Die Wandelhalle der Balinger Sichelschule. Dort hat der Balinger Fotograf Bernhard Jung Uli Johannes Kieckbusch nach einem Auftritt fotografiert. Foto: Jung

"All Is Loneliness" – alles ist Einsamkeit: Ein Virus mit Namen Corona hat Uli Johannes Kieckbusch den Anlass geliefert, Kompositionen, die von Einsamkeit erzählen, auf einer CD zu versammeln. Sie steckt voller Melancholie – und doch voller Farben.

Balingen/Wuppertal - Einen Kieckbusch erkennen seine Fans unter Millionen. Wie Uli Johannes Kieckbusch komponiert und in die Tasten seines Flügels greift – es ist einfach einzigartig. Das gilt auch für die Werke seiner jüngsten CD "All Is Loneliness", die er eigentlich nie veröffentlichen wollte. "Doch dann ist aus dem privaten Gefühl ein allgemeines geworden", sagt der Komponist, der Ende 2019, nach 22 Jahren in Balingen, nach Wuppertal gezogen ist.

Die Stimmung, in der er zwischen 2015 und 2017 die Werke geschrieben hatte, befiel plötzlich alle. Aus temporärem Alleinesein wurde kollektive Einsamkeit. Das Zurückgeworfensein auf sich selbst – vielleicht hat es niemand sonst in so schöne Klänge verwandelt wie Uli Johannes Kieckbusch.

Für ihn kam es doppelt dick: "Den Umzug nach Wuppertal habe ich gerade noch vor Corona geschafft", erzählt er. Die Stadt hatte er für sich erwählt, nicht weil ihn irgendetwas mit ihr verbunden hätte. "In Nordrhein-Westfalen hatte ich bisher noch nicht einmal ein Konzert gespielt", verrät er mit seinem einzigartigen Lachen: "Und eigentlich wollte ich nach Lissabon ziehen." Doch mit damals 65 ins Ausland gehen? Stattdessen schaute er sich in Deutschland um, verliebte sich in Wuppertal, "das ganz viel von Lissabon hat", wo er kein Auto braucht und Kultur ihn umgibt. Dass Peter Brötzmann, einer der weltweit besten Jazz-Saxofonisten, in seiner Straße wohnt: nur ein schöner Zufall.

Doch mit ihm geht es Kieckbusch wie mit allen anderen: "Meine Nachbarn muss ich nach Corona erstmal richtig kennenlernen." Zunächst einmal saß er alleine in seiner Wohnung, in die der Flügel mit Ach und Krach durchs Fenster transportiert werden musste, und erst jetzt wurde ihm, der nie zuvor Langeweile kannte und "immer genug zu tun" hatte, so richtig klar, "dass ich Menschen brauche, dass ich nicht alleine auf der Welt bin".

Der Möglichkeiten von Begegnung beraubt

In der Pandemie hat er angefangen, "Kleine Wuppertaler Stücke" zu schreiben, bisher rund 60, von denen die ersten 30 demnächst als Notenwerk erscheinen. Überhaupt hat er passend zur Zeit viel komponiert, damit auch "das Virus verhöhnt". Das Gefühl jedoch, der Möglichkeiten von Begegnung beraubt zu sein, treffen seine Stücke, die er noch in Balingen komponiert und auf seinem Bösendorfer Grand Piano 225 – "einem der besten Flügel, die ich kenne" – eingespielt hatte, viel besser.

Ein Künstlerstipendium des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft Nordrhein-Westfalen machte es möglich, die CD hochwertig zu produzieren. Und so entfaltet die Musik ihre ganze Schönheit, getaucht in tiefe Melancholie.

Einzig den Gospel "Sometimes I Feel Like a Motherless Child" hat Kieckbusch nicht selbst geschrieben, sondern in seiner unverwechselbaren Art neu arrangiert. Der Titelsong "All Is Loneliness" ist seine Neuinterpretation des "Moondog-Songs", den Janis Joplin weltbekannt gemacht hat und den Kieckbusch mit einer ergreifenden, zweieinhalbminütigen Einleitung veredelt.

Zwölf Stücke entstammen komplett seiner Feder und seiner ausgeprägten Improvisationskunst und -leidenschaft. Gleich im ersten "F-A-E", das tatsächlich mit diesen Tönen beginnt, greift er Joseph Joachims Motto "Frei, aber einsam" auf, das der F.A.E.-Sonate von Robert Schumann, Johannes Brahms und Alber Dietrich zugrunde liegt, die sie 1853 für den Violinisten Joachim komponiert hatten.

"Miss Understood" ist der "doppeldeutige Titel für recht eindeutige Musik: das Lamento eines Missverstandenen", wie er sagt. "Lyrische Inkurvation" beschreibt die Krümmung, die manches Leben durch Corona genommen hat, "Niella" holt in Moll mit schwerem Anschlag die Melancholie tief aus dem Herzen des Komponisten, und in "Le Pendule" lässt er zwei Töne hin- und herpendeln, die so trefflich die Eintönigkeit des Lockdowns zum Klingen bringen.

"Ich will traurig sein ohne Schuld"

"Freudige Musik langweilt mich", sagt Kieckbusch, und das sei schon immer so gewesen. Doch er will "traurig sein ohne Schuld", wie im gleichnamigen Stück "Quero Estar Triste Sem Culpa" – ein Satz, den er auf einem Mosaik in Lissabon entdeckt hat. Auch für "Coronão" hat er die Sprache, die er gerade paukt, verwendet und den Namen des Virus mit der portugiesischen Verneinung verbunden. Zur "Mitternacht" lässt er es dunkel werden, "Nächtens" die Einsamkeit herabregnen, und der "Abwesenheit" – französisch: "L’Absence" – hat er gleich zwei Werke gewidmet.

Einen "schönen, versöhnlichen Schlusspunkt" wollte Kieckbusch mit dem 14. Stück setzen: "Ist es schreiten, ist es gleiten, ist es weiden, ist es leiden?" Für sich hat er diese Frage noch nicht abschließend beantwortet, doch eines bleibt ihm, auch in dieser verrückten Corona-Zeit und in immer noch neuer Umgebung in Wuppertal: "Sobald ich unausgeglichen werde, komponiere ich. Dann geht es mir wieder gut", sagt er. Dann lacht er herzlich, wie nur Uli Johannes Kieckbusch lacht, und wundert sich: "Ich weiß gar nicht, wie andere das machen."

"All Is Loneliness" von Uli Johannes Kieckbusch mit einem Foto des Balinger Fotografen Bernhard Jung ist erhältlich in der Buchhandlung Rieger in Balingen, bei "Osiander" in Balingen und Ebingen sowie unter E-Mail cd@kunstundmusik.com und im Internet unter www.uli-johannes-kieckbusch.de – dort gibt’s auch Hörproben.

 Link zum Balinger Abschiedskonzert 2019: www.youtube.com/playlist?list=PLTUxGPbpPNCnnoLfO3MxKyYqbGSAE1EMC

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