Erich Kästners Roman „Pünktchen und Anton“ über Kinderarmut bleibt aktuell. Das Schauspiel Stuttgart zeigt nun eine modernisierte Bühnenadaption. Ob sie gelungen ist?
Jedes fünfte Kind war 2023 in Baden-Württemberg armutsgefährdet. Eine schockierende Zahl, vor allem angesichts des Reichtums, der hier eben auch herrscht. Vor fast hundert Jahren, am 9. November 1931, veröffentlichte Erich Kästner mit seinem Roman „Pünktchen und Anton“ die bisher leider nie überholte Darstellung einer Kindheit in Armut. Kästners Haltung, dass man durch gerechtes Teilen eine bessere, freundlichere Gesellschaft gestalten kann, wollen manche politische Entscheider auch 2024 nicht gelten lassen.
Karsten Dahlem hat den starken, überzeitlichen Text am Schauspiel Stuttgart als Familienstück für die Vorweihnachtszeit inszeniert. Obwohl es bereits moderne Bühnenbearbeitungen gibt, bringt Dahlem im Team mit dem Komponisten Hajo Wiesemann und dem Dramaturgen Philipp Schulze eine eigenständige Fassung heraus.
Darin lebt Pünktchen (Mina Pecik) mit Mama (Christiane Roßbach) und Papa Pogge (Klaus Rodewald) im Inneren einer halbierten Schneekugel (Bühne: Claudia Kalinski) aus matt-weißen, igluförmig zugeschnittenen Plastikvorhängen. Das Inventar der Pogge-Wohnung besteht zwar nur aus Pappkartons. Mit ein paar Stoffbahnen entsteht aber im Handumdrehen das ungemütlich stylische Wohnzimmer inklusive kalter Neonlichtinstallation. Durch einfachste Umbauten und auf- oder abgefahrene Podien wechselt die Szenerie innerhalb der Schneekugel zur Ein-Zimmer-Wohnung von Anton (Felix Jordan) und dessen allein erziehendem, schwer kranken Vater (Peer Oscar Musinowski), zum Café Sommerlatte, wo sich Pünktchens Babysitter Herr Andacht (wieder P. O. Musinowski) und dessen Verlobter Robert (Gabriele Hintermaier), genannt „der Teufel“, treffen, und zur Brücke, wo die Kinder Bettellieder singen müssen.
Kein Fabrikantenvater, sondern eine Workaholic-Mutter
Der funktionale Aufbau lässt im wahren Sinne des Wortes viel Spielraum mit wenigen Requisiten und einigen Songs. Das Team hält sich an Kästners Plot, nimmt aber vor allem bei den Personalien entscheidende Änderungen vor. In dieser Version verdient nicht der Vater das Geld als Spazierstockfabrikant, sondern Pünktchens Workaholic-Mutter, die eine Klinik leitet.
Klaus Rodewald gibt Papa Pogge als unersättliches „Shoppingmonster“, das für einen grotesken Rüschenfummel eintausend Euro hinblättert. Bertha, die Köchin der Pogges, ist im Gegensatz zu Kästners dickem Original gertenschlank, und statt des unverheirateten „Fräulein“ Andacht wacht der schwule „Herr“ Andacht im Rock und mit Häubchen auf der Glatze über Pünktchen. Die Modernisierungsstrategie mag teilweise den notwendigen Doppelbesetzungen geschuldet sein. Offenbar will das Team aber seine Adaption bewusst vom historischen Text mit seinen scheinbar veralteten Rollenbildern ablösen, um damit der heutigen Erfahrungswelt von Kindern gerechter zu werden – ob die wirklich immer so aussieht, sei dahin gestellt. Aber deshalb taucht Anton auch einmal als Gangster-Rapper in Pünktchens Albtraum auf, mit goldenem Jogginganzug, protziger Statement-Kette und blinkenden Sneakern.
Das alles ist cool, smart und witzig, es fehlt aber doch etwas ein bisschen – Kästners Charme und Wärme.
Pünktchen und Anton: Vorstellungstermine und Karten unter www.schauspiel-stuttgart.de