Ingo Appelt befindet sich mit 58 „im zunehmenden Alter“. Foto: Leslie Barabasch

Ingo Appelt geht in seiner übersexualisierten Show im Stuttgarter Theaterhaus so tief unter die Gürtellinie, dass es manchmal schon unterirdisch ist.

Da rede noch einer von Chancengleichheit! Derweil die Akademiker längst brav in der Schlange stehen, um sich pünktlich in der Pause ein Bier beziehungsweise eine Brause zu gönnen, haben die Comedy-Fans das Nachsehen.

 

Ingo Appelt hat schon im ersten Teil seiner Show in jeder Hinsicht überzogen und 80 Minuten ohne Punkt und Komma „gesabbelt“, wie er selbst sagt. Die Zuschauer des „Science Slams“ im Theaterhaus sind zudem mehr als doppelt so viele, obwohl die kleinere Halle T2 mit 400 Besuchern bei „Männer nerven stark“ ausverkauft ist – die Fortschreibung von „Männer nervenstark“.

Das Lastenfahrrad als Brutkasten

Mit Akademikern hat es Appelt ohnehin nicht so, spricht vom „akademischen Drecksverein“, womit er seine SPD meint, in der er seit Jahrzehnten Mitglied ist und als Vorvorletzter nur noch darauf „warte, bis der Laden zugeht“. Arbeiterpartei, das war also mal – sowie früher für den Maschinenschlosser mit IG-Metall-Sozialisation eben vieles besser war.

Kinder zum Beispiel wurden einst auf dem Gepäckträger transportiert und mussten zwischendurch auch mal die Kippe halten. Heute werden sie im Brutkasten eines Lastenfahrrads noch mit 21 durch die Gegend kutschiert. Erst in der Pandemie sei man sich bewusst geworden, „was für Mehlwürmer man da in die Welt gesetzt hat“, so der Familienvater, weswegen die Babyklappen mit Elfjährigen verstopft gewesen seien. Wenn nur die „technische Abhängigkeit von den Bettnässern“ nicht wäre, falls das Apple-TV nicht geht oder das WLan-Passwort vergessen wurde.

Das Publikum hat es ja so gewollt

Auch für Komiker war früher vieles besser, als man den TV-Sendern noch keine Texte vorlegen musste, sondern live frei vom Leder ziehen konnte. So hielt Ingo Appelt bei RTL ein Schild mit einem dieser F-Wörter hoch, die er nun ganz unzensiert auf der Bühne umso massiver einsetzt, wenn er etwa bei Westernhagens „Ich bin froh, dass ich kein Dicker bin“ einen Buchstaben austauscht. „Kein Dicker“ könne er im „zunehmenden Alter“ – Ingo Appelt wird bald 59 – mit seiner Plauze schließlich nicht mehr sagen.

Aber das Publikum hat es ja so gewollt. Gleich zu Beginn wurde gefragt, ob es politisch korrekt sein soll – „oder lieber auf die Kacke hauen?“ So oder so sieht Ingo Appelt übersexualisiert überall eindeutig Zweideutiges, sogar in Angela Merkels Raute. Die Altkanzlerin kann er immerhin gut imitieren. Wenn er in deren Tonfall dann noch Helmut Kohl, Til Schweiger, Herbert Grönemeyer und Udo Lindenberg frei nach Christian Lindner „lieber nichts verstehen, als falsch verstehen“ abwechselnd hineinmixt, wird es sogar richtig virtuos. Ansonsten aber muss man schon sehr „niveauflexibel“ sein.

„Comedy ab 18“ warnt die Programmankündigung, und das ist nicht als Spaß gemeint.