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Neuenbürg Das Kulturleben stolze 30 Jahre lang geprägt

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Der ehemalige Neuenbürger Musikschulleiter steht noch immer am Dirigentenpult. Foto: Schwarzwälder Bote

Vor ziemlich genau 50 Jahren kam Norbert Studnitzky mit seiner Frau Kristina nach Neuenbürg. Über die Slowakei, Jugoslawien und Österreich war er aus seiner Heimatstadt Hlutschin in der damaligen Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (CSSR) zu seinen Verwandten nach München geflohen.

Neuenbürg. Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Flüchtlingslager in Nordrhein-Westfalen kam er als neu gewählter Musikschulleiter in die Stadt an der Enz. Obwohl seine Bewerbung damals erst nach Ablauf der Frist eingegangen war, wurde er noch in den engeren Kreis der sechs Kandidaten aufgenommen und durfte sich dem Auswahlgremium vorstellen. Dieses war sich schnell einig – und so trat Studnitzky am 6. April 1970 seine Doppelfunktion als Leiter der Neuenbürger Musikschule und der Stadtkapelle an.

In den 30 Jahren seines Wirkens hat er sowohl als engagierter Verwaltungsfachmann und Führungskraft, aber vor allem auch als begnadeter Musiker und Dirigent das kulturelle Leben in Neuenbürg und darüber hinaus entscheidend mitgeprägt. Dabei scheute er keine Mühen, half sogar beim Bestuhlen von Konzerten oder beim Reparieren von Instrumenten tatkräftig mit. Seit 20 Jahren ist der heute 83-jährige Familienvater und Ehrendirigent der Stadtkapelle Neuenbürg im Ruhestand. Er widmet sich aber nach wie vor seinen Lieblingsbeschäftigungen, dem Arrangieren, gelegentlichen Komponieren sowie dem Dirigieren und leitet seit 2012 das Cello-Orchester Baden-Baden, mit dem er ein- bis zweimal im Jahr im dortigen Kurhaus zugunsten des Blinden- und Sehbehindertenverbandes gastiert.

"Ein Cello-Orchester hat einen besonderen Sound, den ich sehr liebe und wahrscheinlich auch die Zuhörer. Denn bei den letzten Konzerten gab es nur noch Stehplätze", so der musikalische Leiter des mehr als 30-köpfigen Ensembles.

In Hlutschin geboren

Geboren wurde Studnitzky 1936 in Hlutschin, einem Landteil Oberschlesiens, in dem bis zum Zweiten Weltkrieg Deutsche und Tschechen friedlich miteinander gelebt hatten. Danach wurde die deutsche Sprache verboten, alle dort lebenden Deutschstämmigen mussten eine tschechische Schule besuchen, Tschechisch lernen und später die tschechische Staatsangehörigkeit annehmen. Beide Eltern waren im dortigen Gesangverein und Kirchenchor aktiv. Der Vater, von Beruf Schreiner und Nebenerwerbslandwirt, spielte zudem Geige, Tuba und Kontrabass.

Mit sechs Jahren bekam Studnitzky Geigen-, später Klarinettenunterricht, und spielte auch einige Jahre in einem Jugendblasorchester. Klavier- und Orgelunterricht folgten im Alter von zwölf Jahren. Als 14-Jähriger gründete er einen Chor, später auch ein Symphonieorchester, mit dem er noch während seines Studiums an der Höheren Musikpädagogischen Schule in Ostrava viele Konzerte gab.

Während des Studiums an der Janacek Akademie der Künste in Brünn (Dirigieren und Komposition) leitete er in seiner Heimatstadt eine Bigband und ein Blasorchester. Im Jahr 1966 bekam Studnitzky ein Engagement als Erster Kapellmeister am Stadttheater Zeitz in der damaligen DDR und wurde gleichzeitig ständiger Gastdirigent beim Vogtlandorchester. Mit dem Rundfunkblasorchester Leipzig hat er in dieser Zeit mehrere Werke, vorwiegend tschechischer Komponisten, eingespielt.

Nach dem Umzug nach Neuenbürg arbeitete seine Frau Kristina als Krankenschwester in den Enzkreis-Kliniken. 1972 wurde Sohn Sebastian, heute in Berlin lebender, professioneller Jazzmusiker, zwei Jahre später Tochter Bianca geboren.

Bei seinem Amtsantritt wurde die Musikschule von einigen interessierten und engagierten Kräften unter der Federführung des Gymnasiallehrers Erdmann Nöldeke geführt. Durch die Unterstützung des damaligen Bürgermeisters Ernst Fischer und des Gemeinderates wurde sie im Jahr 1972 zu einer Einrichtung der Stadt. Sie erhielt ein eigenes Gebäude und konnte sich weiterentwickeln. Es entstanden Zweigstellen in den Nachbargemeinden Engelsbrand, Straubenhardt und Birkenfeld. Zeitweilig besuchten an die 1000 Schüler – von ursprünglich 205 – die Bildungseinrichtung.

Wieder zurückgekehrt

Studnitzky denkt gerne zurück an die Konzerte bei Kerzenschein in der Sankt Georgskirche, gemeinsame Veranstaltungen mit dem Volksbildungswerk oder an die Woche der Musikschule, in die Kollegium und Schüler in vielfältiger Weise eingebunden waren.

Schöne Erinnerungen verbindet er auch mit den vom Musikverein Neuenbürg gestalteten Faschingsveranstaltungen "Da biegt sich der Turm" und den Begegnungen mit den Blasorchestern aus Seftigen und Südtirol.

Nach kurzer Einarbeitungsphase verspürte Studnitzky den Wunsch, in eine größere Stadt zu wechseln. Er hatte zwei Angebote, darunter eine Stelle als Musikschulleiter in Solingen, die er auch antrat. Als zu einseitig empfand er allerdings die Aufgaben in der neuen Position und kehrte daher trotz bereits erfolgter Kündigung wieder nach Neuenbürg zurück. "Im damaligen Bürgermeister Fischer hatte ich einen großen Unterstützer bei der Verwirklichung meiner Ideen. Es waren vor allem die alljährlichen Schlosshofkonzerte mit Kammermusik, Oper und auch Unterhaltungsmusik sowie die Konzerte bei Kerzenschein in der Sankt Georgskirche, die ich während seiner Amtszeit entwickeln und durchführen konnte. Ausführende waren ein speziell zusammengestelltes Schlosshofkollegium, Schüler und Lehrer der Jugendmusikschule sowie auswärtige Künstler", erinnert sich Studnitzky.

Besondere Gäste waren unter anderem der zwölfjährige Geiger Josef Gröbmayr (er spielte die Titelrolle in der Fernsehserie "Oliver Maass"), Mitglieder des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks in verschiedenen Formationen und ein Konzert mit Glasharfe.

Während der Renovierungsarbeiten am Schloss initiierte und organisierte er einige Jahre die Konzertreihe "Jazz im Schloss" mit namhaften Interpreten – darunter Pianist Max Greger jr., Bassist Helmut Hattler mit Band und Schlagzeuger Charly Antolini. Das Arrangieren war schon immer Studnitzkys Leidenschaft. "Als Leiter der Bigband in meiner Heimatstadt Hlutschin habe ich die aktuellsten Schlager – auch aus dem Westen – im Radio gehört. Kurz darauf spielten wir sie beim nächsten Auftritt", erinnert er sich. Für die Stadtkapelle Neuenbürg hat er zahlreiche Stücke arrangiert, noch bevor die Zusammenarbeit mit Musikverlagen begann. "Bis heute habe ich an die 200 Arrangements – überwiegend für Blasorchester – für mehrere Verlage in Deutschland, Holland und Österreich geschrieben", zählt er auf.

Seit der Gründung des ­Cello-Orchesters Baden-Baden im Jahr 2012 mit seinem Freund Friedhelm Sommer und Übernahme der musikalischen Leitung hat sich der Schwerpunkt auf Cello verlagert. Das gesamte Repertoire musste für diese Besetzung bearbeitet werden. "Es sind inzwischen auch schon an die 100 Bearbeitungen, meistens klassische Stücke, die wir dann bei unseren Konzerten im Kurhaus spielten. Anfangs waren überwiegend Amateurmusiker Mitglied im Orchester, nun sind es hauptsächlich Proficellisten und Musikstudenten, die aus dem ganzen Bundesgebiet anreisen. Konzertmeister ist der Solocellist der Deutschen Oper Berlin", führt er aus.

Vor mehr als zehn Jahren hat Studnitzky die Weihnachtskantate "Heiligste Nacht" vertont und mehrmals in verschiedenen Kirchen der Umgebung aufgeführt, im vergangenen Jahr in der Altstadtkirche in Pforzheim. Inzwischen wurde sie nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich, Südtirol, in der Schweiz und sogar in seiner Heimatstadt Hlutschin gespielt. "Besonders freute mich die Aufführung im Salzburger Land, im Ort der Geburt des Komponisten und der Entstehung des Liedes "Stille Nacht", aber auch Gastspiele mit Solisten und Orchester des Mozarteums Salzburg sowie dem Pitztalchor in der Umgebung von Innsbruck. Den persönlichen Kontakt zu seiner alten Heimat und den dort noch wohnhaften Bekannten konnte Studnitzky nach der Wende in Verbindung mit seiner beruflichen Tätigkeit pflegen. Ein- bis zweimal im Jahr spielt er nämlich im Rundfunkstudio im tschechischen Ostrava ­Stücke verschiedener Musikverlage mit dem dortigen Blasorchester des Innenministeriums ein. Nach wie vor springe er gerne ein, wenn in der Städtischen Musikschule oder bei Gesangvereinen ein Klavierbegleiter gebraucht werde. Etwas mehr als 20 Schüler, die in seiner Amtszeit die Jugendmusikschule besuchten, sind später Berufsmusiker geworden und heute als Orchestermusiker, Musiklehrer, Komponisten, Opernsänger, Dramaturgen, Musiktherapeuten oder -verleger unterwegs.

"Im engen Kontakt bin ich immer noch mit meinem ehemaligen Schüler und mehrfachen Preisträger Andre Schoch, der über seine Engagements beim Gewandhausorchester Leipzig, dem Orchester der Deutschen Oper Berlin und dem Philharmonischen Orchester Hamburg es bis zum Trompeter bei den Berliner Philharmonikern schaffte", freut er sich.

Überaus rüstig

Studnitzky fühlt sich wohl in Neuenbürg. "Mir gefällt die Landschaft, und das kulturelle Angebot in der Region ist reichhaltig", meint er, räumt allerdings ein, dass das Kulturleben in einer Großstadt natürlich noch vielfältiger sei. "Das genieße ich dann auch, wenn ich meinen Sohn in Berlin oder bei seinen Konzerten in diversen Metropolen besuche." Der überaus rüstige Rentner – sofern man ihn überhaupt so bezeichnen kann – hält sich mit Kieser-Training, der Pflege seines großen Garten-Grundstücks rund ums Haus, Wandern und Fahrradfahren fit. "Dass ich diesen Beruf ergriffen habe, habe ich nie bereut, im Gegenteil. Mit großer Leidenschaft für Musik habe ich schon als Jugendlicher einen Chor und ein Orchester gegründet. Ich organisiere auch gerne und in meinem Beruf konnte ich beide Leidenschaften miteinander verbinden. Ich mag E-Musik als auch ­U-Musik und habe in meinen Konzerten stets darauf geachtet, dass im Programm etwas für alle dabei ist", meint er rückblickend. 

Bei all seinen Verdiensten wurde er von seinen ehemaligen Kollegen und Weggefährten stets als zurückhaltender und bescheidener Mensch wahrgenommen. Dennoch wusste und weiß er zu schätzen, was er in all den Jahren beruflich und privat aufgebaut hat. Darunter eine gut funktionierende Musikschule, diverse Konzertreihen, eine bestens aufgestellte Stadtkapelle, ein großes musikliterarisches Werk und ein eigenes Haus für die Familie. Nicht wenig – wenn man bedenkt, dass alles vor 50 Jahren mit Frau Kristina und kleinem Fiat, gefüllt mit Wäsche und einer mechanisch angetriebenen Nähmaschine, in einer leeren Wohnung im Enzring sowie einem bescheidenen Büro im Rathaus ohne Sekretärin begann.

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