Buchautor Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Uni Tübingen Foto: Verlag

An verschiedenen Meinungen herrscht in unserer Gesellschaft kein Mangel – am produktiven Gespräch miteinander schon. Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sucht in seinem neuen Buch „Zuhören“ nach Lösungen. Gelingt es ihm?

Ein Buch über das Zuhören? Über die „Kunst, sich der Welt zu öffnen“? Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen darf sich des Interesses der Öffentlichkeit daran gewiss sein – schließlich leiden viele unter einem Zeitgeist, der die reine Masse öffentlich verbreiteter Botschaften, Behauptungen, Klagen, Angriffe immer weiter wachsen lässt, derweil die produktive Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Meinungen und Positionen zum scheinbar hoffnungslosen Siechfall auf der gesellschaftlichen Intensivstation geworden ist. Was trotzdem keine Partei daran hinter, floskelhaft zu verkünden, die Politik müsse endlich wieder lernen, den Bürgern zuzuhören – wobei unter „Bürgern“ im Zweifel aber doch nur die jeweils eigene Anhängerschaft gemeint ist.

 

Mehr Emotionen, bitte!

Also: „Zuhören“ – wie geht’s? Wer Sorge hat, einem Medienwissenschaftler könnte ein Buch darüber womöglich zum Schwelgen in Theorien geraten, muss sich bei Pörksen keine Sorgen machen. Es scheint, als habe sich der Tübinger Professor hier eine Kommunikationsstrategie von Luisa Neubauer zu eigen gemacht, die er an einer Stelle seines Werkes ausführlich schildert: Durch frühere Erfahrungen klüger geworden gehe es der Klimaaktivistin inzwischen um eine Aufklärung, die nicht mehr nur auf Fakten setze, sondern sich starker Bilder und persönlicher Geschichten bediene, um die Menschen zu erreichen, und dabei auch das Wecken von Emotionen keineswegs verachte.

Eben so präsentiert sich auch das Buch „Zuhören“ – in den Mittelpunkt stellt Pörksen vier ausführliche Beispiele entweder gelungener oder misslungener gesellschaftlicher Zuwendung, die ihn in jüngerer Zeit aus unterschiedlichen Gründen besonders beschäftigt haben. Dabei geht es etwa um die mühsame Aufdeckung jahrelangen schweren Missbrauchs von Schülerinnen und Schülern an der Odenwaldschule, einem Internat in Hessen. Erste Zeitungsartikel hierzu gab es bereits um die Jahrtausendwende, blieben aber praktisch folgenlos, weil sich viele Journalisten und Politiker damals derartige Verirrungen und Verbrechen hoch angesehener Reformpädagogen schlicht nicht vorstellen konnten. Erst ein Jahrzehnt später gelang es den Opfern, sich Gehör zu verschaffen – was, fragt Pörksen, hatte sich in der Zwischenzeit an den Bedingungen ihrer Kommunikation geändert, sodass man ihnen nun endlich zuhörte?

Wie es am Anfang des Ukraine-Krieges lief

Der Autor schildert dies detailliert mit Elementen der journalistischen Reportage und mit starker persönlicher Parteinahme. Ähnlich gespickt mit viel Vor-Ort-Recherche und direkten Begegnungen mit handelnden Personen geht es auch bei den anderen drei Beispielen zu: Bei der Frage, wie es der Ukraine gelingen konnte, nach dem Beginn des russischen Überfalls im Februar 2022 die Empathie großer Teile zumindest der westlichen Medienöffentlichkeit zu wecken – nachdem die Losung anfangs noch fast unisono gelautet hatte, keine drei Tage könne sich Kiew dem übermächtigen Angreifer aus Moskau erwehren; eine rasche Kapitulation sei wohl das vernünftigste.

An der Westküste der USA wiederum hat Pörksen die Veteranen des Internets und der Netzkommunikation aufgesucht, um zu schildern, mit welchen Hoffnungen auf eine zukünftig kreative und hierarchiefreie Menschheit diese die Anfänge der digitalen Revolution verknüpften. Hier bekommt sein Buch geradezu märchenhafte Züge. Und schließlich – nun kommt Luisa Neubauer ins Spiel – fragt er, woran es liegt, dass seit Jahrzehnten trotz unabweisbarer Faktenlage ein Großteil der Menschen keinerlei wirklich entscheidende Konsequenzen aus der globalen Klimaveränderung ziehen mag und darum auch die Politik global erschreckend tatenarm bleiben kann.

Trump und seine digitalen Helfer

Gemessen am Umfang des Beispielteils bleiben zum Abschluss die Schlussfolgerungen oder gar die Ratschläge für ein besser gelingendes gesellschaftliches Zuhören, die man sich als Leser natürlich erhofft hat, ein wenig schmal. Pörksen warnt vor der „Refeudalisierung des öffentlichen Raums“ durch einige wenige Digitalkonzerne vor allem in den USA – und dabei konnte er zur Drucklegung des Buches noch gar nichts wissen von der neuen politischen Allianz, welche die Chefs dieser Konzerne in jüngster Zeit mit dem wiedergewählten US-Präsidenten Donald Trump geschlossen haben.

Pörksen beklagt zudem die „Programmierung der Ungeduld“, die in den sozialen Netzwerken herrsche und jede „Ruhe zum Zuhören“ letztlich unmöglich mache – wobei unausgesprochen an dieser Stelle auch starke Kritik an der Entwicklung des professionellen Journalismus der klassischen Redaktionen von Presse, Funk und Fernsehen durchscheint, die man durchaus klarer hätte formulieren können.

Lieber Drogen oder Meditation?

Der Medienwissenschaftler warnt schließlich vor den Gefahren übereilter Abstraktion, indem ein Zuhörer sein sprechendes Gegenüber zu schnell einordnet in Kategorien von Freund oder Feind, glaubwürdig oder unglaubwürdig, seriöser Quelle oder Wirrkopf. Pörksen wirbt für die Verständnis fördernde Kraft der Nuancierung, für das Erforschen nach Gründen und Ursachen, nach Erfahrungen des Gegenübers, die diese oder jene beim ersten Zuhören verstörende Meinung haben entstehen, wachsen, sich verfestigen lassen. Das wäre zweifellos in der nun seit Jahren ängstlich vermiedenen Auseinandersetzung mit den Folgen der Corona-Politik ein hilfreicher Ansatz gewesen.

Also alles zweifellos wünschenswert – aber wie genau zu erreichen? Bei der Frage, wie man sich dem ständigen Neuigkeitendruck im Netz entziehen soll, dem digitalen Autokratenregime der Algorithmen, bleiben im Buch leider nur Hinweise auf einige Protagonisten aus dem „Zuhören“-Beispielteil: Den einen, so Pörksen, sei dies mit Meditation und Esoterik gelungen, den anderen mit kontrollierten Drogentrips. Bleibt zu hoffen, die Medienwissenschaft findet hier noch einen Mittelweg.

Bernhard Pörksen: Zuhören. Die Kunst, sich der Welt zu öffnen. Carl Hanser Verlag, München. 330 Seiten, 24 Euro.