VortragNeuenburg im Zweiten Weltkrieg / Historikerin Dr. Huggle berichtet über Zerstörung und Wiederaufbau
75 Jahre sind es her, dass die Stadt Neuenburg im Zweiten Weltkrieg durch Artilleriefeuer zerstört wurde. Einer kurzen Aufbauphase folgte 1944 eine weitere Zerstörungswelle. Was genau sich in jenen Jahren in der Stadt am Rhein abgespielt hat, die politischen Hintergründe und die Folgen für die Menschen, erläuterte ein Vortrag der Historikerin Dr. Ursula Huggle. Von Dorothee Philipp Neuenburg am Rhein. Sie begleitet seit vielen Jahren die Stadt Neuenburg bei der Erforschung ihrer Vergangenheit. Den Vortrag illustrierte Huggle mit historischen Fotografien, die die Referentin in Zusammenarbeit mit Stadtarchivar Winfried Studer zusammengestellt hatte. Gerade in Zeiten der Verunsicherung, wie wir sie momentan erleben, sei ein Rückblick angebracht, sagte Bürgermeister Joachim Schuster bei der Begrüßung. Denn es gehe nicht nur um Zerstörung und Leid, sondern auch um den Wiederaufbau, den die Bürger von Neuenburg nach jeder der zahlreichen Katastrophen in der Stadtgeschichte gemeistert hatten. Auch die Jahre nach 1945 sind nach Schuster ein Beispiel für den Lebenswillen der Neuenburger. Auf Drängen in die NSDAP Die Vorgeschichte, mit der Huggle ihren Vortrag begann, brachte Erstaunliches zutage: So war Neuenburg zu Beginn der Naziherrschaft alles andere als eine „braune Stadt“: Der damalige Bürgermeister Eduard Linsenboll trat erst auf Drängen der Gemeinderäte 1937 in die NSDAP ein, ansonsten wäre ein brauner Parteigänger ernannt worden. In der katholischen Stadt hatte die NSDAP 1932 bei der Reichstagswahl 21 Prozent der Stimmen, 1933 waren es 32 Prozent, während immer noch 38 Prozent das Zentrum und 22 Prozent die KPD gewählt hatten. Im Vergleich dazu wählten im vorwiegend evangelischen Amtsbezirk Müllheim 64 Prozent die Hitlerpartei. Anschluss Österreichs, die Kriegspropaganda vor und nach dem Überfall auf Polen, Bau des Westwalls – anhand von prägnanten Ereignissen zeichnete Huggle den Kriegsbeginn anschaulich nach, den Blick immer auf die Ereignisse vor Ort gerichtet, so auch auf die Evakuierungen der Bevölkerung aus der so genannten Roten Zone direkt nach Kriegsbeginn und später kurz vor dem Artillerieangriff im Juni 1940. Der Westwall hatte auf Neuenburger Gemarkung eine Länge von 13 Kilometern, er bestand nach Huggle aus 80 Bunkern und Schartenständen. Der monatelange Sitzkrieg, in dem sich die beiden verfeindeten Heere untätig gegenüberlagen, sei darauf zurückzuführen, dass die Franzosen die deutsche „Siegfriedlinie“ überschätzten. Nach dem 10. Mai 1940, dem Einmarsch deutscher Truppen in Frankreich, änderte sich die Lage, die Feuergefechte am Rhein nahmen zu, erneut wurde evakuiert, allerdings nur in die östlich gelegenen Nachbargemeinden. Von den Rebhügeln der Vorbergzone mussten die Neuenburger mit ansehen, wie im Juni ihre Stadt im Feuer von über 3000 Brandgranaten versank. Barackensiedlungen In Rekordzeit von zwölf Wochen baute der Reichsarbeitsdienst drei Barackensiedlungen am Sägeweg und am Altrhein, 198 Holzhäuser mit 311 Wohnungen, in denen bald 819 Menschen lebten. Man versprach den Neuenburgern ein „neues Neuenburg“, die ersten „Erbhöfe“ entstanden in einer einheitlichen Architektur, die entlang des Rheins unter der Bevölkerung ein neues Identitätsgefühl wecken sollte. Der kriegsbedingte Mangel an allem verzögerte aber den Wiederaufbau, bis 1943 entstanden in Neuenburg elf Erbhöfe, zwölf kleinere Bauernhöfe und drei Geschäftshäuser. Das Leben in Neuenburg normalisierte sich in den relativ ruhigen Jahren 1942 und 1943 einigermaßen, bis nach der Invasion der Alliierten in der Normandie die Front wieder näher rückte. Luftangriffe setzten der Stadt zu, die Brücken waren immer wieder Ziel der alliierten Bomben und Granaten. Bitterkalt sei der Januar 1945 gewesen, berichtet Huggle, als der Rückzug der 19. Armee über die Neuenburger Brücke begann, der in letzter Minute von der Naziregierung genehmigt wurde. Der Bürgermeister blieb Zu den vielen berührenden Momenten des Vortrags gehörte auch der Blick auf Bürgermeister Linsenboll, der bei den beiden Zerstörungen mit einer Handvoll Männern in der Stadt geblieben war, zuletzt ohne Strom und Wasser. Ihm hatte die Ratsschreiberin im Protokollbuch bescheinigt, er sei ein guter Bürgermeister gewesen, der die Stadt nie im Stich gelassen habe. Trotzdem sei Linsenboll 1946 denunziert worden.