Jonas Urbat hat in Schiltach das geschaffen, was er selbst in seiner Jugend vermisst hatte: Einen Begegnungsort für queere Jugendliche und junge Erwachsene.
Ein Montagabend, halb sechs, im Schiltacher Jugendtreff. Die Eingangstür steht offen, aus dem Inneren dringen aber noch keine Geräusche heraus, wie es üblich ist, wenn die Kinder und Jugendlichen dort Billard spielen, in der Werkstatt basteln oder in der Küche gemeinsam kochen.
Jonas Urbat hat es sich mit seinem Laptop in einem Sessel bequem gemacht, er trägt einen dunkelgrauen Kapuzenpullover und eine pinke Cap. Der 34-Jährige, der als Tubist und Musikproduzent arbeitet, ist nach vielen Jahren in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Auf seinem Weg als Musiker bereiste er die Welt, studierte an der Musikhochschule in Stuttgart, lernte von Größen der Szene und erhielt hochkarätige Auszeichnungen und Stipendien.
Niedrigschwelliges Angebot
Es gehe nicht um ihn, betont Urbat im Gespräch mit unserer Redaktion, das sich um den Treff für queere Jugendliche und junge Erwachsene drehen soll, den er ins Leben gerufen hat. Aber sein Lebensweg ist ein Teil der Geschichte. Denn erst als Urbat mit 18 wegzog, fand er das, was ihm in seiner Jugend in Schiltach gefehlt hatte und was er nun selbst geschaffen hat: Einen Raum, in dem sich queere Menschen begegnen können, sich sicher fühlen und der ihnen leicht zugänglich ist. Für Urbat war dieser Raum mehr als nur eine Wunschvorstellung, er machte ihn sogar zur Bedingung für eine Rückkehr nach Schiltach: „Wenn ich zurückgehe, will ich einen queeren Jugendtreff gründen“, sagte er sich.
Zu sagen, dass er bei den Verantwortlichen des Kinder- und Jugendbüros auf offene Ohren stieß, wäre eine Untertreibung. Er bekam sogar zu hören, dass ein solches Angebot „seit Jahrzehnten überfällig“ sei. Auch bei den Bürgermeistern von Schiltach und Schenkenzell lag das Thema auf dem Tisch; in der Jugendumfrage in Schenkenzell war es explizit gewünscht worden, wie Urbat berichtet. Ein vergleichbares Angebot gebe es in der Region nicht.
Und doch wusste Urbat vor dem ersten Treffen Anfang Mai nicht, ob Jugendliche der Einladung folgen werden, die er in den sozialen Medien, der Presse und mit Flyern und Plakaten verbreitet hatte. Gerade junge Menschen hätten Angst vor Ablehnung, wenn sie offen mit ihrer Sexualität oder Geschlechtsidentität umgehen.
Urbat hat genau dafür den passenden Rahmen geschaffen, was sich nicht nur daran zeigt, dass er viel positives Feedback aus der Bevölkerung bekam und der Treff schon in den ersten Wochen vielfach besucht wurde. Eindrücklich berichtet er von dem bewegenden Moment, als er realisierte, dass ein Jugendlicher gerade zum ersten Mal offen über seine sexuelle Orientierung spricht. Wenn er dies nur einer Person ermöglichen könne, „dann hat es sich eigentlich schon gelohnt“, unterstreicht Urbat.
Vertrauen und Augenhöhe
Es gehe ihm aber nicht darum, eine Beratungsstelle zu bieten – wie bei den anderen Angeboten des Kinder- und Jugendbüros wird auch beim queeren Treff in lockerer Atmosphäre Billard gespielt, oder es werden Filme geschaut. Alles auf Augenhöhe und im Vertrauen, was auch der Grund dafür ist, dass Urbat das Pressegespräch eine Stunde vor den Treff gelegt hat. Denn jeden Montag ab 18.30 Uhr sollen die Jugendlichen dort in einem geschützten Rahmen offen über das sprechen können, was 90 Prozent der Menschen nicht erleben, wie Urbat betont.
Am Ende des Gesprächs hat Urbat noch etwas auf dem Herzen. Er sei Menschen begegnet, die sagen würden, dass es ihnen egal sei, ob eine Person queer ist oder nicht. Dabei habe ihm „irgendetwas gefehlt“, gesteht er. Es sei total wichtig, als Person, die der Norm entspreche, für andere einzustehen und bei Homophobie einzuschreiten. Das fange schon beim Wort „schwul“ an, das unter Jugendlichen gerne als Beleidigung genutzt wird. Junge Menschen bekämen dadurch die Angst, „dass ich das sein könnte, was immer als Schimpfwort benutzt wird.“
Begriff
Queer
Die Friedrich-Ebert-Stiftung definiert den Begriff wie folgt: „Queer ist ein Sammelbegriff für sämtliche geschlechtliche Identitäten und sexuelle Orientierungen, die sich nicht in das binär geprägte System der Heterosexualität einordnen lassen. Das aus dem Englischen stammende Wort hat über die Jahre einen Bedeutungswandel erfahren. Ursprünglich wurde es übersetzt mit: eigenartig, verschroben, verrückt. Es wurde benutzt, um abwertend über homosexuelle Menschen zu sprechen. Im Zuge der Aidsbewegung entstand der queere Aktivismus als Selbstbehauptung. (...) So gelang es, den Begriff zurück zu erobern, wie das englische Wort reclaiming sagt, und ihn positiv zu besetzen.“