Coverbild von „Hitlers Interviews. Der Diktator und die Journalisten“ von Lutz Hachmeister. Foto: Kiepenheuer&Witsch

Medienforscher Lutz Hachmeister hat die Interviews Adolf Hitlers mit der Auslandspresse analysiert und zieht unheimliche Parallelen zur Gegenwart.

Tilmann P. Gangloff

Diktatoren und Autokraten unserer Tage werden gern mit Adolf Hitler verglichen, was zwar legitim, aber nicht zielführend ist. Lohnend ist allerdings ein Vergleich der Methoden, weshalb Lutz Hachmeisters Buch „Hitlers Interviews“ stellenweise verblüffend aktuell wirkt. Neben allerlei skurrilen Anekdoten rund um den für seine ausufernden Monologe berüchtigten „völkischen Faselanten“ sind die Ausführungen des vor einigen Monaten im Alter von knapp 65 Jahren überraschend verstorbenen Medienforschers nicht zuletzt wegen der Bezüge zur Gegenwart interessant.

 

Zwiegespaltenes Verhältnis zur Presse

Donald Trump ist nicht Hitler, aber die Medienstrategien der beiden Politiker weisen, wie Hachmeister den Schriftsteller T.C. Boyle zitiert, „unheimliche Parallelen“ auf: Auch Trump manipuliere die Menschen so stark mit Fake News, Propaganda und Hass auf Minderheiten, „dass sie am Ende gar gegen ihre eigenen Interessen wählen.“

Mindestens so ergiebig wie die Analysen sind Hachmeisters Schilderungen der Begleitumstände. Wie alle Männer seines Schlags hatte Hitler ein äußerst zwiespältiges Verhältnis zum Journalismus. Natürlich war er sich der enormen Bedeutung der Presse bewusst, aber Interviews gab er kaum, zumal er die meisten Tageszeitungen als „Judenblätter“ betrachtete. Stattdessen verfasste er eigenhändige Beiträge für das NSDAP-Parteiorgan „Völkischer Beobachter“. Gegenüber der Auslandspresse war er aus Gründen des „Politmarketings“ zugänglicher.

Hachmeister hat über hundert Exklusivinterviews gezählt, die meisten für Publikationen aus Großbritannien und den USA. Die größtenteils männlichen Interviewer beschreiben die jeweilige Gesprächsatmosphäre jedoch übereinstimmend als feindselig. Selbstironie war dem „Führer“ völlig fremd, und wenn man es wagte, sich kritisch zu äußern, konnte Hitler, der sich bis 1933 sogar für seine Antworten bezahlen ließ, offenbar auch mal aus der Haut fahren. Die Fragen hatten ohnehin vorab vorzuliegen.

Analysen zur Medienlandschaft jener Jahre und heutigen sozialen Medien

Quasi nebenbei analysiert Hachmeister, einst Direktor des Grimme-Instituts, später Gründer und langjähriger Leiter des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik, die von Joseph Goebbels geradezu perfekt genutzte Medienlandschaft jener Jahre; dem Propagandaminister hat der Grimme-Preisträger („Schleyer – Eine deutsche Geschichte“, 2004) schon vor Jahren ein Buch und einen Dokumentarfilm gewidmet („Das Goebbels Experiment“, 2008).

Ein 130 Jahre altes Zitat von Gustave Le Bon, dem Begründer der Massenpsychologie, liest sich wie ein Kommentar zu den sogenannten sozialen Medien: „Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern.“ Hachmeisters ausführlicher Epilog schlägt endgültig den Bogen zur heutigen Zeit her. Anhand mehrerer Beispiele veranschaulicht der Medienpublizist, mit welchen Tricks zum Beispiel Wladimir Putin arbeitet, um seine Gesprächspartner zu verunsichern; und wie sich andererseits Narzissten aus der Reserve locken und vorführen lassen, vorausgesetzt, der Wortwechsel ist perfekt vorbereitet.

Trotzdem rät Hachmeister davon ab: Journalistische Interviews mit Diktatoren und Autokraten „ergeben sehr wenig Sinn.“

Lutz Hachmeister: „Hitlers Interviews. Der Diktator und die Journalisten“. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2024. 380 Seiten, 28 Euro.