Spurensuche im März 1987 auf dem Schmidener Feld: Der Mörder hatte hier Kleidungsfetzen des Opfers verstreut – und dabei offenbar eigene winzige DNA-Spuren hinterlassen Foto: Kern

Verbrechen von 1987 wieder aufgerollt - Täter nicht in Gen-Datei des Bundeskriminalamts.

Stuttgart - Ein genetischer Fingerabdruck könnte im neuen Jahr einen der erschütterndsten Stuttgarter Mordfälle klären: Den gewaltsamen Tod der 17-jährigen Anja Aichele 1987 in Bad Cannstatt. Der Mörder hat doch nicht alle Spuren verwischt. Sein DNA-Code ist identifiziert.

Ein neuer Anlauf im ungeklärten Mordfall Anja Aichele - diesmal mit einer heißen Spur. Die Polizei hat offenbar die mikrobiologische Visitenkarte des Täters. Die damals 17-jährige Schülerin wurde am 27. März 1987 auf dem Heimweg von einem Jugendtreff der Cannstatter Luthergemeinde zum elterlichen Wohnhaus im Quartier Muckensturm ermordet und in einem Gartengrundstück verscharrt. Der Fall hatte weit über Stuttgart hinaus Betroffenheit ausgelöst. Der Täter hatte mit einer beispiellosen Kaltblütigkeit Spuren beseitigt. Fernsehfahndungen wie "Aktenzeichen XY ungelöst" oder die wissenschaftliche Erstellung eines Täterprofils halfen nicht weiter.

DNA-Spur durch neue Analysetechnik

Der Täter blieb ein Phantom. Zur Tatzeit dürfte er nach Einschätzung der Ermittler über 30 Jahre alt gewesen sein, über detaillierte Ortskenntnisse im Muckensturm verfügt und das Opfer womöglich gut gekannt haben. Mehr war nicht. Nun aber gibt es zwölf Zahlenpaare - der Code für den genetischen Fingerabdruck des Täters. Nach Informationen unserer Zeitung haben die Ermittler durch eine immer weiter verfeinerte Analysetechnik eine brauchbare DNA-Spur gesichert. In der Vergangenheit hatten die Asservate dies nicht hergegeben.

Nun sind Personen aus dem damaligen Freundes- und Bekanntenkreis des Mordopfers aufgefordert worden, freiwillig eine Speichelprobe abzugeben. Zu den Adressaten für den polizeilichen DNA-Abgleich zählen unter anderem ehemalige Mitglieder des Jugendtreffs der Cannstatter Luthergemeinde, den Anja Aichele am Tatabend besuchte. Auch auf Ehemaligentreffen des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums, das die 17-Jährige bis zu ihrem Tod besuchte, hat sich die Fahndungsmaßnahme herumgesprochen - ebenso wie in Internetforen.

Die Ermittlungsbehörden halten sich bedeckt. Bestätigt wird lediglich, dass - ausgelöst durch "neue Ermittlungsansätze" - derzeit DNA-Proben gesammelt und ausgewertet werden. "Von allen Personen, die im Verlauf des Verfahrens aktenkundig geworden sind", sagt Polizeisprecher Jens Lauer. Dabei dürfte es sich wohl um mehrere Hundert Personen handeln. Zum Vergleich: Allein in den ersten Wochen nach der Tat waren über 530 junge Männer aus der Umgebung nach ihrem Alibi befragt worden. Die Speichelproben würden derzeit ausgewertet, so Lauer. Angesichts der Menge ist dies ein langwieriger Vorgang.

Mord verjährt nicht

Mehr Informationen, wie dicht man dem Täter fast 24 Jahre nach dem Mord inzwischen auf der Spur ist, verweigert aus ermittlungstaktischen Gründen auch die Stuttgarter Staatsanwaltschaft. "Mord verjährt nie, deshalb sind die Akten des Falls auch nicht im Keller geblieben", sagt Pressestaatsanwalt Stefan Biehl nur.

Die DNA-Spur ist bereits Ende 2008 entdeckt worden. Die Beamten wissen: Der Mörder ist bisher nicht wegen einer schweren Straftat registriert. Zumindest ist sein genetischer Code nicht in der DNA-Datei des Bundeskriminalamts erfasst. Dort gibt es derzeit 702000 Personendatensätze von Straftätern und über 181000 Daten von Spuren anderer Verbrechen - etwa Tötungsdelikte, Sexualstraftaten, Einbrüche. Freilich gibt es hier ein großes Dunkelfeld: Zum Zeitpunkt der Tat steckte die DNA-Analyse noch in den Kinderschuhen - in den Labors des baden-württembergischen Landeskriminalamts wurde 1988 in Pionierarbeit experimentiert. Die DNA-Datenbank wurde erst 1998 konsequent aufgebaut.

Trotzdem ist die Polizei optimistisch - angesichts anderer Ermittlungserfolge. Der Mord an einer zwölfjährigen Schülerin in einem Reiterhof in Großbottwar, Kreis Ludwigsburg, im Jahr 1984 wurde nach 19 Jahren per DNA-Beweis geklärt. 2005 wurde ein 54-jähriger Justizvollzugsbeamter zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Auch die Stuttgarter Mordkommission um ihren Leiter Oliver Hoffmann hat schon ihre Erfolgserlebnisse. So konnte übers Reagenzglas der Mord an einem 62-jährigen Frührentner im Juni 1989 nach 19 Jahren geklärt werden - ein 57-Jähriger ging in Haft. Überführt wurde auch der Mörder eines 67-jährigen Rentners im Januar 1997 in Zuffenhausen. Der Täter wurde 2008 als 74-jähriger Altenheimbewohner verhaftet.

Doch es gibt auch eine Kehrseite. Nach dem Mord an dem elfjährigen Tobias im Oktober 2000 in Weil im Schönbuch gab es auch eine Täterspur. Doch der genetische Abgleich mit 12700 Personen führte bisher nicht auf die Spur des Mörders.

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