Schwierige Kindheit, Lampenfieber, emotionale Aufs und Abs, musikalische Erfolge und Misserfolge. In ihrer nun erschienenen Autobiografie erinnert sich die 78-jährige Cher an ihre ersten 35 Lebensjahre.
„Berühmt werden ist schwierig, ein Comeback beinahe unmöglich“, schreibt Cher in ihrem aktuell erschienenen Buch „Cher. Die Autobiografie, Teil eins“. Als ihre Karriere und Finanzen am Ende scheinen, ist sie zu diesem Zeitpunkt gerademal 23 Jahre alt. Gemeinsam mit Sonny, der ihr Ehemann und musikalischer Partner ist, müssen Sonny & Cher nun von vorne anfangen. Nach nur fünf Jahren Erfolg.
Kochen im Motelzimmer
Der Leser erfährt aus ihrer ganz persönlichen Sicht, was Neuanfang für das erfolgsverwöhnte Duo bedeutet. Die Sängerin erzählt wie die Band ab 1969 zwei Jahre lang durch Bars, Hotels und Motels tingelt, im Motelzimmer kocht, um Geld zu sparen und manchmal nur vor vier Menschen spielt. Und beinahe beiläufig erzählt Cher, wie es zu dem legendären Comeback des Duos kam: Als sie an einem dieser Abende von der Situation und dem Publikum komplett genervt ist, beginnt sie sich mit der Band zu unterhalten. Die Zuschauer der besagten Show fangen an zu lachen und Cher erkennt ihr komödiantisches Talent. An dieser Stelle ist der Leser bereits bei Seite 308 und Cher ist erst 25 Jahre alt.
Die fortgeschrittene Seitenzahl ist auch damit zu erklären, dass Cher sich in der 494 Seiten starken Autobiografie nicht nur auf ihr eigenes Leben beschränkt. Sie geht in ihrer Familiengeschichte weit zurück, im ersten Buchdrittel bis zu ihren Urgroßeltern. Sie beschreibt die Armut, Gewalt und das Elend der Familie, erzählt, wie ihr Großvater Roy sich vornimmt die eigene talentierte Tochter, Chers Mutter, Jackie Jean zu einem Star zu machen. Dafür das kleine Mädchen durch Kneipen schleppt und sie dort auf dem Tresen singen lässt.
Chers eigenes Leben beginnt ebenfalls tragisch: Als Baby wird sie von ihrem leiblichen Vater Johnnie in ein Heim gesteckt, mit ungefähr elf muss sie miterleben, wie der Heroinabhängige Johnnie sich im Schlafzimmer einen Schuss setzen will und dabei das Zimmer in Brand setzt. Ihre Mutter trennt sich gleich mehrfach von ihm, leidet an Depressionen und Stimmungsschwankungen, zieht mit ihren beiden Töchtern immer wieder um, heiratet mehrmals vermögende Männer. Aber der Pool, großes Haus und die Sorglosigkeit erweisen sich als vergänglich.
Wie sehr Cher daran gewöhnt ist, dass das Glück fragil ist, zeigt sich 1964. Der Hit „Baby Don’t Go“, ist die Geburtsstunde von Sonny & Cher. Als der erste Erfolg einsetzt, kauft sie alles doppelt und ihr erster Gedanke nach der Pleite fünf Jahre später ist: „Zum Glück habe ich zwei Haartrockner gekauft“.
Sonny verbietet Cher Parfüm und Freundschaften
Mit einem gewissen Unglauben liest man über hunderte von Seiten wie sehr Cher unter Sonnys Fuchtel stand: kein Parfüm, keine Freundschaften mit Männern, kein eigenes Geld. Umso sprachloser macht das Ganze, als man detailliert erfährt, dass Sonny seinerseits zahlreiche Affären hatte (von denen alle außer Cher wussten) und er die Verträge so ausgehandelt hatte, dass sie nahezu nichts von den gemeinsamen Einkünften abbekam. All das scheint gar nicht zu der Cher zu passen, die man auf den 24 Fotoseiten zu sehen bekommt, und die einen Blick in das (Privat-)leben der vermeintlich extrovertierten und exzentrischen Künstlerin erlauben.
Cher erzählt ihre Geschichte ungeschminkt und in einem nüchtern-berichtenden Tonfall, streckenweise wirkt sie beinahe distanziert. Zudem ist es an manchen Stellen nicht einfach, ihren Erzählungen zu folgen. Zwar ist von Anfang an klar, dass die Biografie den Zeitraum der ersten 35 Jahre ihres Lebens abdeckt, dennoch wären aufgrund der Fülle an Informationen mehr Jahreszahlen und Altersangaben hilfreich. Zumal Cher hin und wieder vom eigentlichen Thema abkommt, sich in Details verliert oder Wissen voraussetzt, das dem internationalen Publikum schlichtweg fehlt: Dies ist beispielsweise bei dem Begriff „Chapter 11“ der Fall, der ein Konkursverfahren in den USA beschreibt.
Ein Buch reicht nicht aus
Die nüchterne Erzählweise bekommt ab dem Zeitpunkt mehr Schwung als Cher die ersten Erfolge mit Sonny & Cher feiert. Fast scheint es, als seien Chers eigene Erinnerungen von nun an lebendiger. Mit viel Liebe schreibt sie über ihre beiden Kinder, darüber wie sie sich ein Zuhause aufbauen will, von ihrem Lampenfieber vor Auftritten, vom Spaß, den sie (mittlerweile Solokünstlerin) und ihre Assistentin Deb hatten, wenn sie zu den Las Vegas Shows gefahren sind.
Mit den Las Vegas-Shows endet auch das Buch – und mit einem Cliffhanger. Die nun 35-Jährige hat den Wunsch, Schauspielerin zu werden, erhält jedoch nur Absagen: zu dünn, zu groß, zu wenig blond. Doch jetzt will sie es nochmal versuchen.
Wie der Titel es bereits ankündigt: Ein Buch reicht nicht aus, um Chers gesamtes (filmreifes) Leben darin unterzubringen. Und so kündigt die Biografie der heute 78-Jährigen an: Teil zwei wird folgen. Und nach dem ersten Band ist klar, dass die Öffentlichkeit bei Weitem nicht alles über sie wusste, auch wenn man es oft glaubte.
Cher. Die Autobiografie, Teil eins, 496 Seiten , 34 Euro.