Die Stadt Lahr am Ausgang des Mittelalters – damals noch mit der intakten Tiefburg und der Stadtmauer. Foto:  

Historiker Walter Caroli beleuchtet in einer neuen Serie die Lahrer Straßen und ihre Namen. Zum Auftakt wirft er einen Blick in die Vergangenheit: Als Lahr im 13. Jahrhundert gegründet wurde, hatte die Stadt nur rund 300 Einwohner und überwiegend schmale Gassen. Zu den ältesten gehört die Marktgaß – die heutige Markstraße. Der Urteilsplatz war einst der Mittelpunkt der Stadt.

Örtliche Straßen und Straßennamen wecken gemeinhin Vorstellungen von Verkehr, Staus, Geschwindigkeits- und Ampelregelungen, Strafzetteln und Ähnlichem. Eine nähere Beschäftigung mit ihnen führt jedoch in andere Gedankenwelten, denn die Entstehung von Straßen und ihre Benennung verraten viel über die lokale Geschichte, in die sie eingebunden sind. Zunächst soll über ihre Entstehungszeit berichtet werden. In weiteren Folgen der neuen Serie werden dann die Lahrer Straßennamen in den Blick genommen.

 

Ein Beispiel vorweg, locker formuliert in Lahrer Mundart: „Dr Alfred Siefert isch e Suhn vum Handelsmann Christian Wilhelm Siefert gsii. Är het anne 1888 im Sälbschtverlag e Gedichtband ’Grüselhornklänge’ vereffetligt. D Stadt Lohr het e Stroß noch em Siefert gnännt, dr Alfred-Siefert-Weg.“

Überwiegend schmale Gassen hatte die vermutlich im Sommer 1278 gegründete Stadt Lahr. Sie war recht klein, erstreckte sich nördlich der Burg und war von einer Mauer umgeben. Von der Zugbrücke des Schlosses führte die Marktgasse nach Norden zum Fulhabertor, das etwa unterhalb des heutigen Rosenbrunnens lag. Die ältesten Straßen Lahrs sind die Marktgaß, die Badergaß, die Mühlgaß, das Rossgäßlin und die Kirchgaß. Nur knapp 300 Menschen lebten im damaligen Lahr.

Im Mittelalter wuchs die Stadt nach Norden

Zwei weitere Mauerringe umschlossen die nach Norden schnell wachsende Stadt. Der Stadtplan von 1726 zeigt die Struktur des damaligen alten Lahrs: Das Roßgässlin stellte die Verbindung zwischen der Partie der Neuschutter (Gewerbekanal) im Bereich der Zehntscheuer (heute Rossplatz) und der Kirchgaß her. Nach der Nord-Süd-Achse (Marktgasse) entstand spätestens in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts eine vom dritten Mauerring nördlich abgeschirmte Ost-West-Achse. Sie wurde gebildet von der Spitalgaß (heute Kaiserstraße), die im Westen zum Dinglinger Tor führte, und von der Rappengaß (heute Friedrichstraße), die im Osten mit dem Rappentor den Stadtausgang markierte.

Der Urteilsplatz war nun der Mittelpunkt der Stadt, wo sich die wichtigsten Gebäude befanden. Vorbei am Rathaus gelangte man nach Norden zu einer Doppelmauer (Zwinger), die die Stadt gegen das Vorgebirge wehrhaft schützte, und zum Obertor als Stadtausgang. Der Verlauf der Doppelmauer des Zwingers ist durch Sandsteinpflaster in der Gerichtsstraße unterhalb des Amtsgerichts markiert.

Von der Marktgaß (heute Marktstraße) führte die Kirchgaß (heute Kirchstraße) nach Westen durch das Vogtstor zum Kirchweg und zur Stiftskirche, die seit 1492 zur Stadtkirche geworden war. Nach Osten zweigten Badergaß und Mühlgaß ab, die zur Stadtmühle führten. Weiter nördlich lag die Judengaß (heute Marktplatz und Metzgerstraße). Von der Kirchgaß führte die Strauchgaß (später Schnadergaß, heute Schlosserstraße) entlang des Stadtgrabens nach Norden. Zwischen Marktgaß und der heutigen Lammstraße verliefen das Ochsengässlein und die Ochsengaß. Die heutige Krämergasse hieß damals Webergaß, die Vogtstorstraße Entengaß (später Blumenstraße). Die Obstgaß verband die Marktgaß mit der Strauchgaß.

Im 18. Jahrhundert hatte Lahr bereits 400 Einwohner

Im 18. Jahrhundert wuchs die Bevölkerung der Stadt Lahr von etwa 2000 auf über 4000. Mit dem weiteren Anwachsen der Bevölkerung und der Bebauung entstanden zwangsläufig auch Straßen. So zählte Lahr 1803 rund 4700 Einwohnerinnen und Einwohner, 1849 bereits 6700, 1852 (mit Burgheim) 6939, 1871 knapp 8000 und um 1900 mehr als 12 000.

Stadtpläne von 1827, um 1865, 1875 und 1895 sowie Adressbücher geben einen Überblick über die Ausdehnung der Stadt und die jeweils vorhandenen Straßen: 1827 hatte sich die Stadt nach Osten (Rappen-vorstadt) und nach Westen (Dinglinger Vorstadt) erheblich ausgedehnt. Im Süden entstanden Schäferei und Vogtsvorstadt (heute Bismarckstraße). Die Straße „Auf der Allee“ (heute Alleestraße und Zollamtsstraße) verband den Bärenplatz mit der Rappengasse.

1867 sind aufgeführt: Abtsgasse, Alleestraße, Altenberg, Auf der Walke, Brestenberg, Burgheimer Weg, Dinglinger Vorstadt, Engelplatz (der heutige Marktplatz), Entengasse (das ist die heutige Vogtstorstraße), Finkengarten, Gärtnergasse, Grabenweg (die heutige Waldhornstraße), Große Krämergasse, Hinter der Mauer, Hundsgasse (heute Lammstraße), Judengasse, Kirchgasse, Kleine Krämergasse, Kleine Rappentorstraße, Kreuzgasse Marktstraße, Mühlgasse, Rossgasse, Schlossplatz, Spitalstraße (heute Kaiserstraße), Obertorstraße, Obstgasse, Rappenstraße (die heutige Friedrichstraße), Rappenvorstadt, Schäferei (heute Bismarckstraße), Schafgraben, Schnadergasse, Vor dem oberen Tor, Sonnenplatz, Thiergarten, Vogtssvorstadt (heute Bismarckstraße), Winkel, Ziegelgarten.

Am 24. Juli 1876 beschloss der Lahrer Gemeinderat dann aufgrund neuer Brandversicherungsbücher eine Änderung der Hausnummerierung und eine Umbenennung der Straßen: Statt der bisherigen Durchnummerierung der Lah- rer Häuser wurde jetzt eingeführt, dass jede Straße oder Gasse mit der Nr. 1 beginnen sollte und die eine Seite die geraden, die andere die ungeraden Hausnummern tragen sollte. So entstanden unter anderem die Straßennamen Kaiserstraße, Friedrichstraße, Bismarckstraße, Luisenstraße, Bahnhofstraße, Marktplatz, Werderstraße, Schützenstraße, Lammgasse.

Einschneidende Veränderungen bei den Straßennamen brachte auch die Eingemeindung von sieben Stadtteilen zum 1. Januar 1972. Nicht nur die Zahl der Straßen in der Stadt erhöhte sich um ein Vielfaches, es mussten auch etliche umbenannt werden, um gleichlautende Straßennamen zu vermeiden. So wurde beispielsweise die Lindenstraße der Kernstadt in Liebensteinstraße umbenannnt, da es in Kippenheimweiler schon eine Lindenstraße gab.