Langes Warten, genervte Patienten und Personal am Limit – die Ortenauer Notaufnahmen sind überlastet. Nun liegen Vorschläge auf dem Tisch, die die Situation entspannen sollen.
Die Kommunale Gesundheitskonferenz (KGK) wurde bereits im Herbst 2023 vom Sozialausschuss des Kreistags beauftragt, ein Konzept zur Förderung der „Gesundheitskompetenz“ in der Notfallversorgung zu erarbeiten. Evelyn Bressau, Leiterin des Gesundheitsamts und KGK-Vorsitzende, stellte die Ergebnisse nun den Ausschussmitgliedern in einem Abschlussbericht vor.
Der listet auf 130 Seiten verschiedene Maßnahmen auf, um die Notaufnahmen zu entlasten. „Wir werden dieses System nicht weiter aufblasen können. Es wird nicht mehr Ärzte und Fachpersonal geben“, konstatierte Bressau. Die Ressourcen seien endlich, da „müssen wir uns ehrlich machen“.
Neben der Forderung nach Reformen, Handlungsempfehlungen für Bund und Land – etwa mehr Mitbestimmung für die Kommunen – sowie der Förderung des medizinischen Nachwuchses in der Region konzentrieren sich die entwickelten Maßnahmen hauptsächlich darauf, die Nachfrage zu reduzieren. „Das Ziel ist, die 20 Prozent der banalen Fälle, die nicht in die Notaufnahme gehören, abzufangen. Es geht um die richtige Steuerung“, so Bressau.
Klinikum zahlt bei jeder ambulanten Behandlung drauf
Schlussendlich geht es dabei auch ums Geld: „Jede Behandlung im Ortenau-Klinikum in der Notaufnahme, die ambulant endet, wird von der Krankenkasse nicht vollumfänglich bezahlt“, betonte die Amtsleiterin – Kosten, die schlussendlich das Defizit der Kliniken in die Höhe treiben. „Es ist pro Fall ein dreistelliger Betrag, der jedes Mal auf uns zukommt“, ergänzte Landrat Thorsten Erny.
Begegnen will die KGK dem Problem mittels Aufklärung. So hat sie etwa eine crossmediale Kampagne entwickelt: „Nicht jeder Fall ist ein Notfall“. Durch Plakate, Presseartikel, Social Media und die Webseite wohin-im-notfall.de sollen die Bürger für alternative Anlaufstellen und Zugangswege in der Notfallversorgung – auch die Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes 116 117 – bei nicht dringlichem Behandlungsbedarf sensibilisiert werden. Es werden relevante Informationen vermittelt, die eine erste Orientierungshilfe hinsichtlich der Einschätzung der eigenen Beschwerden und Behandlungsdringlichkeit ermöglichen.
Gesundheitsportal soll Bürgern Orientierung geben
Die Webseite ist eingebettet in ein neues Gesundheitsportal des Kreises auf ortenaukreis.de/Gesundheitsportal. Dieses bündele laut Bressau regionale Gesundheitsinformationen und verlinkt auf wichtige Plattformen zu Gesundheitsversorgung, Prävention, Beratung und Anbietersuche für die Ortenauer Bevölkerung.
„Sie gehen auf diese eine Seite und finden hoffentlich alle Links, die sie brauchen“, fasste Bressau die Idee dahinter zusammen. Zudem gibt es einen Instagram-Account des Gesundheitsportals, der regelmäßige Tipps, regionale Hinweise und verständlich aufbereitete Infos rund um das Thema Gesundheit bietet.
Für die Arbeit der Gesundheitskonferenz fanden die Ausschusssprecher Lob, zeigten sich in der folgenden Aussprache aber auch durchweg skeptisch. So erklärte Philipp Saar, CDU-Fraktionschef, dass Aufklärung alleine nicht reichen werde. Die „mangelnde Verzahnung“ der Akteure des Gesundheitssystem sei das eigentliche Problem. „Wer liest die Plakate?“, stellte Eberhard Roth für die Freien Wähler in den Raum. Er bezweifelte, dass man mit der Kampagne „die Menschen, die das Problem sind“ erreiche.
Kreisräte zeigen sich eher skeptisch
Noch drastischer formulierte Kehls OB und SPD-Kreisrat Wolfram Britz: „Gesundheitskompetenz können wir als Kreis nicht verordnen.“ Er wolle – ähnlich anderer Ausschussmitglieder – die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Baden-Württemberg „deutlich mehr“ in die Pflicht nehmen. Die KV ist Trägerin der Notdienst-Hotline und der Notfallpraxen im Kreis.
Dass zwei der Notfallpraxen in der Ortenau nun geschlossen wurden und Anrufer der Hotline viel Geduld mitbringen müssen, stieß allenthalben auf Kritik. „Es ist bequem im System, wenn man auf die Notaufnahmen verweisen kann“, konstatierte Grünen-Kreisrätin Heike Dorow mit Blick auf die KV. Sie betonte die gemeinsame Verantwortung der Kassenärztlichen Vereinigung, der Bürger und Notaufnahmen für die Versorgung.
Dennoch beschloss der Ausschuss einstimmig, „die Maßnahmen zur Reduzierung der Nachfrage nach medizinischen Leistungen weiter zu entwickeln“.
Zahlen explodieren
Die fünf Notaufnahmen sind Teil des Ortenau-Klinikums. Das Patientenaufkommen ist von 2020 bis 2024 um rund 30 000 Fälle auf knapp 115 000 gestiegen, wobei Offenburg mit mehr als 46 000 Fällen Spitzenreiter ist. 2024 ist nur etwa ein Fünftel der Patienten stationär aufgenommen worden, der Großteil konnte ambulant entlassen werden.