Der Münchner Autobauer dominiert bei der E-Mobilität unangefochten und greift mit einer neuen Modellstrategie an. Doch die Konkurrenz aus Stuttgart schläft nicht. Spannend sind beide Konzepte – und es gibt Gemeinsamkeiten.
Verkehrte Welt: Während Mercedes-Chef Ola Källenius von Anfang an massiv auf die Elektromobilität setzte, plädiert sein Münchner Konkurrent, BMW-Chef Oliver Zipse, seit jeher für Technologieoffenheit. Trotzdem verkaufte Zipse im vergangenen Jahr mehr Elektroautos als Mercedes und Audi zusammen.
Auch ein anderer Schachzug Zipses unterscheidet sich von der Strategie von Källenius. Mit der Neuen Klasse bringen die Münchner in den kommenden zwei Jahren mindestens ein halbes Dutzend Modelle auf den Markt, deren gemeinsame Plattform sich von den bisherigen fundamental unterscheidet: Sie ist ausschließlich für E-Autos geeignet. Mercedes bringt nahezu zeitgleich mit dem Kompaktfahrzeug CLA eine neue Plattform namens MMA auf den Markt, die – anders als die von BMW – außer E-Autos auch Hybridfahrzeuge aufnehmen kann.
Bereits im Sommer will BMW mit der Vorserienproduktion der Neuen Klasse starten, Ende dieses Jahres soll aus dem neuen Werk im ungarischen Debrecen das erste Serienfahrzeug vom Band rollen: die neue Generation des vollelektrischen Geländewagens iX3. Im Stammwerk München soll die Serienfertigung im Sommer 2026 anlaufen, im Jahr darauf wird die Fabrik komplett auf E-Autos umgestellt.
BMW bleibt bei Technologieoffenheit
Warum diese Spezialisierung, wenn BMW sich doch weiter alle Optionen offenhalten will? Die Flexibilität, verschiedene Fahrzeuge mit verschiedenen Antriebsformen auf der gleichen Linie zu bauen, hat ihren Preis. Die Investitionen sind höher, Lagerhaltung und Logistik aufwendiger. „Mit der Neuen Klasse werden wir die Fertigungskosten im Werk München deutlich senken“, sagt Werksleiter Peter Weber. Mercedes dagegen setzt zum Beispiel in seiner Factory 56 weiter auf eine hoch flexible Fertigung.
Die Umstellung des Stammwerks bedeutet für BMW jedoch keine Abkehr von der Technologieoffenheit. Vielmehr stellt man sich damit auf die erwartete Entwicklung des Automarkts ein, auf dem der Anteil vollelektrischer Fahrzeuge nach Einschätzung des Unternehmens bis 2030 deutlich steigen wird. An den anderen deutschen Fertigungsstandorten – Dingolfing, Regensburg und Leipzig – gibt es weiter einen Antriebsmix, aber auch dort gehört jeweils mindestens ein vollelektrisches Fahrzeug zum Sortiment.
Tiefe Umbrüche bei BMW und Mercedes
Der Modellwechsel ist sowohl bei BMW als auch bei Mercedes mit tiefgreifenden Umbrüchen verbunden. Beide Konzerne nehmen komplett neue Plattformen in Betrieb, auf denen sie verschiedene Autos so aufsetzen wollen, dass Produktion und Entwicklung günstiger werden. Auch neue Betriebssysteme gehen bei beiden Herstellern in Serie. Doch die Konzepte unterscheiden sich deutlich.
BMW verfolgt die Strategie, Komponenten über möglichst alle Plattformen zu standardisieren, von denen es künftig einschließlich der Neuen Klasse drei geben soll. Weil BMW vergleichsweise geringe Stückzahlen hat, sei dies wichtiger als einheitliche Plattformen für die unterschiedlichen Segmente, erklärt Entwicklungschef Frank Weber. Ziel sei es, Komponenten wie den Antriebsstrang zu vereinheitlichen und für alle Plattformen zu nutzen. Die auf E-Autos beschränkte Plattform der Neuen Klasse bringt dem Unternehmen somit Kostenvorteile bei der Fertigung, ohne das Produktspektrum einzuschränken.
BMWs Neue Klasse strahlt auf andere Modelle ab
Für die Neue Klasse entwickelte BMW zudem Komponenten, die in der gesamten Modellpalette eingesetzt werden sollen. Dazu zählt nicht nur das E/E-System, das wie ein Nervensystem des Autos die Steuergeräte und Sensoren miteinander verbindet, sondern auch die „Panoramic Vision“. Sie projiziert Inhalte für alle Passagiere auf die Windschutzscheibe in ihrer gesamten Breite.
Auch in der Batterietechnologie liefern sich die beiden Hersteller einen intensiven Wettbewerb. Beide haben die Reichweiten deutlich erhöht, den Stromverbrauch stark reduziert und das Laden beschleunigt. BMW setzt auf Batterien, die zugleich als Fahrzeugboden dienen können. Das vereinfacht die Produktion, spart Material, Gewicht und Kosten – und trägt zu mehr Reichweite bei.
Deutliche Unterschiede gibt es in Design und Anmutung – die Neue Klasse ist eher puristisch und erinnert an den Design-Stil von Apple, während Mercedes-Fahrer im Luxus schwelgen sollen, der schon in der Basisversion reichlich vorhanden sein soll.
Die Gemeinsamkeit zwischen BMW und Mercedes
Bei allen Unterschieden gibt es doch auch eine große Gemeinsamkeit zwischen Stuttgart und München: Beide Unternehmen besinnen sich auf ihre Tradition. Mercedes überträgt mit dem CLA das Konzept des gediegenen Luxusautos in die Kompaktklasse. BMW nimmt schon mit dem Namen der neuen Baureihe Bezug auf die Vergangenheit. Nachdem der opulente „Barockengel“ das Unternehmen in den Fünfzigerjahren fast in die Pleite getrieben hatte, setzt BMW mit der Neuen Klasse auf ein betont schlichtes Design mit klaren Linien. Mit diesem Konzept kamen die Münchner vor mehr als 60 Jahren zurück auf die Erfolgsspur.
Mercedes und BMW suchen den Erfolg nicht nur in Zukunftstechnologien, sondern auch in der Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln.