Ein neues EU-Gesetz zu in Lebensmitteln verarbeiteten Insekten verunsichert einige Menschen in Baden-Württemberg. Unternehmen berichten von wüsten Beleidigungen. Sind die Sorgen der Kunden begründet?
Sie krabbeln, zirpen, ernähren sich von Aas und scheuen Kannibalismus nicht – Appetit machen die Hausgrillen, auch Heimchen genannt, bei dieser Beschreibung wohl den wenigsten. Doch ein neues EU-Gesetz erlaubt nun, dass unter anderem genau diese Insektenart in Lebensmitteln verwendet werden darf, wenn auch nicht krabbelnd und zirpend, sondern gefroren, getrocknet oder als Pulver. Die Meldungen darüber verunsichern offenbar einige Menschen in Baden-Württemberg, manche attackieren sogar Unternehmen im Land, die entsprechende Insekten-Produkte anbieten.
„Wir bekommen Hass-Mails, böse Zuschriften wie ‚esst euern Dreck selber’“, berichtet etwa Daniel Mohr, Geschäftsführer des Pforzheimer Unternehmens Plumento Foods, das Nudeln, Kekse und weitere Produkte auf Insektenbasis verkauft. Aber nicht alle, die sich an ihn wenden, werden gleich ausfällig, es herrsche jedoch eine gewisse Verunsicherung rund um das neue EU-Gesetz.
Insekten zu teuer, um herkömmliche Zutaten zu ersetzen
„Ich bekomme Anrufe mit der Frage, ob jetzt in jedes Brot Insekten gemischt werden“, erzählt Mohr. Auch in den sozialen Medien finden sich viele skeptische Kommentare: „Bald gibt’s Insekten in Lebensmitteln – ohne dass wir es wissen. Die EU macht’s möglich“, schreibt eine Twitter-Nutzerin. Eine andere meint: „Die verunreinigen praktisch alle Lebensmittel mit diesem Zeug. Zum Kotzen.“
Doch dabei handele es sich um ein Missverständnis, sagt Mohr. Denn sind Insekten in Lebensmitteln verarbeitet, muss das auch im Zutatenverzeichnis stehen. Außerdem sei die Produktion sehr teuer – und damit nicht günstiger als andere Proteinquellen. Für Firmen, die sich nicht auf insektenbasierte Nahrungsmittel spezialisiert haben, lohnt es sich nicht, die herkömmlichen Zutaten zu ersetzen. „Viele haben das falsch aufgefasst und befürchten, dass Insekten jetzt einfach jedem Lebensmittel beigemischt werden“, sagt auch Marco Schebesta von Fauna Topics, einem Unternehmen mit Sitz in Marbach am Neckar, das sich auf die Insektenzucht spezialisiert hat. Schebesta beruhigt: „Es muss alles deklariert werden.“
Nachfrage nach Nudeln auf Insektenbasis sehr gering
Beim Trochtelfinger Nudelhersteller Alb-Gold berichtet Sprecher Matthias Klumpp von ähnlichen Sorgen der Kunden: „Es kamen ein paar Anrufe, wie das jetzt bei uns gehandhabt wird.“ Denn das Unternehmen bietet schon seit 2021 spezielle „Insekten-Pasta“ an. „Aber die Packungen bleiben weiterhin gekennzeichnet. Da steht groß ‚Insekten’ drauf“, sagt Klumpp. Die Befürchtung, Alb-Gold werde seinen Nudelteig künftig mit Pulver auf Basis der Krabbeltiere strecken, sei unbegründet: „Das kostet mehr als das, was sonst drin ist.“
Die Nachfrage für Nudeln auf Insektenbasis sei ohnehin sehr gering. Es gebe seit den Meldungen um das neue EU-Gesetz zwar mehr Klicks auf die entsprechenden Produkte im Online-Shop, aber deutlich mehr verkauft habe Alb-Gold dadurch nicht. „Das Geschäft läuft sehr schleppend“, so Klumpp.
Rund zwei Milliarden Menschen essen laut den Vereinten Nationen regelmäßig Insekten. Bis es hierzulande so weit ist, wird wohl noch viel Zeit vergehen, glaubt auch Klumpp: „Der Ekel-Faktor ist zu groß.“