Dick Brunas weltbekanntes Kaninchen Miffy will Kindern in einem neuen Buch die Welt der Kunst eröffnen. Gelingt das?
Ob auf der Bettwäsche, als Stofftier oder Lampe – Miffy ist in vielen Kinderzimmern ein gern gesehener Gast. Ursprünglich hat das gezeichnete Kaninchen, das der Niederländer Dick Bruna bereits 1955 erfand, Karriere in Büchern gemacht. Mehr als 85 Millionen Exemplare der markanten quadratischen Kinderbuchreihe wurden weltweit schon verkauft – in mehr als fünfzig Sprachen. Und nun wagt sich Miffy in die Welt der Bildenden Kunst – aber will dabei keineswegs erklären, dozieren, belehren, sondern Lust machen, sich Bilder genauer anzuschauen.
Zu 24 meist weltbekannten Werken verschiedenster Epochen und Stile liefert Miffy je eine Frage: „Welches ist dein Lieblingstier?“ heißt es da zum Beispiel, um den Blick auf ein Gemälde von Frida Kahlo zu lenken, die sich mit mehreren Tieren aus ihrem kunterbunten Zoo dargestellt hat, mit dem die Malerin zusammenlebte. Oder: „Macht es Seeleuten Spaß, durch gigantische Wellen zu fahren?“ Die Antwort liefert der berühmte Farbholzschnitt des japanischen Zeichners Katsushika Hokusai. Er zeigt eine Welle im Meer, die sich dramatisch vor dem Fuji im Hintergrund aufwölbt .
Fragen an die Kunst
Einige der Fragen mögen aus Sicht von Erwachsenen bemüht klingen, aber „Miffy und die Kunst“ will das vermitteln, was so vielen Menschen schwer fällt: ein Bild wirklich anzuschauen, sich hineinzubegeben und es zu lesen wie einen Text. „Findest du den Finger des Musikers mit der Gitarre?“, fragt Miffy etwa zu einem kubistischen Bild von Pablo Picasso. Der hat mehrere Ansichten des Mannes von vorne und von der Seite verwirrend zusammengesetzt. Um das Prinzip dahinter zu verstehen, benötigt man aber keineswegs kunsthistorischen Erläuterungen, man muss sich einfach nur aufmerksam in das Bild einsehen.
Das Kaninchen Miffy wird in diesem Jahr 70 Jahre alt und hat seinen Schöpfer Dick Bruna überlebt, der 2017 starb. Die Zeichnungen zu den Kunstwerken sind also nicht eigens für das Buch entstanden, sondern der Londoner Verlag Thames & Hudson hat für die englische Ausgabe aus dem großen Miffy-Universum passende Motive gesucht, die als Türöffner zu den jeweiligen Kunstwerken taugen: Hier Miffy mit Gießkanne, dort Vermeers Magd, die Milch aus einem Krug gießt. Dann sitzt Miffy in seinem Bettchen – das genauso knallgelb ist wie das Bett in van Goghs Schlafzimmer. Die japanische Künstlerin Yayoi Kusama hat eine Art Kürbis mit Punkten überzogen, so, wie sie schon zahllose Skulpturen, Möbel und Bilder mit Punkten versehen hat.
Schnippeln wie Henri Matisse
Miffy schlüpft dagegen in ein Punktekleid – und durch das fröhliche Gegenüber von hehrer Weltkunst und netten Kinderzeichnungen entstehen erst gar keine Berührungsängste vor der Kunst. Während Henri Matisse im Alter florale Formen ausschnitt und auf seine Bilder klebt, schnippelt Miffy seine langen Ohren aus. Der Streifzug durch die Kunst führt zum Impressionismus und zum Surrealismus, ein klassisches Blumenstillleben findet sich ebenso in dem Buch wie ein Vogelbild der Inuit-Künstlerin Kenojuak Ashevak.
Die Erklärungen zu den Werken sind kurz, prägnant und ausreichend, um die Fantasie zu kitzeln. Jeff Koons Ballon-Hund aus Stahl „ist sehr schwer, sieht aber aus, als könnte er gleich abheben“, heißt es da.
Das Buch
Dick Bruna: Miffy und die Kunst. Eine Einführung für Kinder. Midas Verlag. 64 Seiten, 18 Euro