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Neue Heimat St. Georgener lebt seit einem Jahr in USA

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Corona-Pandemie, US-Präsidentschaftswahlen und Proteste gegen Gewalt gegen Schwarze: Hinter den Vereinigten Staaten von Amerika liegt ein turbulentes Jahr. Der St. Georgener Sebastian Kammerer hat all das vor Ort miterlebt. Foto: Artlana, Feydzhet Shabanov – stock.adobe.com/Cummings/Jutrczenka/Montage: Köppel

St. Georgen - Seit knapp einem Jahr lebt Sebastian Kammerer in den USA. Hinter den Vereinigten Staaten liegt ein turbulentes Jahr. Pandemie, Präsidentschaftswahlkampf und Proteste bestimmten das Land. Im (SB+)-Artikel erzählt er, wie er die vergangenen Monate erlebt hat.

Als am Donnerstag in St. Georgen schon die Sonne untergegangen ist, hat bei Sebastian Kammerer gerade erst der Tag begonnen. Knapp 7500 Kilometer Luftlinie liegen zwischen der Bergstadt und seiner neuen Heimat. Kurz bevor die Corona-Krise die ganze Welt lähmte, zog der gebürtige St. Georgener, der in der Freiwilligen Feuerwehr aktiv war, in den US-Bundesstaat Georgia um.

"Ich mache das ganze jetzt zum zweiten Mal", erzählt er am Telefon. Bereits 2009 lebte er für drei Jahre in Nordamerika, möglich machte dies damals sowie heute eine US-Niederlassung seines Arbeitgebers.

Corona-Pandemie ist großes Thema

Während Kammerer vor knapp zehn Jahren noch alleine reiste, hat er diesmal Frau und Kind mit dabei. Erstere kommt ursprünglich aus den USA, entsprechend ist der St. Georgener trotz seines bislang relativ kurzen Aufenthaltes – Ende vergangenen Jahres ging es los – bereits stark verwurzelt. Politische und gesellschaftliche Themen lassen ihn nicht unberührt. Wie also sieht ein Deutscher die derzeitige Lage in den USA? Schließlich reihten sich im Jahr 2020 bereits mehrere Ereignisse aneinander, die von globaler Bedeutung sind.

Das wohl offensichtlichste Thema, das alle derzeit gleichermaßen beschäftigt, ist die Corona-Pandemie. Präsident Donald Trump geriet international in die Schlagzeilen, als behauptet wurde, er habe die Auswirkungen des Virus bewusst heruntergespielt. Das Land hat bislang knapp 230.000 Corona-Tote zu verzeichnen.

"Es war heftig, damals in der Anfangszeit –­ man wusste ja gar nicht, was passiert", meint Kammerer. Doch schließlich, so seine Beobachtung, standen anfangs alle Länder vor dem Problem, dass man mit dem neuartigen Virus umgehen musste. "Die Zahlen sind schon relativ heftig gewesen, unsere Gesamtzahlen um einiges höher. Allein Georgia hatte etwa genau so viele Fälle wie es in ganz Deutschland gab – und das bei zehn Millionen Einwohnern."

Im Hinblick auf die Maßnahmen habe man ähnlich reagiert wie in Deutschland – so blieb etwa der Kindergarten seines Sohnes geschlossen, Geschäfte verkürzten ihre Öffnungszeiten, Homeoffice wurde eingeführt. Sein Arbeitgeber verteilte derweil Nachweise, damit im Falle eines Lockdowns die Angestellten mit Verweis auf die Systemrelevanz seiner Branche auch weiter vor Ort arbeiten gehen könnten. "Doch zu diesen Kontrollen kam es nie", betont Kammerer.

Unterschiede in der Einschränkung der Wirtschaft

Während sich die Maßnahmen ähnelten, gab es laut dem St. Georgener vor allem Unterschiede in der Einschränkung der Wirtschaft. Hiervon sei man schneller als in Deutschland wieder abgekommen. Den Grund sieht Kammerer in den Gegensätzlichkeiten beider Länder. "Hier gibt es viele Menschen, die leben nur von ihrem Gehalt, das am Ende des Monats dann auch weg ist." In Deutschland sei die soziale Absicherung höher.

"Dass man beispielsweise in Deutschland – überspitzt gesagt – für andere Menschen bezahlt, weil diese krank oder arbeitslos sind, ist in den USA nur schwer nachzuvollziehen", zeigt Kammerer die Sichtweise vieler Amerikaner auf. Die Grundeinstellung sei unterschiedlich, die Amerikaner konservativer. "Die Waffengesetze, die Wahl von Trump – das ist wiederum mit der deutschen Brille schwer nachvollziehbar", sagt er.

Doch dass es auch innerhalb der USA Unterschiede gibt, zeigen die jüngsten Entwicklungen in Kammerers neuem Heimat-Bundesstaat. War dieser früher "klassisch republikanisch geprägt", wie er erzählt, gehört er im Hinblick auf die US-Wahl am Dienstag zu den sogenannten Swing-States. In solchen Bundesstaaten bleibt bis zuletzt offen, ob Demokraten oder Republikaner den Sieg einfahren. "Hier findet ein Umdenken statt", meint Kammerer. "Und Joe Biden war erst in der letzten Woche noch in Georgia. Dort, wo die zuletzt auftreten, wird es spannend."

Entwicklungen wie diese haben ihn auch in puncto Wahlsieg umdenken lassen. "Anfang des Jahres war meine persönliche Einschätzung, dass es keinen Zweifel daran gibt, dass Trump wiedergewählt wird", so seine Analyse. Mittlerweile sei das für ihn nicht länger sicher.

"Noch ist alles offen"

Als Kammerer über den Wahlkampf berichtet, kommt er auch auf die Nachrichtenlandschaft in den USA zu sprechen. Es sei im Vergleich zu Deutschland "ein Stück weit schwieriger", an unabhängige Nachrichten zu kommen. "Oft schauen die Leute hier die Nachrichten, die sie bestätigen."

Ein Thema, das lange Zeit in diesem Jahr die US-Medien bestimmt hat, waren die Auseinandersetzungen, die auf den Tod des Afroamerikaners George Floyd im Mai folgten. "Das haben wir hier relativ nah mitbekommen", erzählt Kammerer. "Weil es dann zu der Zeit auch das ein oder andere Wochenende in Atlanta gab, an dem es heiß herging." Man habe feststellen können, dass die Proteste in der Folge auch die Kleinstädte erreichten, was sonst eher nicht der Fall gewesen sei. "Denn leider kommt das in den USA ja immer wieder vor", sagt er im Hinblick auf Gewalt gegen Schwarze.

Während der Rassismus noch heute besteht, hat sich im Vergleich zu seinem Aufenthalt vor zehn Jahren strukturell einiges geändert. Mittlerweile haben unter anderem deutsche Discounter in den USA Fuß gefasst, die Versorgung mit Brezeln und Co. ist einfacher geworden. Dafür sind die Lebenshaltungskosten gestiegen. Und galt sein jetziger Heimatort früher noch als eher ländliche Gegend, kann man ihn mittlerweile schon dem Großraum von Atlanta zuordnen.

Obwohl Kammerer in erster Linie seine Familie fehlt, gefällt es ihm in Georgia. Wie lange er in den USA leben wird? Ob er je zurückkehrt? Die Antwort fällt nicht eindeutig aus: "Noch ist alles offen."

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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