Was tun mit dem umstrittenen Gendersternchen? Christine Olderdissen hat das Buch „Genderleicht“ geschrieben, das im Duden-Verlag erschienen ist – und ist überzeugt: Es gibt eine elegante Lösung.
Stuttgart - Das Thema polarisiert. Die einen wollen die Sprache gerechter machen, die anderen wollen sie so erhalten, wie sie ist. Dabei muss das kein Widerspruch sein, meint Christine Olderdissen. Im Buch „Genderleicht“ aus dem Duden-Verlag gibt sie Tipps, wie man die Probleme lösen kann.
Frau Olderdissen, der neue Duden „Genderleicht“ hat 224 Seiten. Stellen Sie die gesamte Sprache auf den Kopf?
Im Gegenteil. Ich zeige, wie schön unsere deutsche Sprache ist und wie gut geeignet, um sich geschlechtergerecht auszudrücken.
Sie scheinen mit der Sternchen-Lösung nicht wirklich zufrieden zu sein.
Ich würde immer sagen: versucht es erst mal ohne Sternchen. Es ist aber dann angebracht, wenn Sie über Menschen sprechen oder schreiben wollen, die trans-, intergeschlechtlich oder nichtbinär sind. Wenn Sie für eine Organisation oder ein Unternehmen Texte schreiben, die den Genderstern ablehnen, können Sie stattdessen ausdrücklich sagen, dass alle Geschlechter willkommen sind, wenn es denn so ist.
Der Untertitel Ihres Buches lautet „Wie Sprache für alle elegant gelingt“. Haben Sie eine Lösung für das vermaledeite generische Maskulinum gefunden, das Frauen unterschlägt?
Die Eleganz besteht darin, dass wir genauer hinschauen, über wen wir eigentlich sprechen oder schreiben. In der Regel sind es die Frauen, die im generischen Maskulinum mitgedacht sein sollten. Aber wir merken, dass es besser ist, sie ausdrücklich anzusprechen – wie bei „Bürgerinnen und Bürger“. Wenn die Beidnennung in einem Text öfter vorkommt, plustert das den Text nur leider unglaublich auf. Deshalb ist die andere Möglichkeit, geschlechtsneutral zu formulieren. Es gibt dafür sehr schöne Partizipien: Interessierte, Anwesende, auch Auszubildende. Oder Sie arbeiten mit Umschreibungen.
Also gar nicht das jeweilige Geschlecht betonen, sondern neutral formulieren?
Doch, das Geschlecht ist wichtig. Aber nicht immerzu, nicht in jedem Text. Bei manchen Inhalten ist es nebensächlich. Da können Sie geschlechtsneutral bleiben.
Studierende sind etwas anderes als Studentinnen und Studenten.
Wir haben Partizipien, die beschreiben, dass etwas gerade passiert. Es gibt aber viele Wörter, die den Zeitraum nicht so eng sehen: Die Erstgebärende wird auch noch nach der Geburt als solche bezeichnet. Eine Auszubildende ist auch dann eine Auszubildende, wenn sie Pizza essen geht. Deswegen müssen wir uns ein bisschen lockerer machen in der Definition von eingeführten Partizipien. Studierende ist ein gutes Wort, um alle zu benennen.
Hat man schon früher in die Sprache eingegriffen?
Es ist immer so, dass in der Sprachgemeinschaft plötzlich Wörter hochkommen – Handy, 3G, Inzidenzen. Wir leben mit der Sprache, und so wurde das geschlechtsneutrale Wort Studierende entdeckt, es ist praktisch und kurz und seit mehr als 15 Jahren in Gebrauch. Die Linguistik diskutiert solche Begriffe – aber wo greift jemand ein? Ich weiß nicht, wo die Idee herkommt, dass etwas von oben kommen würde.
Viele sind eben groß geworden mit der Vorstellung, dass das, was im Duden steht, richtig und verbindlich sei.
Wenn wir nicht wissen, ob etwas richtig oder falsch ist, können wir im Duden nachschauen. Das ist immer schon so. Aber über die Rechtschreibregeln berät der Rat für deutsche Rechtschreibung, er bemüht sich um Einheitlichkeit in den sieben Ländern, die Deutsch als Amtssprache haben. Der Duden ist ein von einem privaten Verlag herausgegebenes Werk, er beobachtet unseren Sprachgebrauch. Er bringt uns die Rechtschreibung nahe, so wie der Rechtschreibrat entscheidet.
Oft sind es Männer, die gegen das Gendern polemisieren. Geht es um Besitzstände, oder sind Männer diskussionsfreudiger?
Da bin ich zurückhaltend mit Interpretationen. Vielleicht nur so viel: Wir sind alle irritiert, wenn die Jüngeren, unsere Kinder und Enkel, mit komischen Wörtern kommen. Die Sprache verändert sich – und als Ältere ist es ratsam, tolerant zu sein und ehrlich zu überlegen, was wir mit der Sprache gemacht haben, als wir jung waren.
Didi Hallervorden bezeichnet Gendern sogar als „Vergewaltigung der deutschen Sprache“. Warum reagieren einige so aggressiv?
Das ist eine falsche Metapher, die polarisiert. Ich möchte, dass die Menschen miteinander tolerant sind. Beim Gendern ist es wie beim Dialekt: Ich muss ertragen, wenn jemand das ,R’ rollt oder Schwäbisch redet. Ich kann es nicht ändern. Und niemand verlangt, dass ich auch so spreche. Ich sollte trotzdem zuhören, was mir da erzählt wird.
► Christine Olderdissen: Genderleicht: Wie Sprache für alle elegant gelingt. Duden-Verlag, 224 Seiten. 16 Euro.
Nachdenken, was man sagt
Gästin
Seit 2009 steht die Gästin im Duden. Sprachverhunzung? Vielleicht, aber in jedem Fall eine mit Tradition. Die Gästin ist eine sehr alte Form, die schon im Grimm’schen Wörterbuch verzeichnet wurde.
Das Frau
Die Sprache macht Frauen mitunter zum Neutrum – nicht nur beim Fräulein, das seit 1972 nicht mehr von Bundesbehörden benutzt werden darf. Aber auch das Mädchen ist sächlich wie auch die als feminin gepriesenen Girlies, Models, Mannequins, Weiber und Pin-ups. Im Alltag wird deshalb immer häufiger gegen die Regeln verstoßen. Beispiel: „Das Mädchen ist erst zwei Jahre alt, aber sie kann schon ihren Namen schreiben.“
Umdenken
Man kann „alle“ statt „jeder“ sagen oder „niemand“ statt „keiner“. Hauptsache, man vermeidet so kuriose Konstruktionen wie „Buchhalter (m/w/d) gesucht“ oder „Jedermann hat mal Probleme mit seiner Menstruation.“
Person
Christine Olderdissen (1960) ist Juristin und arbeitet als Journalistin in Berlin. Seit 2019 ist sie Projektleiterin bei Genderleicht.de, dem Webportal des Journalistinnenbunds für gendersensible Medienarbeit.