Die Visualisierung der K9 Architekten zeigt, wie die Quartiersmitte der neuen Siedlung Reichenhalden aussehen könnte. Foto: K9 Architekten

Bevor auf dem Areal der Wohnsiedlung Reichenhalden ein neues Quartier entstehen kann, müssen viele Hürden genommen werden. Auch die Finanzierung ist noch offen.

Auf dem Areal der Wohnsiedlung Reichenhalden möchte die Gemeinde Empfingen eine neue Siedlung errichten. Bürgermeister Ferdinand Truffner beantwortet unserer Redaktion die wichtigsten Fragen zu dem Mega-Projekt, nachdem der Gemeinderat in dieser Woche das städtebauliche Konzept beschlossen hat.

 

Wie viele Bewohner leben aktuell in Reichenhalden und wie viele Wohneinheiten gibt es derzeit?

In den insgesamt 20 Gebäuden mit jeweils vier Wohnungen leben derzeit rund 160 Menschen. 18 dieser Wohnungen hat die Gemeinde von der BImA (Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, d. Red.) für die Unterbringung von Flüchtlingen erhalten – dafür bin ich sehr dankbar. Ohne diese Möglichkeit hätten wir Containerunterkünfte errichten müssen.

Was geschieht mit den bestehenden Gebäuden, wenn das neue Quartier gebaut wird – werden alle Gebäude abgerissen?

Die bestehenden Gebäude sollen schrittweise zurückgebaut und durch Neubauten ersetzt werden. Bei vollständiger Umsetzung des Konzepts werden letztlich alle heutigen Gebäude verschwunden sein.

Aktuell steht ein ehemaliges Kita-Gebäude in Reichenhalden leer. Ist bis zum Abriss eine Zwischennutzung vorgesehen?

Das Gebäude ist seit dem Hochwasser 2021 nicht mehr nutzbar und muss abgerissen werden. Der Krippenanbau, den die Gemeinde auf fremdem Grundstück errichtet hat, kann jedoch befristet zwischengenutzt werden – etwa als Baubüro. Andere Nutzungen sind ausgeschlossen.

Das Gebäude der ehemaligen Kita ist nach einem Hochwasser abrissreif. Foto: Daniel Begemann

Was soll aus den aktuellen Bewohnern werden, wenn deren Häuser abgerissen werden?

Wir wollen einen sozialverträglichen Übergang gestalten. Meine Vorstellung ist, dass wir in den Neubauten Wohnungen für Umzüge bereitstellen können. Das wird ein längerer Prozess. Flüchtlinge, die dort untergebracht sind, können leichter umgesetzt werden, da sie nach dem Obdachlosenrecht untergebracht sind und keine klassischen Mietverträge haben. Daneben gibt es jedoch auch langjährige Mietverhältnisse, teilweise aus den 1970er-Jahren – diesen Mietern müssen selbstverständlich passende Alternativen angeboten werden.

Wie stellt sich die Lage dar, falls Bewohner Reichenhalden nicht verlassen wollen?

Das lässt sich derzeit schwer abschätzen. Als Gemeinde kennen wir nicht alle bestehenden Mietverträge, so dass im Zweifel auch rechtliche Verfahren folgen könnten. Unser Ziel ist es, gemeinsam mit der BImA einen Umbauplan zu entwickeln, der auch den Umgang mit bestehenden Mietverhältnissen berücksichtigt.

Warum ist Ihnen als Bürgermeister der Kauf und die Neugestaltung von Reichenhalden wichtig?

Reichenhalden ist der Eingang zu unserer Gemeinde von der Autobahn kommend. Hier bietet sich die große Chance, einen neuen, attraktiven Ortseingang zu schaffen. Perspektivisch benötigen wir zusätzlichen Wohnraum – insbesondere mit Blick auf das interkommunale Gewerbegebiet Kompass81, neue Arbeitsplätze und die gute Anbindung an die A81. In seiner heutigen Form ist das Gebiet weder ansehnlich noch einladend.

Nächstes Jahr wollen Sie mit der BImA über den Kauf des Areals verhandeln. In welcher Größenordnung liegen die Kosten?

Die Verhandlungen werden Zeit in Anspruch nehmen, da zahlreiche Gutachten erforderlich sind. Konkrete Summen möchte ich derzeit nicht nennen – für einen Euro bekommen wir das Gelände leider nicht. Das habe ich bereits versucht. (lacht)

Wie wollen Sie dieses Großprojekt finanzieren?

Das ist noch offen. Über den Kernhaushalt kann die Gemeinde das Projekt nicht stemmen. Denkbar sind verschiedene Modelle: eine Zusammenarbeit mit Investoren, die Gründung einer Wohnbaugesellschaft oder eine Umsetzung in mehreren Etappen.

Wie sicher ist die Zustimmung der BImA für einen Verkauf?

Die grundsätzlichen Zusagen liegen vor – Berlin hat grünes Licht gegeben. (lacht)

Was sind die nächsten Schritte nach dem Kauf?

Zunächst stehen die Verkaufsverhandlungen an, danach der Notartermin. Anschließend folgt die Aufstellung des Bebauungsplans. Schritt eins vor Schritt zwei.

Welche Kriterien gelten für Investoren, die sich beteiligen möchten?

Auch das wird noch entwickelt. Das Projekt wird uns über viele Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte begleiten. So ehrlich muss man sein: Nicht jeder Plan liegt heute schon in der Schublade.

Beruht das städtebauliche Konzept auf Vorbildern aus anderen Kommunen?

Ja. Die Büros K9 Architekten und Faktorgrün haben bereits zahlreiche Projekte in anderen Städten und Gemeinden realisiert. Die Referenzen haben mich überzeugt – sonst hätten sie den Wettbewerb auch nicht gewonnen. (grinst)

Was gefällt Ihnen persönlich besonders gut an dem Konzept?

Das Gesamtkonzept ist in sich stimmig, ebenso die Möglichkeit einer abschnittsweisen Bebauung. Besonders gelungen finde ich die Idee der „Blumenhöfe“. Die gute Anbindung an den Ort und die geplanten Aufenthaltsflächen ergeben für mich eine rundum gelungene Planung.

Inwiefern sind Starkregenereignisse im Konzept berücksichtigt?

Sehr umfassend. Die Entwässerungs- und Sicherungsmaßnahmen im Bereich Osterbach und oberhalb von Reichenhalden, die vom Büro Gfrörer erarbeitet wurden, sind Bestandteil der Planung und fließen entsprechend ein.

Welche Energieträger sind für das Quartier vorgesehen?

Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschließend sagen. Vorstellbar ist ein Nahwärmenetz für das Gebiet, das gegebenenfalls auch den Bereich Osterbach mitversorgen könnte. Dafür sind jedoch noch weitere Untersuchungen und Gutachten notwendig.

Wann könnten die ersten Bewohner in die neue Siedlung einziehen?

Ich habe gelernt, bei solchen Projekten keine festen Zeitpläne mehr zu nennen – Kompass81 hat mich da geprägt. Realistisch betrachtet wird es mindestens fünf Jahre dauern, bis die ersten Häuser stehen. Aber auch diese Einschätzung kann sich noch ändern.