatpädagoge, der dort steht und die Angel ausstreckt. Stephen Crane spielt ihn. Er schuf als technischer Leiter des Theaters auch die Bühne, die sich dreht unter einer wolkenbesetzten Himmelsprojektion, die der Szene eindrucksvolle Tiefe verleiht und irgendwann auch selbst in Bewegung kommt. Renáta Balogh stellte die Kostüme zusammen.
Manuel Krstanovic ist Thomas Szamek, der Grenzbeamte der einen Seite, Sebastian Huber Mrschitzka, der ihm trinkend Gesellschaft leistet und sich nebenher, mit saurem Gendarmengesicht, der Pflege seiner bloßen Füße widmet. Philip Süs spielt Konstantin, den Wächter der anderen Seite, der nüchtern, diensteifrig und außerdem Eva, der Tochter des Szamek, sehr zugetan ist, was von ihr erwidert wird. Und Natalja Maas, sehr frisch und temperamentvoll, ist diese Eva, die sich eigentlich drüben, bei ihrem Geliebten, viel wohler fühlen würde. Der Vater, selbst sturztrunken, hat gegen den Konstantin aber keine bürokratischen Einwände – er hält ihn schlicht für einen Tunichtgut.
Im Niemandsland herrscht ein Figurengetümmel
So beiläufig treibt Ödön von Horváth den Unsinn der nationalen Rechthaberei auf die Spitze, und das Ensemble zieht gut gelaunt mit. Stephen Crane spielt auch, gemeinsam mit Stefani Matkovic, ein Schmugglerpaar, das sich als Nonne und Pflegefall verkleidet hat und die Grenze unerkannt zu überqueren hofft. Stefani Matkovic ist außerdem die Gattin des Privatpädagogen und Frau Leda, die Mitleid zeigt mit dem ausgestoßenen Havlicek. Noch eine Volte: Manuel Krstanovic und Natalja Maas erscheinen auf der Brücke als X und Y, als die Regierungschefs der beiden Staaten, die sich zur heimlichen Besprechung treffen wollten – und prompt Havlicek mit dem jeweils anderen verwechseln. Manchmal herrscht ein regelrechtes Figurengetümmel im Niemandsland.
Ganz zuletzt, als alle Hindernisse ausgeräumt sind, der Staatenlose Liebe und Heimat gefunden hat, die trunksüchtigen Grenzer sich tief ins Schlamassel geritten haben, wird der leuchtende Nachthimmel ersetzt durch einen Blick in den Tümpel: Ein großer Fisch schwimmt da und reißt das Maul auf, aber die Welt ist wieder heil. Das Publikum ist bestens unterhalten und wünscht sich, auch das wahre Leben wäre eine solche Komödie.
Tri-Bühne
Termine
„Hin und Her“, weitere Vorstellungen am 7. und 8. Januar, jeweils 19 Uhr