Die GDL-Ortsgruppe Haltingen hat einen neuen Vorsitzenden: Sven Trautwein spricht über den neuen Bahn-Tarifvertrag und zunehmenden Konflikten mit Fahrgästen im Alltag.
Die Ortsgruppe Haltingen der Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) hat einen neuen Vorsitzenden: Der bisherige Stellvertreter hatte Mitte Februar das Amt von seinem scheidenden Vorgänger Alexander Gabsch übernommen. Trautwein startet damit in einer Phase, in der für die GDL gerade wichtige Entscheidungen gefallen sind. Erst vor wenigen Tagen hat sich die streitbare Gewerkschaft mit der Bahn auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt – unter anderem mit fünf Prozent mehr Lohn für die Beschäftigten. Wie bewertet der neue Chef der Haltinger Ortsgruppe dieses Ergebnis? Und welche Baustellen gibt es noch? Unsere Redaktion hat mit Trautwein gesprochen.
Herr Trautwein, die Deutsche Bahn und die GDL haben sich auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?
Grundsätzlich ja, wir konnten einiges für unsere Mitglieder herausholen. Das man nicht alles erreichen kann, was man sich vornimmt, ist auch klar, es sind ja Verhandlungen und es wird einem nichts geschenkt.
Wo sehen Sie die größten Verbesserungen für die Beschäftigten?
Es ist immer wichtig, dass die Entgelterhöhungen höher sind als die Inflation. Auch die deutliche Aufwertung für Ausbilder und Prüfer ist wichtig, damit man weiterhin gutes Personal für die Nachwuchsentwicklung findet.
Gibt es Punkte, die Sie sich im neuen Tarifvertrag gewünscht hätten, die aber nicht durchgesetzt werden konnten?
Einen Tarifvertrag für die Fahrdienstleiter (sind für die Steuerung des Zugverkehrs verantwortlich, Anm. d. Red.) hätten wir gerne verhandelt, ist aber schwer durchzusetzen. Allerdings hat es bei den Zugbegleitern und Bordgastronomen auch mehrere Jahre gedauert.
Es ist die erste Tarifrunde zwischen Bahn und GDL seit acht Jahren, die ohne Streiks zu Ende gegangen ist. Was ist diesmal anders gelaufen?
Einerseits ist es eine andere Personalie mit Mario Reiß, die die Verhandlungen für uns führt. Andererseits war der Bereich der Verhandlungen nur im Bereich Entgelt und nicht Arbeitszeit, da wir da noch einen laufenden Vertrag haben bis zur Absenkung der Arbeitszeit auf 35 Stunden/Woche ab Januar 2029.
Hat sich das Verhältnis zwischen Bahn und GDL aus Ihrer Sicht verändert – oder war diese eher geräuschlose Einigung eine Momentaufnahme?
Durch die teilweise Aussetzung des Tarifeinheitsgesetzes kann man hoffen, dass sich das Verhältnis wieder bessert, dafür bleibt aber abzuwarten, wie diese Abbedingung genau umgesetzt wird und ob die Bahn sich auch daran hält.
Die Lokführergewerkschaft steht inzwischen allen Beschäftigten im operativen Eisenbahnbetrieb offen. Wie wird dieses Angebot vor Ort angenommen?
Interesse besteht in allen Bereichen des Eisenbahnpersonals, allerdings möchten einige erst eintreten, wenn es für sie einen Tarifvertrag gibt. Hier jedoch muss die Gewerkschaft erst einen ausreichende Anzahl von Mitgliedern in den jeweiligen Bereichen haben, um überhaupt die Forderung nach einem eigenen Tarifvertrag stellen zu können.
Gewalt gegen Bahnmitarbeiter ist aktuell ein viel diskutiertes Thema. Wie erleben Sie die Situation im Arbeitsalltag – auch aus Gesprächen mit Kollegen?
Da ich selbst im Güterverkehr bin, habe ich im Arbeitsalltag wenig damit zu tun. Von den Kollegen, von Lokführern, Zugbegleitern und vom Bordservice höre ich jedoch immer wieder von Übergriffen, oder dass sie in bestimmten Zügen oder spät am Abend ungern kontrollieren und sich nicht sicher fühlen.
Wird diese Situation aus Ihrer Sicht tatsächlich schlimmer – oder wird das Problem heute nur stärker öffentlich wahrgenommen?
Sowohl als auch, durch die Sozialen Medien wird es natürlich stärker wahrgenommen. Aber man merkt auch eine schnellere Gereiztheit der Gesellschaft.
Resultiert diese Gereiztheit eventuell auch aus den vielen Verspätungen, Zugausfällen und so weiter?
Bestimmt auch. Und es bekommen die Personen ab, die nichts dafür können. Wir sind vor Ort und bekommen dann den Frust der Reisenden ab.
Wie können die Beschäftigten besser geschützt werden?
Die GDL fordert hier schon seit Jahren eine Doppelbesetzung der Zugbegleiter, sowie einen Rückzugsraum bei Eskalationen. Niemand soll allein unterwegs sein müssen. Die Sicherheit darf nicht von Finanzfragen oder dem Gerangel in der Politik abhängen und ist auch nicht verhandelbar.
Sie wurden im Februar zum neuen Vorsitzenden gewählt. Was sind Ihre wichtigsten Ziele für die kommenden Monate?
Da wir glücklicherweise um den Streik herumgekommen sind, können wir uns vollkommen auf die anstehenden Wahlen konzentrieren, die dieses Jahr anstehen.
Tarifeinheitsgesetz
Wenn Mitarbeiter eines Betriebs in unterschiedlichen Gewerkschaften organisiert sind und sich diese nicht auf einen einheitlichen Tarifvertrag einigen können, gilt nach dem 2015 beschlossenen Tarifeinheitsgesetz der Vertrag der mitgliederstärksten Gewerkschaft des Unternehmens. Der Tarifvertrag der kleineren Gewerkschaften hat dann keine Gültigkeit.