Massimiliano Pironti, Agnese, 2023 Foto: /Massimiliano Pironti

Mit seiner Porträtkunst begeisterte Massimiliano Pironti 2019 den heutigen britischen König Charles III. – nun stellt der Stuttgarter Maler in London erneut ein besonderes Werk aus: das Bildnis einer Tänzerin mit komplettem Haarausfall.

Massimiliano Pironti hat ein Architekturstudium zur Zwischenprüfung mit Höchstlob abgeschlossen, war schon als Tarzan im Stuttgarter Musicaltempel zu bestaunen – und wollte doch eigentlich immer schon malen. Lebensecht malen, etwas erfassen, was das Foto nicht schafft. „Ich habe schon als Kind Porträts gemalt“, sagt Pironti – und: „Es geht nicht um die Technik, es geht um die Gefühle“. „Meine Bilder sollen Seele haben“, ergänzt er – „Ich möchte die Geschichte der Menschen erzählen“.

 

Eben dies beflügelte Massimiliano Pironti, der im Stuttgarter Westen lebt und arbeitet, auch bei seinem jüngsten Werk: Mit dem Porträt „Agnese“ ist der Maler zum dritten Mal in Folge in der Ausstellung zum Portrait Award der National Portrait Gallery in London vertreten – mit durchaus guten Chancen. „Agnese“ zeigt eine junge Frau, sitzend in Seitenansicht, den Blick aus dem leicht gedrehten Kopf fast herausfordernd auf die Betrachterinnen und Betrachter gerichtet. Irritierend schön ist ihre Haut, auch auf dem kahlen Kopf. „Agnese“ ist das Porträt einer Tänzerin mit erblich bedingtem, komplettem Haarausfall, erzählt die Geschichte von Agnese, die trotz ihrer Krankheit stolz und erfolgreich auf der Bühne steht. „Agnese“, sagt Massimiliano Pironti, „ist an den ersten Schwierigkeiten gewachsen und fühlt sich glücklich und begehrenswert“.

Was ist schön?

Folgerichtig stellt das Bild Fragen nach der Schönheit. „Ist die Schönheit einer Frau etwa von ihrer Frisur abhängig?“, fragt Pironti, „wer setzt die Standards von Schönheit, und warum laufen wir allen diesen Standards nach?“. Und für sich selbst antwortet er: „Für mich ist jeder Mensch einzigartig und unwiederholbar sowohl in seiner inneren als auch äußeren Schönheit.“

New Portrait Gallery in London Foto: Portrait Gallery London/Olivier Hess

Ist der „Kanon der Schönheit“ vielleicht nur eine Erfindung der Gesellschaft? Agnese deutet auf dem knapp einen Meter hohen und 78 Zentimeter breiten Bild mit dem rechten Arm, der den Oberkörper zu umarmen scheint, auf ein Tattoo: 23. April 2018 – der Tag, an dem Agnese ihre letzten Haare verloren hat. Der leicht nacht hinten gelegte Kopf und die abgespreizten Finger der angewinkelten linken Hand erinnern an Gesten klassischer Skulpturen. Die Spannung in der rechten Hand? „Sie erzählt vom Leiden in der Vergangenheit, das es eben auch gab“, sagt Massimiliano Pironti.

Ein Pironti auch im Kunstmuseum Stuttgart

Von 11. Juli an bis zum 27. Oktober wird Pirontis Porträt „Agnese“ in der Ausstellung Herbert Smith Freehills Portrait Award 2024 in der National Portrait Gallery in London zu sehen sein. Unter 1647 Gemälden aus 62 Ländern wurden 50 zu dieser Ausstellung nominiert. Wer schon jetzt wissen will, was und wie Massimiliano Pironti malt: Im Kunstmuseum Stuttgart ist im Otto Dix-Sammlungsraum das Porträt seiner Großmutter zu sehen – mit dem Titel „Quo vadis“. Damals noch britischer Thronfolger zeigte sich der heutige König Charles III. bei der Präsentation des Bildes 2019 im Wettbewerb der National Portrait Gallery so begeistert, dass er persönlich ein Werk in Auftrag gab – das Bildnis des Holocaust-Überlebenden Arek Hersh.

Kunsthistoriker-Lob

Mit „Agnese“ ist Massimiliano Pironti nun erneut dem tiefen Ernst der Schönheit auf der Spur. Und vielleicht wird ja auch dieses Bild nach der Ausstellung in London einmal in Stuttgart zu sehen sein. Für den renommierten Kunsthistoriker Oliver Class steht der weitere Erfolg Pirontis außer Frage: „Hyperrealistische Kunst hat es in Deutschland schwer, doch Massimiliano Pirontis Kunst steht für sich“, sagte Class 2022 unserer Zeitung.