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Miranda July hat mit „Auf allen vieren“ einen Roman über Frauen und ihr Begehren geschrieben, der nicht zeitgeistiger sein könnte. Kaum zu glauben, dass es der US-Autorin gelingt, daraus große Kunst zu machen.

Der Schreibtisch der Erzählerin hat ein Bein, das zu kurz ist, es muss diskret gestützt werden. Das Hingemogelte fällt nicht weiter auf, aber sie weiß es, diese Künstlerin und Familienmutter in Los Angeles, das Alter Ego der Schriftstellerin Miranda July in ihrem neuen Roman „Auf allen vieren“. Und so wie der Tisch ein bisschen mogelt, was seine Stabilität angeht, glaubt es auch sie zu tun, die Erzählerin, fühlt sich zumindest so seit der Geburt ihres Sohnes vor sieben Jahren. Denn wer ist sie wirklich – eine Grünkohlsalat-Mom? Echt? Es geht um dieses Gefühl, leicht windschief im Leben zu stehen und immer zu hoffen, dass es keiner merkt, vor allem zu Hause nicht.

 

„Ächz, ächz, puh“ nennt die Erzählerin ihren Lebensstil. Das, was die meisten als Normalität bezeichnen, auch diese Mutterschaft. Die beschreibt sie als Jahre, in denen die Frau „nur im freien Fall durch das Chaos rauschen, wie eine Irre Sandwiches machen konnte“ und dabei etwas wie „die vollkommene Liebe“ erfährt. Vor dem Kind hatten die Erzählerin und ihr Mann, ein Musikproduzent, als „moderne und kreative Menschen“ ganz und gar „in ihren Träumen von der Zukunft“ gelebt. Dann kam das Kind und anfangs sogar noch ein verzweifeltes, irres Bangen um das Überleben dieses Kindes: „Wer zum Teufel waren wir gewesen?“, fragt sie später, „Hungernde Jäger? Hatten wir zusammen den Donner Pass überquert?“

Was fühlt die Frau noch, tief im Bauch der Familienmaschine?

Von der Gewaltigkeit des Alltäglichen handelt dieses Buch. Und von der Frage danach, warum wir das alles für so normal halten, diese unglaubliche Sache, dass Menschen geboren werden und einfach sterben zum Beispiel. Das ist eine ziemliche Fallhöhe vom Grünkohlsalat. Denn diese L.A.-Hipster sind eigentlich Spießer. Doch ohne das geht dieses Leben nicht, glaubt die Protagonistin anfangs. Was fühlt die Frau noch, tief im dunklen Bauch der Familienmaschine? „Ich wusste, dass ich ein Lächeln auf dem Gesicht hatte“, heißt es einmal. „Aber wie groß war es?“ Die Erzählerin muss sich mit den Fingern ins Gesicht fassen, um es zu ertasten.

Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass Miranda July, 50, seit zwanzig Jahren eine von den Feuilletons gefeierte Ikone der Popkultur ist. 2005 gewann sie mit ihrem Film „Ich und Du und Alle, die wir kennen“ die Goldene Palme in Cannes, sie schrieb Bücher, veröffentlichte Filme und Kunstwerke, beeinflusste viele später erfolgreiche Künstlerinnen und Regisseurinnen wie Greta Gerwig oder Lena Dunham. Zur Zeit kann man eine Art Retrospektive ihrer Kunst in Mailand besuchen. Die gilt als hoch skurril, verspielt, verkopft und vor allem sehr intim.

Nicht verwunderlich ist demnach, wenn ihre Protagonisten meist, wie so häufig in der zeitgenössischen Literatur, kaum von ihr als Person unterscheidbar sind. In der öffentlichen Wahrnehmung wird alles miteinander verwoben: die lockenköpfige, ewig jungmädchenhafte July, die man auf ihrem Instagramkanal oft tanzen sieht und diese aktuelle Geschichte, die von einer 45-jährige Frau handelt, die aus ihrer Ehe ausbricht, eine Affäre beginnt, in die Wechseljahre kommt, und das alles in feinsten Seidenkleidern, umgeben von den entsprechenden Künstlerkreisen, mit dem Po auf teurem Mobiliar.

Die Frau bricht auf zu einem Roadtrip und beginnt eine Affäre

Das ist eines der Angebote, die dieser Text macht, ein popliterarisches, leicht zugängliches, bei dem so ziemlich alle zeitgenössischen Debatten über Feminismus, Sex, Partnerschaft, binäre oder queere Identitäten und den weiblichen Körper aufgegriffen werden. Doch darin entfaltet sich auch ein Kunstwerk des Erzählerischen, voller poetologischer Kraft und assoziativer Stärke. Nicht immer ist das gleich durchschaubar, etwa wenn im Spiel des Kindes Emotionen reinszeniert werden: Ein Legoturm wird der Erzählerin zum sinnbildlichen „Denkmal des Verlassenwerdens“, der nicht nur in jede rechtwinklige Ecke, sondern auch „auf jeden Verlust“ passt, „egal wie groß oder klein“.

Zu Beginn der Erzählung bricht die Frau auf zu einem Road Trip Richtung New York. Doch sie schafft es gerade mal bis in den Speckgürtel von L.A.. Als ein junger Mann an der Tankstelle ihre Windschutzscheibe putzt, hat sie mit ihm „einen Moment“, schaut ihm tief in die Augen. Ohne genau zu wissen, warum, bleibt sie in einem Motel, heimlich, und zahlt 20 000 Dollar, um sich ihr Zimmer mit der Nummer 321 von der Frau des Windschutzscheibenmannes, einer Raumausstatterin, so mondän ausstatten zu lassen wie die Zimmer im Le Bristol in Paris. Es wird zur Höhle in goldenem Licht, in dem sie sein kann, wie sie will – und den 15 Jahre jüngeren Mann treffen. Und wenn es eine Errungenschaft des Feminismus gibt, dann die, dass die Lächerlichkeit erotischen Begehrens nicht mehr den Männern vorbehalten ist, ebenso wenig wie die Fähigkeit, das Begehren zum Motor für die Kunst zu machen. Der Scheibenwischermann tanzt, denn eigentlich will er Tänzer sein, und sie ist wie vom Donner gerührt, sieht darin „nichts als die Wahrheit“. Warum sollte sich die Grande Bellezza des Lebens nur Männern beim Anblick junger Frauenbrüste offenbaren?

Fortan dreht sich alles um die Anbetung des Mannes. July schreibt: „Nach all den Jahren, in denen mich in meinem Kopf Stiefväter, Firmenchefs und Ärzte belästigt hatten, wusste ich nicht genau, ob ich mich mit diesem Jüngling mit seiner Brust und den Brustwarzen vereinigen konnte, ob seine Lenden nicht doch zu süß und zu heilig waren.“ Und das ist auch ein bisschen Woody-Allen-Komik, denn schnell steht fest: Doch, das geht schon. Zumindest in ihren Fantasien.

Ist sie eine „entgleiste verheiratete Mutter, die jetzt endgültig abstürzt“?

„I Love Dick“, der feministische Klassiker der US-Autorin Chris Kraus aus den 90ern, nimmt ein weibliches Begehren – die Protagonistin schreibt Liebesbriefe und findet sie „das Echteste, was ich je getan hatte“ –, um eine Kunst zu schaffen, bei der „das Persönliche universalisiert“ und „zum Thema dieser Kunst“ werden soll. Die begehrende, schreibende, ja die scheiternde Frau ist nicht diese durchgeknallte und bemitleidenswerte Wilde, für die man sie hält. Sie ist die Herrin ihrer eigenen Geschichte, sie schaut und begehrt selbst und erzählt. Dass diese Blickumkehr keineswegs eine gesicherte Errungenschaft und Erzählvariante ist, zeigen die Konflikte der Protagonistin bei July.

Sie weiß genau, wie sie auf andere wirkt – wie eine „entgleiste verheiratete Mutter, die jetzt endgültig“ abstürzt. Als sie ein Video ins Internet stellt, in dem sie leicht bekleidet tanzt, fragt ihr Mann: „Was, wenn das einer von Sams Freunden gesehen hat?“ Sie ist fassungslos, sieht sie sich doch als „eine pulsierende amorphe Lichtkugel, die sich in eine mütterliche und ehefrauliche menschliche Form einzupassen“ versuche. „Dass ich überhaupt irgendetwas anhatte, ever, das war mein Zugeständnis an die Eltern von Sams Freund*innen.“

Und weil man als tragische Frauen- oder Muttergestalt nie allein ist, sondern in einer langen Reihe tragischer Mütter- und Frauenfiguren in der eigenen Familie steht, haben sich die Großmutter und Tante der Erzählerin jeweils im mittleren Alter aus einem Fenster in den Tod gestürzt. Kann es eigentlich weitergehen nach den Wechseljahren, fragt die Erzählerin naiv. Doch sie ist nicht lebensmüde, nicht „im Todessektor“, wie ihr Vater die Depression nennt. Sie beginnt, sich wie eine Raupe zu entpuppen, tanzt, schläft mit Frauen – intimer als je zuvor. Auf ihrer Suche nach einer Behausung für das unbekannte Tier in sich hat sie Zimmer 321 erschaffen und unglaublich oft Beheimatung in jemand anderem gesucht. Was, wenn es das gar nicht braucht? Selbst wenn eines der Beine oft nicht lang genug ist. Ihre Freundin Jordi sagt einmal: „Auf allen vieren wirft einen so schnell nichts um.“

Weitere Infos

Autorin
 Miranda July, 1974 geboren als Miranda Grossinger in Barre, Vermont, ist bekannt als Autorin, Regisseurin, Schauspielerin und Performancekünstlerin. Sie lebt mit Kind und Mann in Los Angeles.

Buch
 Fast zehn Jahre sind seit ihrer letzten Buchveröffentlichung vergangen, jetzt erschienen ist „Auf allen vieren“ im Verlag Kiepenheuer & Witsch, 416 Seiten, 25 Euro.

Ausstellung
 Miranda July: New Society. Osservatorio Fondazione Prada, Mailand, bis 14. Oktober 2024.