Im neuen Schulgesetz werden besondere Schwerpunkte gesetzt (Symbolfoto). Foto: Pixabay

Der Landtag hat das neue Schulgesetz verabschiedet, das zum Teil viel Neues mit sich bringt. Was dies für die weiterführenden Schulen in der 3-Länder-Stadt bedeutet, schildern die vier Rektoren.

An den Gymnasien steht die Umstellung auf das neunjährige Gymnasium (G9) bevor. „Ich finde das grundsätzlich richtig“, meint Stefan Wiedenbauer, der Leiter des Kant-Gymnasiums. „Die große Herausforderung ist die Art und Weise. Es ist unglaublich kurzfristig“, erklärt er. Denn schon zum kommenden Schuljahr soll G9 wieder eingeführt werden. Wie sich das auf die Raum- und Personalsituation auswirken wird, sei relativ schwer vorhersehbar. 2031 werde das Jahr ohne Abitur sein. „Erst danach haben wir einen Jahrgang mehr.“

 

Fast noch spannender finde er die veränderte Übergangsphase von der Grundschule, sagt Wiedenbauer mit Blick auf die Rückkehr zu einer teilverbindlichen Grundschulempfehlung. Die Frage laute, ob es gelinge, die Schülerströme so zu lenken, dass nicht noch mehr das Gymnasium besuchen. „Wir sind am Anschlag“, betont der Rektor. Und es gebe auch überforderte Schüler.

Die neue verbindliche Stundentafel zeigt, dass der Stundenumfang pro Klasse deutlich reduziert wird. Das Ziel laute auch, dass die Schüler wieder mehr Freizeit haben sollen. „Die Fünftklässler werden wohl keinen Nachmittagsunterricht mehr haben“, sagt Wiedenbauer. Er fragt sich jedoch: „Wie gehen die Familien damit um?“

Stundenumfang reduziert

Generell gebe es noch unglaubliche viele offene Fragen. Eine Konferenz steht aber an: „Dann werden wir sehen, was wir dieses Schuljahr noch vorbereiten und planen müssen.“ Vor allem zu den geplanten fünf Innovationsschwerpunkten – Basiskompetenzen, „Mint“-Fächer/Zukunftskompetenzen, Demokratiebildung, berufliche Orientierung und individuelles Schülermentoring – würden noch viele Details fehlen. Dennoch zeigt sich der Rektor optimistisch: „Ich gehe davon aus, dass wir einen guten Einstieg und Übergang bieten können.“

An den Realschulen wird die Orientierungsstufe auf ein Jahr verkürzt, erklärt Tatjana Ullrich, Leiterin der Realschule Dreiländereck. „Bisher wurden die Klassen nach Stufe sechs getrennt, nun eben früher, nach Stufe fünf.“ Die Klassenkonferenz entscheidet, ob die Schüler auf G- oder M-Niveau weiter unterrichtet werden (G steht für grundlegendes Niveau, M für mittleres Niveau). „Es ist ein Schritt in die richtige Richtung“, findet Ullrich. Wer auf falschem Niveau unterrichtet werde, sei teils extrem demotiviert. Gespannt ist sie, wie sich G9 und die Grundschulempfehlung auf die Anmeldezahlen auswirken werden.

Früher die Wahl

Das Wahlpflichtfächer AES (Alltagskultur, Ernährung und Soziales) sowie Technik starten nun schon parallel zum Kernfach Französisch in Klasse sechs statt sieben, erläutert Ullrich weiter. Dass mehr praktisch gearbeitet werden könne, bewertet sie als positiv. „Außerdem war es bisher so: Wer Französisch wählt, hat zwei Stunden mehr Unterricht in der Woche. Da hat sich der ein oder andere dagegen entschieden.“ WBS (Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung) wird gestärkt: „Das ist sehr wichtig, um die Schüler auf das weitere Leben vorzubereiten“, findet Ullrich.

Eine Stunde mehr Physik gibt es künftig zudem. „Für uns ist das kein Problem, da wir keinen Fachlehrermangel haben.“ Außerdem stehen eine Stunde mehr Deutsch und Mathe in den Poolstunden zur Verfügung. „Wir hatten in Klasse fünf aber ohnehin schon zwei Stunden mehr.“ Das neue Schulgesetz stelle für die Realschule zwar nicht viel Neues dar: „Aber wir nehmen es zum Anlass, Dinge zu überdenken und zu verändern.“

Neu: Oberstufenverbünde

Burkhard Keller, Leiter der Gemeinschaftsschule (GMS), spricht für diese Schulart dagegen von einer Vielzahl von Veränderungen. „Deutsch und Mathematik werden insgesamt eine Stunde mehr unterrichtet“, nennt er ein Beispiel. Das Fach BNT (Biologie, Naturphänomene und Technik) wird in den Klassenstufen fünf und sechs aufgelöst und durch Biologie ersetzt. Die Wahlpflichtfächer Technik und AES beginnen bereits in Klasse sechs und erhalten eine Stunde mehr. Die Demokratiebildung soll – ohne zusätzliche Stunden zu schaffen – gestärkt werden und sich in lebensnahen Projekten widerspiegeln. „Das Coaching, welches ein Markenzeichen der GMS ist, wird nun erstmals mit zwei zusätzlichen Stunden pro Klassenzug gewürdigt, was eine gewisse Entlastung schafft“, erklärt Keller.

Neu ist auch, dass nun in Kooperation mit Gymnasien an Gemeinschaftsschulen Oberstufenverbünde eingerichtet werden können, so dass Schüler an der Gemeinschaftsschule beginnen können und ihnen das Ziel offen steht, anschließend ein allgemeinbildendes Gymnasien zu besuchen. „Hier gilt es, den Unterricht so auszurichten, dass er zum Unterricht der Oberstufe in den Gymnasien anschlussfähig ist“, sagt Keller. Die beiden Schulen arbeiten enger zusammen und kooperieren in verschiedenen Feldern, etwa durch gemeinsame Projekte, Arbeitsgemeinschaften oder Maßnahmen der beruflichen Orientierung oder durch gegenseitige Hospitation der Lehrkräfte beziehungsweise durch gemeinsame Fachkonferenzen.

Es brauch Zeit

Wie alle Änderungen seien diese zunächst ein Eingriff in bisherige Strukturen und müssten mit hohem Aufwand umgesetzt werden, böten jedoch natürlich auch Chancen. Aber: „Damit dies gelingen kann und nicht nur auf dem Papier besteht, braucht es Zeit“, betont Keller.

Die Stärkung der Grundlagenfächer in Deutsch, Mathematik und der ersten Fremdsprache sei schon seit langem Teil des pädagogischen Konzepts am Oberrhein-Gymnasium (OGW), „das wir bislang über Zusatzangebote im AG-Bereich abgedeckt haben“, schildert Rektorin Tanja Reinhardt-Albiez.

Zusätzlich läuft seit vergangenem Schuljahr in der Klassenstufe fünf ein Differenzierungsprojekt im Fach Deutsch. Dabei werden Kinder entsprechend ihrer Bedürfnisse in klassenübergreifenden Gruppen gefordert und gefördert. Es werde evaluiert und geprüft, inwieweit dieses Konzept auch in Mathematik und in anderen Klassenstufen umgesetzt werden kann, kündigt Reinhardt-Albiez an.

Bestätigung der Arbeit

Auch im dritten Innovationspunkt sehe man sich am OGW im besonderen Maß bestätigt: „Die Demokratiebildung ist bereits zum Beispiel durch die Nachhaltigkeits-AG, Debattier-AG und die Toleranz-AG ein äußerst aktiver Bestandteil unseres Schullebens und wird über alle Klassenstufen hinweg gepflegt.“

Die Stärkung der beruflichen Orientierung entspreche ebenfalls dem „Setting“ an der Schule: Die Rektorin verweist auf Informationen über Entwicklungsmöglichkeiten außerhalb der Schule durch entsprechende Angebote.

Das Mentoring unterstütze Schüler sinnvoll in ihrer schulischen und persönlichen Entwicklung. „Hier wird unser bereits bestehendes Klassenteam-Stundenmodell aufgegriffen. Wir bereiten uns in Fragen rund ums Mentoring zum Beispiel im Rahmen eines pädagogischen Tags und durch Gespräche mit anderen Schulen vor. Es ist unser Ziel, ein maßgeschneidertes Mentoring-Modell für unsere Schule zu entwickeln, das den Bedürfnissen unserer Schülerschaft gerecht wird.“