In „Eine Affäre ohne Menschen“ erzählt die japanische Autorin auf einzigartige Weise vom Aufstand der Dinge gegen einen politischen Irrläufer.
Bei dem Schreiben über den neuen Roman von Yoko Tawada könnte es passieren, dass man sich von den Buchstaben der Tastatur streng beobachtet fühlt. Denn man lernt darin, dass wir bei allem, was wir tun, Zeugen haben. Normalerweise allerdings bleiben sie stumm.
Nicht so bei der 1960 in Tokio geborenen Autorin, die in ihrem Schreiben ein einzigartiges literarisches Import- und Exportunternehmen zwischen ihrem Geburtsland und der Wahlheimat Deutschland gegründet hat. Wie Sendboten verkehren ihre sowohl auf Japanisch wie auf Deutsch geschriebenen Bücher von einem Reich der Zeichen in das andere, beladen mit kostbaren Erfahrungen, wie Sprache unseren Weltzugang prägt.
Das jüngste Buch der alljährlich für den Literaturnobelpreis gehandelten Autorin, „Eine Affäre ohne Menschen“, bringt nun jene Umgebung zum Sprechen, in die das sehr tägliche Handeln gestellt ist, was für die Handlungsführung prompt nicht unerhebliche Konsequenzen mit sich bringt. Während die zeitgenössische Literatur gerade nicht ohne Grund alle Arten personalen Erzählens entfesselt, um die in eine Vielzahl von Perspektiven zersplitterte Wirklichkeit einzufangen, begibt sich Yoko Tawada an den entgegengesetzten Pol, an dem nicht mehr Personen, sondern Dinge Schalten und Walten. Wobei: Wenn sie es denn tun, einige nämlich geben hier der Reihe nach den Geist auf. Aber das ist schon Teil der Geschichte, die sich über 44 Tage hinweg entfaltet.
Ihre Protagonisten sind Duschköpfe, Kaffeemaschinen, Sneaker, während die, die damit umgehen oder darin stecken, sich mit einer Nebenrolle begnügen müssen. So scheint es zumindest zunächst. Wenn die Dinge aufsässig werden, zeigt sich erst, welchen Platz sie einnehmen, umso mehr, wenn sie beginnen, ihren Dienst zu verweigern und in einen Dornröschenschlaf verfallen. Es beginnt mit der Kaffeemaschine, die an Tag 3 nach Knopfdruck einfach stur bleibt. An Tag 7 folgt der Rasierer, wenig später kommt aus dem Duschkopf nur noch kaltes Wasser, an Tag 11 signalisiert der Drucker Papierstau. Aber ganz schlimm wird es an Tag 26, als der Handteller dunkel bleibt. Denn natürlich gibt es auch hier eine Hierarchie unter den Dingen, und der Handteller ist nichts anderes als das kluge Telefon, das alle in den Händen halten, ohne zu merken, wer hier wen im Griff hat.
Runen, Kreuze und Parolen in Fraktur
Man könnte das Erzählverfahren anfangs für die Repoetisierung einer abgegriffenen, ausdruckslosen Lebenswelt halten: Wenn „gegen die Innenseite des Damenrocks aus Kupfer und Zinn eine metallene Zunge Gottes schlägt“, erwacht man aus gedankenlosem Schlaf in eine Wirklichkeit, in der ein altmodischer Wecker einen neuen Tag voll unverbrauchter Wahrnehmungen verspricht. Aber je tiefer man eindringt, desto bedrohlicher erweist sich, was sich im Hintergrund abspielt.
Da häufen sich Zeichen und Zahlen, die sich um die Farbe Braun gruppieren, Doppelachter, die mit dem achten Buchstaben des Alphabets verboten grüßen, Runen und Kreuze, Parolen in Fraktur. Wie in einem Vexierbild ist, was sich daraus ergibt, in den Aufstand der Dinge eingezeichnet. Ja, womöglich ist diese dunkeldeutsche Affäre überhaupt das, was ihn motiviert. Es bleibt die Aufgabe der Lesenden, das Geschehen aus Spuren zu rekonstruieren.
Seltsame Sexszenen
Offensichtlich ist der zu den Sneakers Gehörige jemand, der schon einmal im Knast war, was wohl mit seinem politischen Rechtshändertum zu tun hat; sein Tagwerk im Büro muss man als Wiedereingliederungsmaßnahme begreifen. Nachts kann er in die dingliche Ausstattung der Nachbarwohnung blicken, worin, wie es aussieht, eher Linkshänder zugange sind, die sich auf ihre Weise rüsten. „Die menschlichen Ideologien sind eine dünne Staubschicht auf den Materialien“, heißt es an einer Stelle.
Irgendwann begegnen sich zwei Kaffeetassen, die über weltanschauliche Gräben hinweg eine zerbrechliche Amour fou begründen. Und vielleicht war man noch nie Zeuge so seltsam indirekter Sexszenen. Am Ende fügt die Liebe die Scherben einer verkorksten Neonazibiografie zu etwas Hoffnungsvollerem zusammen. Parallel zum Entschlüsselungsprozess der Botschaften, die die Dinge senden, läuft nämlich das Erwachen eines tätowierten völkischen Nobodys zum Ich.
Es gibt von dem flämischen Renaissancemaler Pieter Bruegel dem Älteren ein Bild, das die Bedeutungsebenen kunstvoll verschleift: Es zeigt eine weite Küstenlandschaft mit Alltagsszenen. Groß im Vordergrund pflügt ein Bauer seinen Acker, das Eigentliche aber geschieht beiläufig: Beinahe unbemerkt verschwindet Ikarus nach seinem Himmelsturz am rechten unteren Bildrand in den Wogen.
Auf ähnliche Weise erzählt Yoko Tawada von den falschen Mythen und hochfahrenden rechten Herrenmenschenphantasmen, die unsere Gesellschaft auseinandertreiben. Dass ihr eigenwilliger Bildungsroman eine gute Wendung nimmt, ist dem wachsamen Animismus der Dinge zu danken. Auf diese Weise der Beseelung sollte man sich aber nicht verlassen.
- Yoko Tawada: Eine Affäre ohne Menschen. Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, Tübinge. 170 Seiten, 15 Euro.
Info
Autorin
Yoko Tawada, 1960 in Tokio geboren, studierte Literaturwissenschaft in Tokio, Hamburg und Zürich, lebt seit 1982 in Deutschland und seit 2006 in Berlin und schreibt auf Japanisch und Deutsch Prosa, Lyrik, Essays, Theater- und Hörspiele. Für ihr formal und sprachlich experimentelles Werk über Übersetzung, Migration und Mehrsprachigkeit wurde sie mit zahlreichen internationalen Auszeichnungen geehrt, mit der Goethe Medaille, dem Kleist Preis, dem National Book Award for Translated Literature sowie jüngst dem Nelly Sachs Preis.
Verlag
Yoko Tawadas Bücher erscheinen im Tübinger Konkursbuch Verlag, der in diesem Jahr mit dem Großen Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet wurde. Zu feiern gibt es außerdem neben dem Nelly-Sachs-Preis für Yoko Tawada die 40. Ausgabe des Jahrbuchs für Erotik „Mein heimliches Auge“.