Der neue und der alte Vorsitzende: In der Gewerkschaft GDL führt nun Mario Reiß (links) das Wort, das Claus Weselsky zu seiner Amtszeit fast alleine für sich beansprucht hatte. Foto: dpa/Picasa

Der neue Vorsitzende der sonst so streikbereiten Gewerkschaft Deutscher Lokführer, Mario Reiß, verändert gegenüber der Deutschen Bahn die Tonart. Das DB-Management fordert er zur Abkehr vom Kampfmodus auf. Generell zeigt er weniger Lust am Austeilen als der Vorgänger Claus Weselsky.

Vor einem Jahr noch hat die Lokführergewerkschaft GDL die Republik mit langen Streiks in Atem gehalten. Dass die Reisenden längst zum mehr oder weniger geregelten Bahnalltag zurückgekehrt sind, hat zwei Gründe: Es herrscht Friedenspflicht an der Tariffront – und Claus Weselsky ist seit September im Ruhestand. Doch wie lange hält diese Ruhe an?

 

Wie steht es um das Verhältnis zwischen Deutscher Bahn und GDL?

Der Weselsky-Nachfolger Mario Reiß will den Umgang mit der DB-Führung entkrampfen. Nicht weniger als einen „Neubeginn“ hat er sich vorgenommen. „Wir wollen der anderen Seite bewusst eine Chance geben, einen anderen Arbeitsweg zu gehen“, sagte der 58-Jährige unserer Zeitung. Seit der GDL-Generalversammlung Anfang September habe der neue Vorstand zahlreiche Vertragspartner im Eisenbahnverkehr auf eine neue Herangehensweise angesprochen. Die GDL könne sich „vorstellen, dass es anders geht: Man muss sich nicht bekämpfen.“ Das Management der DB AG habe lange Zeit das Ziel gehabt, die kleinere der Bahngewerkschaften (neben der größeren EVG) existenziell zu bedrohen. „Dennoch haben wir die Tür geöffnet“, sagt Reiß. „Sie können entscheiden, ob sie den Weg ändern wollen.“

Gerade erst hat er ein Gespräch mit Bahn-Personalvorstand Martin Seiler in diesem Sinne geführt. So richtig vielversprechend war es noch nicht. „Ich glaube nicht wirklich, dass er sich verändern kann.“ Zudem hätten Manager das Problem, ohne Gesichtsverlust einen Kurswechsel hinzubekommen. Und drittens sei zu hinterfragen, ob es Seiler letztlich nur um Zustimmung für seine Vertragsverlängerung im Aufsichtsrat geht.

Wie laufen die Konflikte vor Gericht?

Auch der gerichtliche Dauerkonflikt mit der Deutschen Bahn hält an, weil sie das Tarifeinheitsgesetz nach wie vor strikt anwendet. In der Mehrheit der Betriebe, wo die GDL bei der Mitgliederzahl in der Minderheit ist, gelten nur die Verträge der Konkurrenz. „An der Stelle ist überhaupt kein Nachlassen sichtbar.“ Seit mehr als zweieinhalb Jahren, so Reiß, werde um eine rechtlich handhabbare Anwendung gerungen. Zwei Dutzend Verfahren würden noch aktiv betrieben. In einigen Fällen steht eine Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts bevor.

Die juristischen Auseinandersetzungen seien kostspielig und zeitraubend, so Reiß. Mittlerweile gebe es schon drei Tarifergebnisse seit Inkrafttreten des Gesetzes – somit auch drei Tarifkollisionen mit den EVG-Verträgen, die vor Gericht jedes Mal neu entschieden werden müssen. „Schlimmstenfalls werden wir es wieder vor das Bundesverfassungsgericht bringen, weil die bisherige Rechtsanwendung nicht taugt.“

Wie wirkt der jüngste Tarifabschluss?

Nach einem erbittert geführten Konflikt hatten Bahn und GDL am 26. März 2024 einen Tarifabschluss erzielt – insbesondere mit einem Korridor für die Wochenarbeitszeit. Danach sinkt die Referenzarbeitszeit von 2026 bis 2029 in vier Schritten von 38 auf 35 Stunden. Letztlich kann dann individuell zwischen 35 und 40 Stunden gewählt werden – wer mehr arbeitet, verdient auch mehr.

Internen Erhebungen zufolge lassen sich die Lokführer und Zugbegleiter in drei Kategorien einteilen: Die Gruppe der jüngeren Beschäftigten will zuerst in möglichst kurzer Zeit viel Geld verdienen. „Für diese Klientel ist es momentan günstiger, mehr zu arbeiten, um sich ein eigenständiges Leben aufzubauen.“ Ein zweites Drittel suche den Mittelweg mit einer der familiären Situation angepassten Arbeitszeit. Die dritte Gruppe wiederum warte schon sehnlich auf die 35-Stunden-Woche, um mit mehr Ruhephasen die anstrengende Schichtarbeit zu überstehen und die Rente zu erreichen, sagt Reiß.

Wann folgt die nächste Bahn-Tarifrunde?

Fest steht, dass es in der neuen Tarifrunde ausschließlich ums Geld geht. Im zweiten Quartal will sich die GDL intern festlegen, in welche Richtung es gehen soll. Im Herbst sollen dann auch die Gespräche bei den Wettbewerbsbahnen beginnen. Wegen der Wirtschaftskrise „sind wir ganz froh, dass wir noch Zeit haben“. Bis Ende Februar 2026 gilt bei der DB AG Friedenspflicht. Dann erfolgt zuerst zwingend eine Schlichtung – was nicht bedeutet, dass dann kein Streik möglich ist. „Jeder weiß, dass alle öffentlichen Auseinandersetzungen in der Regel von der DB AG provoziert werden“, sagt Reiß. Somit sei unklar, was im Frühjahr 2026 passiert.

Wie unterscheiden sich die Vorsitzenden?

Prinzipiell zeigt Reiß weniger Lust am Austeilen als Weselsky. Er sei nun mal ein anderer Typ. „Mir liegt es nicht, einfach draufzuhauen – in der Regel versuche ich, die Sache zu erklären und Verständnis zu wecken.“ Dennoch mag er sich vom Stil des Vorgängers nicht abgrenzen: Weselsky habe „zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Worte gefunden“. Der Holzhammer sei in der Zeit, wo er angebracht gewesen sei, das „richtige Werkzeug“ gewesen, um die GDL als eigenständige Gewerkschaft zu etablieren. „Claus Weselsky hat in erster Linie dazu beigetragen, dass wir in der Öffentlichkeit verstanden wurden.“ Da habe die Organisation ihm „unheimlich viel zu verdanken“.

Weselsky selbst hat sich nicht zurückgezogen. Als Mitglied der Bundesleitung im Beamtenbund, dem Dachverband, ist er weiter präsent. Zwei bis drei Tage pro Woche hat er in Berlin zu tun. „Da laufen wir uns auch über den Weg“, schildert Reiß. Falls es etwas zu klären gebe, nehme er Rat dankbar an. Auf den Erfahrungsschatz des früheren Chefs „möchte keiner in der GDL verzichten“.

Von Weselsky intensiv auf das neue Amt vorbereitet

Kooperation
 Seit Anfang September ist Mario Reiß neuer Vorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer – wie Claus Weselsky ein Sachse. Dies ist ein Grund, warum der heute 58-Jährige dem früheren Vorsitzenden nachgefolgt ist. In der Berliner Dependance hatte Weselsky aus Platzgründen einst einen „Katzentisch“ für den lange vorher auserkorenen Nachfolger neben seinen Schreibtisch gestellt, um ihn teilhaben zu lassen. „Wir haben in dem Büro sehr viele Stunden zugebracht, die ich nicht missen möchte“, sagt Reiß. Zweieinhalb Jahre lang seien sie ständig gemeinsam unterwegs gewesen. „Das hat mir unheimlich viel geholfen, um den jetzigen Weg vorzubereiten.“

Aufstieg
1984 wurde der gebürtige Torgauer Lokomotivführer bei der Deutschen Reichsbahn – obwohl dies gar nicht sein Kindertraum war. 1990 trat er in die noch zu DDR-Zeiten gerade wiedergegründete GDL ein. Über den Betriebsratsweg folgte der Aufstieg als Arbeitnehmervertreter und Gewerkschaftsfunktionär.