Ab Januar 2026 werden die Ergebnisse der zahnärztlichen Früherkennung im gelben Untersuchungsheft vermerkt. Eine Zahnärztin erklärt, was Eltern beachten sollten.
Bis zu ihrem sechsten Lebensjahr können Kinder sechs kostenfreie zahnärztliche Früherkennungsuntersuchungen nutzen. Dass diese nun auch im gelben U-Heft vermerkt werden sollen, ist wichtig, heißt es seitens des Informationszentrums für Zahn- und Mundgesundheit Baden-Württemberg: „Wer diese Termine nutzt, kann bei seinem Kind spätere Eingriffe an den Zähnen verhindern“, sagt die Zahnärztin Jutta Vischer, Vorsitzende des Ausschuss für Präventive Zahnmedizin und Mundgesundheit der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg.
Frau Vischer, wie kann die neue Regelung Ihrer Meinung nach dazu führen, dass Zahnprobleme früher bei Kindern erkannt werden?
Der entscheidende Punkt ist der verpflichtende Charakter: Eltern empfinden die zahnmedizinischen Untersuchungen, durch die Einbindung ins U-Heft nicht mehr nur als freiwilliges Angebot, sondern als verbindliche Aufgabe. Das führt dazu, dass Kinder zuverlässiger untersucht werden und Probleme deutlich früher erkannt werden können. Schließlich können vernachlässigte Zähne nicht nur gesundheitliche Folgen haben, sondern sogar ein Anzeichen für eine mögliche Kindeswohlgefährdung sein.
Was sind typische Zahnprobleme im Kindesalter?
An erster Stelle steht natürlich Karies. Daneben sehen wir häufig Gewohnheiten wie Daumenlutschen oder den zu langen Gebrauch von Schnullern oder Trinkflaschen. Auch durchbrechende Zähne können Beschwerden bereiten, manchmal fallen Milchzähne nicht rechtzeitig aus, sodass bleibende Zähne in einer zweiten Reihe durchbrechen – hier muss der Zahnarzt nachhelfen. Hinzu kommen Fehlstellungen, etwa weil das Kind falsch schluckt oder überwiegend über den Mund atmet. Diese können sich auch auf die Sprachentwicklung auswirken. Ein zu kurzes Zungenbändchen ist ebenfalls ein Thema.
Hat sich die Zahngesundheit der Kinder in den vergangenen Jahren verbessert?
Die Daten der sechsten Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS VI) zeigen eine erfreuliche Entwicklung. Seit Ende der 1980er-Jahre konnte die Karieslast bei 12-Jährigen um rund 90 Prozent gesenkt werden – dank umfangreicher Prophylaxemaßnahmen. Heute sind etwa 60 Prozent der Acht- bis Neunjährigen und fast 80 Prozent der 12-Jährigen kariesfrei. Allerdings zeigt sich ein deutlicher Einfluss von sozioökonomischem Status und Migrationshintergrund – hier ist das Kariesrisiko bis zu dreimal höher. Deshalb werden derzeit gezielt neue Konzepte zur besseren Erreichbarkeit dieser Gruppen entwickelt.
Ab wann sollten Kinder zum Zahnarzt zur Vorsorge gehen?
Am besten schon mit dem ersten Zahn, also etwa im Alter von sechs bis neun Monaten. Zunächst geht es darum, dass das Kind die Praxis kennenlernt und Vertrauen fasst. Ab dann sind halbjährliche Vorsorgetermine sinnvoll. Wichtig ist, die Besuche spielerisch und positiv zu gestalten – das schafft eine gute Basis für später.
Worauf wird bei den Vorsorgeterminen geachtet?
Es wird zum Beispiel die allgemeine Entwicklung betrachtet: Gibt es Auffälligkeiten im Gesicht, wie ist der Muskeltonus – also die Körperspannung –, verläuft der Zahndurchbruch altersgerecht, wie sieht es mit Zahnfleisch und Mundhygiene aus? Außerdem wird über Ernährung gesprochen. Denn viele vermeintlich gesunde Lebensmittel enthalten Zucker oder Säuren, die den Zähnen schaden. Ganz wichtig ist dabei auch das Gespräch über Getränke: Kinder sollten früh lernen, dass Wasser das beste Getränk ist.
Brauchen Kinder Fluorid?
Hier gibt es klare Empfehlungen: Im ersten Lebensjahr werden Fluoridtabletten empfohlen. Ab dem Durchbruch der ersten Zähnchen sollte zusätzlich zwei Mal täglich altersentsprechende fluoridhaltige Zahnpasta verwendet werden – bis zum zweiten Geburtstag in etwa in Reiskorngröße, danach erbsengroß. Ab sechs Jahren entspricht die richtige Menge bis zu einer Bürstenlänge. Ergänzend wird auch die Nutzung von fluoridiertem Speisesalz empfohlen – und Zahnseide ab dem zweiten Zahn, um die Zahnzwischenräume sauber zu halten.
Wie sollten sich Familien auf die Vorsorgetermine vorbereiten?
Am besten wird der Termin als freudiger Ausflug angekündigt. Eltern können die Zahnbürste des Kindes mitbringen, um sich das richtige Putzen zeigen zu lassen. Wichtig ist, die Kinder positiv einzustimmen: Sätze wie „Du brauchst keine Angst haben“ sind allerdings komplett kontraproduktiv. Besser ist es, die Untersuchung als etwas Tolles und Spannendes darzustellen.
Wie kann man Kindern helfen, die vor dem ersten Zahnarztbesuch Angst haben?
Kinder sind neugierig. Deshalb hilft es, sie beim Zahnarzt spielerisch an die Geräte heranzuführen: Die Polierbürste darf man zuerst am Finger ausprobieren, der Stuhl fährt hoch und runter, die Absaugung wird gezeigt, die Lupe eingeschaltet. So werden mögliche Ängste in Neugier verwandelt – und die Kinder erleben den Zahnarztbesuch als spannende Erfahrung.
Zahnärztin für Kinder
Praxis
Jutta Vischer (Jahrgang 1968) ist niedergelassene Zahnärztin in Gärtringen-Rohrau. Die Behandlung von Kindern liegt ihr besonders am Herzen. Neben ihrem Beruf engagiert sich Vischer als Vorsitzende des Ausschuss für Präventive Zahnmedizin und Mundgesundheit der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg und ist zudem Vorstandsmitglied der Landesarbeitsgemeinschaft für Zahngesundheit Baden-Württemberg.
Aufklärung
Das Informationszentrum Zahn- und Mundgesundheit Baden-Württemberg (IZZ) ist eine gemeinsame Einrichtung der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg und der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg.