Auf nach Bormio: Skibergsteiger Finn Hösch Foto: Imago/Xinhua

Skibergsteigen feiert seine Olympia-Premiere, allerdings ist in Bormio nur ein Teil seiner Faszination zu sehen – weil erneut eine Sportart ins olympische Format gepresst wird.

Olympische Spiele sind immer für eine Überraschung gut, manchmal auch noch kurz vor dem Ende. Denn vier Tage vor der Schlussfeier in der historischen Arena von Verona betritt eine neue Sportart die große Bühne. Skibergsteigen feiert seine Olympia-Premiere – zu sehen sind dabei allerdings nur Ausschnitte des vollen Programms. Weshalb der Superstar der Szene fehlt.

 

Doch von vorne. Skimountaineering („Skimo“) ist fraglos eine attraktive Sportart. Es geht darum, auf schmalen und leichten Skiern, unter die Felle geschnallt werden, steile Anstiege zu erklimmen. Es gibt Laufpassagen, in denen die Skier auf dem Rücken getragen werden. Und dazu rasante Abfahrten. „Nun Teil des olympischen Programms zu sein, ist extrem wichtig für die Entwicklung des Skibergsteigens und mega cool für den Nachwuchs“, sagt Anton Palzer, „allerdings ist das, was nun in Bormio zu sehen ist, weit weg von den Wurzeln dieser Sportart.“

Das attraktivste TV-Format ist bei Olympia am Start

Anton Palzer weiß, wovon er spricht. Er war einer der erfolgreichsten Skibergsteiger der Welt, eher er 2021 Radprofi im Team Bora-hansgrohe wurde, unter anderem den Giro d’Italia und die Vuelta bestritt. Bei den Winterspielen ist er Experte für Eurosport und sagt: „Natürlich wurde für Olympia das attraktivste TV-Format gewählt, das sich auch im Weltcup bewährt hat.“

Erst Skibergsteiger, dann Radprofi, jetzt TV-Experte: Anton Palzer Foto: IMAGO/MAXPPP

Seinen Ursprung hat Skibergsteigen, dieser Sport von und für Freigeister, in Wettkämpfen in den Weiten der Natur, die zwischen eineinhalb und zweieinhalb Stunden dauern, in schwierigem Gelände stattfinden, mit sechs oder sieben langen Anstiegen, bei denen bis zu 2000 Höhenmetern überwunden werden müssen. In Bormio ist die andere Variante zu sehen: Es findet je ein Sprintrennen für Männer und Frauen statt, dazu eine Mixed-Staffel. Es gibt einen kurzen Anstieg, eine kurze Tragepassage über eine Schneetreppe, eine kurze Abfahrt, insgesamt 70 Höhenmeter. Jeder Lauf wird rund dreieinhalb Minuten dauern. Das ist rasant, spannend, attraktiv. Und vom Grundgedanken vergleichbar mit dem Sportklettern bei Sommerspielen. Da geht es auch nicht hinaus in die Berge, stattdessen steigen die Wettkämpfe an einer künstlichen Wand. Oder um es in den Worten von Anton Palzer zu sagen: „Das ist, als wenn die Tour de France drei Wochen lang auf dem Nürburgring stattfindet.“ Dem deutschen Team taugt es trotzdem.

Der beste Skibergsteiger der Welt fehlt bei der Olympia-Premiere: Remi Bonnet. Foto: IMAGO/NurPhoto

In Bormio geht an diesem Donnerstag (Finalläufe ab 12.55 Uhr) ein Trio an den Start: Tatjana Paller (30), die als Bahnradfahrerin Rio 2016 knapp verpasst hat, Finn Hösch (23) und Helene Euringer (19). Alle drei freuen sich auf die große Chance, die sich ihnen bei den Winterspielen bietet. „Für uns erfüllt sich ein Kindheitstraum. Und dann haben wir noch den Glücksfall, dass der Sprint die große Stärke von uns dreien ist“, sagt Tatjana Paller, die 2025 in dieser Disziplin WM-Bronze gewann, „aber wir verstehen auch alle, die sich ärgern, dass wegen Olympia der volle Fokus auf dem Sprint liegt. Das verändert die gesamte Sportart.“ Manche weigern sich, diese Entwicklung mitzumachen.

Remi Bonnet: 1000 Höhenmeter in 27:21 Minuten

Remi Bonnet (30) ist der beste Skibergsteiger der Welt. Der Schweizer gewann sechs WM-Titel, dominiert den Weltcup und ist ein echter Typ, natürlich auch im Sommer. 2024 stellte er beim „Vertical Kilometre de Fully“ eine neue Bestmarke auf: Er überwand auf dem 1,92 Kilometer langen Anstieg 1000 Höhenmeter in unglaublichen 27:21 Minuten. Auf das Spektakel in Bormio? Verzichtet er.

Bonnet ist Langstreckler. Trotzdem hätte er das Potenzial, um auch im olympischen Kurzformat erfolgreich zu sein. Er will es aber nicht. „Für mich war es eine einfache Entscheidung. Sprint und Staffel sind zwei Disziplinen, die mir überhaupt nicht gefallen“, sagt der Mann, der 500 000 Höhenmeter pro Jahr bewältigt, „ich bleibe meiner Überzeugung treu und folge meiner Leidenschaft – das sind lange Touren in den Bergen.“ Einen weiten Weg hat auch das Skibergsteigen vor sich.

Im Norden Italiens ist „Skimo“ Bestandteil des olympischen Programms, eine Entscheidung über 2030, wenn die Spiele in Frankreich stattfinden, ist noch nicht gefallen. Gut möglich, dass es ein einmaliges Gastspiel bleibt. Wenn nicht, ist allerdings auch denkbar, dass in vier Jahren ein Ausdauerwettkampf dazukommt. Dann womöglich mit Remi Bonnet – und Anton Palzer (32). Seine Karriere als Radprofi hat der Oberbayer beendet, wohin seine persönliche Reise geht, ist noch unklar. „Olympia 2030“, sagt er, „könnte ein Option sein.“ Überraschungen sind schließlich immer möglich.