Unter anderem mit einem Theaterprojekt über den Dichter Novalis verabschiedet sich der "Theatermacher" Michael Huber nach 42 Jahren von der Bühne und der Spitze des Vereins "Theater im Schloss".Foto: Ferenbach Foto: Schwarzwälder Bote

Soziales: Intensive Bildsprache als Markenzeichen / Theatermacher Michael Huber gibt Ämter nach 42 Jahren ab

Bereits im Februar konnte Michael Huber seinen 75. Geburtstag feiern. Für den Schwarzwälder Boten Anlass, mit dem in Straubenhardt wohnenden ehemaligen Gymnasiallehrer und Gründer der Theaterwerkstatt im Schloss Neuenbürg auf ein bewegtes Leben zurückzublicken.

Straubenhardt/Neuenbürg. Geboren im Nachkriegsjahr in Bruchsal und aufgewachsen "zwischen zerstörtem Barockschloss und Zuchthaus" wurde Huber nach dem Umzug nach Bad Säckingen Ministrant im dortigen Münster. Den katholischen Gottesdienst erlebte er als "alle Sinne erfassendes Gesamtkunstwerk", was sich auch auf seine späteren Theaterinszenierungen auswirken sollte.

Nach dem Abitur im Jahr 1965 studierte Huber, der bis dahin nur gelegentlich in Schule, Familie und im kirchlichen Rahmen Theater gespielt hatte, Kunstgeschichte, Germanistik und Romanistik an den Universitäten Basel, Lausanne und Freiburg. Nach seiner Promotion mit einer Dissertation über den romantischen Dichter Clemens von Brentano begann er seine Lehrtätigkeit am Gymnasium Neuenbürg in den Fächern Deutsch und Französisch. 1979 wurde im Kurssystem der Oberstufe auf seine Initiative hin der Literatur- und Theaterkurs eingeführt, worin zwischenzeitlich auch eine mündliche Abiturprüfung abgelegt werden kann.

Von 1983 bis 1989 wohnte Huber mit seiner Familie im Nordflügel von Schloss Neuenbürg. Während dieser Zeit gründete er unter dem Namen "Theaterwerkstatt" eine freie Theatergruppe, die als Mitglied im Amateurtheaterverein Baden-Württemberg ehemaligen Lehrern, Schülern und Freunden des Theaters Spielräume zum Experimentieren mit den unterschiedlichsten Theaterformen bot.

In den Folgejahren wurden unter anderem im Schloss, im damaligen Haus Buchberg, im Kupferdächle Pforzheim und im Kulturhaus Osterfeld verschiedene Stücke aufgeführt. Nach der Pensionierung von Erdmann Nöldeke im Jahr 1990 übernahm der Pädagoge die Theater-AG des Gymnasiums.

Anlässlich der Neueröffnung des Schlosses im Juli 2001 gestalteten die Theaterwerkstatt und die Theater-AG ein Faust-Stationentheater vom Kirchplatz bis hinauf in den Gewölbekeller, der auf Initiative der Theaterwerkstatt für Veranstaltungen zugänglich gemacht wurde, zumal nach der Schlosssanierung sonst kein Spielraum mehr zur Verfügung stand.

Im Jahr 2006 kam es zur Gründung des Vereins "Theater im Schloss", dessen Ziel "die Entwicklung und Förderung einer kontinuierlichen Theaterarbeit im Schloss Neuenbürg als einem lebendigen Ort geistiger und künstlerischer Auseinandersetzung" ist. Dabei sollen insbesondere "zeitgemäße Theaterformen mit den besonderen örtlichen Gegebenheiten, der Geschichte und Gegenwart Neuenbürgs und des Nordschwarzwalds verknüpft werden", heißt es unter anderem in der Vereinssatzung.

Nach seiner Pensionierung im Jahr 2009 führte Huber die Theater-AG des Gymnasiums bis 2011 ehrenamtlich weiter. Danach begründete er mit seinen Theaterprojekten immer wieder mehr oder weniger intensive Kooperationen zwischen dem "Theater im Schloss" und den Theatergruppen des Gymnasiums. Mittels Spenden konnte sukzessive eine umfangreiche technische Ausstattung angeschafft werden. Sie wird teils im Gymnasium Neuenbürg, teils im Schloss aufbewahrt und steht dort auch anderen Gruppen für kulturelle Veranstaltungen unentgeltlich zur Verfügung.

Mit multimedialen Inszenierungen alle Sinne ansprechen

"Durch die Verbindung von darstellendem Spiel, Musik und Filmprojektionen sollen alle Sinne erfasst und dazu die Mittel moderner Technik eingesetzt werden", beschreibt der Pensionär die besondere Handschrift seiner Inszenierungen. Hierzu hat er sich bei Kafkas "Schloss" auch schon mal eines kleinen Orchesters bedient, dessen Live-Darbietungen mit zuvor von Kollege Siegfried Winkler eingespielten Tonaufnahmen abwechselten.

Auch in anderen Projekten war die von Musikpädagoge Winkler teils live, teils von Tonträgern eingespielte Musik ein wesentliches Element seiner Theaterästhetik. Nicht zuletzt gaben die fantasievollen, zum großen Teil aus Recyclingmaterial hergestellten Kostüme von Vorstandsmitglied Gisela Völlner den Charakteren auch optisch eine besondere Strahlkraft. Ziel sei dabei, komplizierte geistige Inhalte auf der Bühne sinnlich erfahrbar zu machen und mit dem Publikum auf einer im Sinne Kafkas "zum Glück unendlichen Reise" auch philosophische und theologische, auf jeden Fall existenzielle, Fragestellungen und die tiefere Bedeutung auch der alltäglichen Dinge zu erkunden.

Mittels Bild- und Filmprojektionen möchte der "Theatermacher" – wie er sich selbst bezeichnet – deren symbolischen Gehalt transparent machen. Hier hat sich Huber vor mehr als 20 Jahren mit Unterstützung des damaligen Ensemblemitglieds Kilian Ochs umfassende Kenntnisse in der Videosoftware "Adobe Premiere" erarbeitet und dann autodidaktisch vertieft.

Mit der Erschließung unterschiedlicher Spielräume, wie Schlossgarten, Ruine, Georgskirche, Gewölbekeller, Treppenhaus, Fürstensaal und Dachstuhl, und der entsprechenden Bewegung der Zuschauer möchte Huber innere Prozesse buchstäblich "in Gang bringen". Daraus ergibt sich für ihn auch die Auswahl der Stücke. "Sie müssen, wenn nicht wie in vielen Fällen selbst entworfen, dem Theatermacher, den Schauspielern und den Zuschauern Anstöße und Freiräume bieten, die eigene Fantasie zu entfalten. Damit wird, so hoffen wir, auch ohne direkten äußerlich lokalen Bezug immer auf die geistige Lebenswirklichkeit des Zuschauers Bezug genommen", beschreibt er seine Intention.

In einer Reihe von Aufführungen griff Huber aber auch direkt auf die äußere Lebenswirklichkeit, beziehungsweise Geschichte der Region zurück, darunter "Das kalte Herz", "Die Enzjungfrau", die "Zeitreise" oder die "Theaterwanderungen" mit dem Schwarzwaldverein Straubenhardt. Nicht zuletzt finden sich auch autobiografische Züge in seinen Stücken ­wieder. Ein Bezug zu persönlichen Erfahrungen gehört für den Pädagogen zum Wesen großer Literatur, mit der sich eine intensive Auseinandersetzung auf der Bühne lohne, sodass der Schauspieler auch etwas von sich selbst preisgeben kann. "Diese Auseinandersetzung hat natürlich dann Auswirkungen auf das eigene Denken und Leben", räumt Huber ein.

Als ein "besonderes Geschenk" bezeichnet er da auch den Umstand, dass seine Frau Sabine und die beiden gemeinsamen Töchter sein zeitraubendes ehrenamtliches Engagement stets mitgetragen haben und auch immer wieder in die eine oder andere Bühnenrolle geschlüpft sind. Die Reaktionen auf die durch ihre assoziative Bildsprache und Kunstfiguren zum Teil schwer zugänglichen Stücke fielen recht unterschiedlich aus. Huber war es dabei jedoch wichtiger, die Zuschauer nachhaltig innerlich anzurühren und "ihre Seele zu nähren", wie es eine begeisterte Besucherin einmal formulierte, als sie bloß zu unterhalten. "Wir haben in schönem Wechsel auch leicht zugängliche Stücke, wie Komödien von Molière, aufgeführt", meint er.

Generationenwechsel kündigt sich bei "Theater im Schloss" an

Auf der Jahreshauptversammlung 2021 stehen Neuwahlen für den Vorstand des derzeit 31 Mitglieder zählenden Vereins an. Nach intensiven Vorgesprächen stellen sich engagierte Mitspieler im Alter von 25 bis 50 Jahren für die Neubesetzung der aus Altersgründen frei werdenden Posten zur Verfügung, informiert Huber.

"Damit wird das Theater im Schloss sicher ein verändertes Gesicht und eine neue Handschrift bekommen. Gleichzeitig wird die Kontinuität gewahrt bleiben, haben doch alle Neuen seit vielen Jahren, zum großen Teil schon als Schüler des Gymnasiums, begeistert an meinen Theaterproduktionen mitgewirkt, auch wenn dabei immer Neues zu wagen war und die eigenen Sehgewohnheiten in Frage gestellt wurden", meint der Vorsitzende, der sich nicht erneut zur Wahl stellen wird.

Mit Jessica Weigand als neues Vorstandsmitglied sieht Huber auch die Zusammenarbeit mit dem Kulturhaus Osterfeld gewahrt, zumal sie als Mitglied des Amateurtheatervereins maßgeblich an einer aktuell geplanten Inszenierung ­mitwirke.

Obwohl die derzeitige Corona-Lage noch keine genauen Terminierungen erlaubt, ist für 2021 unter dem Titel "Sophie – oder die Suche nach der blauen Blume" ein Theaterprojekt über den Dichter Novalis vorgesehen. Zudem hofft Huber, dass auch eine Aufführung des in 2020 ausgefallenen Beethovenstücks von Vereinsmitglied Jonathan Danigel möglich sein wird.

Zum Schloss-Geburtstag war in Kooperation mit dem Gymnasium Neuenbürg, ähnlich wie bei der Eröffnung, ein Theaterspaziergang geplant – mit Szenen aus 40 Jahren Theaterarbeit. Da in diesem Schuljahr coronabedingt die Theater-AG nicht stattfinden darf, könne dieses gemeinsame Projekt nun frühestens im Herbst 2021 durchgeführt werden. Zudem sei eine multimediale Theateraufführung zum 200. Todestag des Dichters E.T.A. Hoffmann in Vorbereitung – ein Projekt, das bereits die Aufmerksamkeit der E.T.A.-Hoffmann-Gesellschaft in Bamberg und Berlin auf sich gezogen habe.

Mit dieser Inszenierung möchte Huber nach 42 Jahren seine eigene Theaterarbeit abschließen und auch nicht mehr als Schauspieler auftreten, sondern die Bühne gegen sein heimisches Arbeitszimmer austauschen. Als Buchautor beabsichtigt er, seine multimediale Theaterarbeit in veränderter Form in Text, Bild und Ton weiter zu entwickeln. Die am Computer entstehenden Collagen sollen beim Leser und Zuhörer virtuelle Theaterräume und Szenen im Kopfkino erzeugen. Für Huber ganz nebenbei auch eine Idee, in Zeiten von Corona einen Ersatz für Live-Erlebnisse zu schaffen.

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