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Neue Wahlfreiheit Post vom Kaminkehrer bringt nicht immer Glück

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Die Kehrseite der neuen Wahlfreiheit: Schornsteinfeger versuchen, Kunden mit langfristigen Verträgen an sich zu binden. Foto: dapd

Stuttgart - Dieser Tage bekommen die Haushalte in Baden-Württembergs größter Metropole Stuttgart mitunter sonderbare Post von ihrem Schornsteinfeger. Dem gesetzlich vorgeschriebenen Feuerstättenbescheid liegt ein unterschriftsreifes Vertragsangebot bei.

Wird dieses unterzeichnet, verpflichtet sich der Hausbesitzer, bei seinem bisherigen Kaminkehrer ein Rundum-sorglos-Paket abzuschließen. Laufzeit bis zu drei Jahren. Enthalten ist die Wartung und Kontrolle ­aller Öfen und Kamine im Haus. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, für 19,84 Euro netto die Gasleitungen überprüfen, für drei Euro die Rauchmelder warten oder für 6,80 Euro eine Abgasmessung am Brenner durchführen zu lassen. Weitere Zusatzwünsche – kein Problem.

Wer ein Interesse daran habe, die klasschen Kaminkehrer-Arbeiten weiterhin unbürokratisch und „ohne zusätzlichen ­Aufwand“ ausführen zu lassen, solle doch gleich unterschreiben, so das verlockende Angebot.

Dass Schornsteinfeger, die ihr Erscheinen bisher bestenfalls mit orangefarbenen Zetteln an der Haustür ankündigten, jetzt in die Offensive gehen und ihren Kunden per Anschreiben auf die Pelle rücken, hat einen Grund. Ab 1. Januar kommenden Jahres endet ein jahrzehntealtes Monopol im Schornsteinfegerhandwerk endgültig. Dann kann jeder Haushalt sich seinen Kaminkehrer selbst aussuchen.

Passen die Handwerker nicht auf, stehen sie im schlimmsten Fall ab 1. Januar 2013 ohne Kunden da

Bisher war das fast nicht möglich. Vielmehr bediente ein Bezirksschornsteinfeger alle Häuser und Wohnungen in seinem Sprengel nahezu exklusiv. Bis zur Rente war ihm ein bleibender Kundenstamm sicher. Die jetzt auf Druck der Europäischen Union endgültig durchgesetzte Liberalisierung des Kaminkehrermarkts entzieht diesem Biotop den Boden. Passen die Handwerker nicht auf, stehen sie im schlimmsten Fall ab 1. Januar 2013 ohne Kunden da.

So weit soll es aber nicht kommen, und daher legen einige Ex-Monopolisten beim Kundenfang eine Kreativität an den Tag, die Verbraucherschützer und Rechtsexperten nur die Nase rümpfen lässt.

Christian Michaelis vom Bund der Energieverbraucher (BdE) in Baden-Württemberg sieht in den Schreiben, die dieser Tage in die Haushalte flattern, den Tatbestand des „unlauteren Wettbewerbs“ erfüllt. Kurz vor dem Start des freien Markts versuchten sich die Platzhirsche einen Vorteil gegenüber möglichen Schornsteinfeger-Konkurrenten zu verschaffen, sagt er. Dass sie die Kunden dabei noch für drei Jahre an sich binden wollen, bewertet er als „abenteuerliche Konstruktion“. Immerhin würden die Haus- oder Wohnungseigner dadurch jahrelang von möglichen Preissenkungen im Markt abgenabelt. „Wenn die Preise für Schornsteinfegerdienstleistungen aufgrund des Wettbewerbs in Zukunft zurückgehen, verlieren Kunden, die eine lange Vertragsbindung eingegangen sind, Geld“, sagt Michaelis.

Experten: Nicht vorschnell unterschreiben, genau prüfen und Preise vergleichen

Beim zuständigen Landesinnungsverband für Schornsteinfeger (Liv) hält man den Wirbel um die Werbebriefe für übertrieben. Von Vertragslaufzeiten über mehrere Jahre sei seitens des Verbandes nie die Rede gewesen. In einer Empfehlung habe man sich für Einjahresverträge ausgesprochen, sagt Liv-Präsident Franz Klumpp. Außerdem hätten die Schornsteinfeger ein berechtigtes Interesse, ihre Kunden weiterhin an sich zu binden, sagt Klumpp.

Verbraucherschützer Michaelis sieht das ganz anders: „Wenn der Schornsteinfegerverband seinen Mitgliedern jetzt rät, die Kunden zu binden, dann stellt er sich gegen den Willen des Gesetzgebers, Wettbewerb einzuführen“, sagt der Energieexperte. Sollten die bisherigen Monopolisten jetzt auch noch den Erstzugriff auf alle Kunden erhalten, bringe das der ganzen Liberalisierung wenig.

Ähnlich äußert sich die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Nicht vorschnell unterschreiben, genau prüfen und Preise vergleichen, lautet hier der Rat der Experten. BdE-Mann Michaelis rät zusätzlich, lange Vertragslaufzeiten in jedem Fall zu vermeiden.

„Da kommt es zu einer Verquickung privatwirtschaftlicher und hoheitsrechtlicher Aufgaben“

Die Werbeaktion der Schornsteinfeger kurz vor der Liberalisierung des Marktes gibt aber auch noch aus einem anderen Grund Anlass zur Kritik. In den vorliegenden Fällen wurde das Vertragsangebot zusammen mit dem sogenannten Feuerstättenbescheid versandt. In diesem wird der Status quo der Heizanlagen im Haus festgehalten. Die sogenannte Feuerstättenschau, die später in den Bescheid mündet, ist eine hoheitliche Aufgabe, die auch nach der Liberalisierung vom Bezirksschornsteinfeger durchgeführt wird. Den privilegierten Zugang zum Kunden zu nutzen, um für private Angebote Werbung zu machen, hält Michaelis für problematisch. „Da kommt es zu einer Verquickung privatwirtschaftlicher und hoheitsrechtlicher Aufgaben“, moniert der Verbraucherschützer. In anderen Branchen sei das undenkbar.

In diesem Punkt zeigt man sich beim Innungsverband einsichtig. Dass das private Angebot als Trittbrettfahrer einer hoheitlichen Tätigkeit daherkomme, sei allerdings „nicht in Ordnung“, sagt Liv-Präsident Klumpp. Bereits vor einigen Monaten habe es in ähnlichen Angelegenheiten Probleme gegeben, woraufhin der Sachverhalt im Verband thematisiert worden sei. Damals habe man auf die Bedenken hingewiesen und von der Kopplung abgeraten.

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