Von wegen Wahrheit: Die kluge Fotoausstellung „Body/Spaces“ in der Staatsgalerie Stuttgart macht bewusst, wie falsch man Bilder mitunter interpretiert.
Stuttgart - Vermutlich tut man ihr Unrecht. Denn eigentlich lächelt die junge Frau freundlich. Auch das Töchterchen kann ein nettes Mädchen sein. Und doch färben die aktuellen Bilder von Putins Russland ab auf dieses harmlose Foto von Mutter und Tochter, die sich in ihrem Wohnzimmer in Russland haben fotografieren lassen. Sie haben bereits 2014 für die niederländische Künstlerin Rineke Dijkstra posiert – und doch fragt man sich fast zwangsläufig, wie Mutter und Tochter zum Angriff ihres Präsidenten stehen mögen.
Die Fantasie erzählt Motive weiter
„Body/Spaces“ nennt sich eine neue Fotoausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart, in der es um Raumerfahrung geht, um außen und innen und privat und öffentlich – und in der man doch immer wieder auf sich selbst und die eigenen Deutungen der Welt zurückgeworfen wird. Denn oft genügen wenige Indizien, schon beginnt die Fantasie, Motive weiterzuerzählen. Clegg & Guttmann haben die vier Streicher des Melos-Quartetts in einem holzgetäfelten Raum fotografiert. Auch wenn man wenig vom Kontext erfährt, assoziiert man umgehend, dass sich hier ein schwerreicher Mensch ein Privatkonzert in seiner Villa gebucht hat.
Wahrnehmung ist extrem subjektiv
Die meisten Fotos in der Ausstellung sind lange vor Corona entstanden, aber es ist kaum möglich, sie heute ohne diese Erfahrung zu lesen. Die menschenleere Rue des Bourdonnais, die Charles Marville vor 150 Jahren fotografierte, oder der leere Prinzipalmarkt in Münster, den Thomas Struth 1981 aufnahm – die kleine, feine Ausstellung macht bewusst, wie subjektiv Wahrnehmung ist und wie stark persönliches Erleben die Rezeption von Bildern steuert.
Die Kuratorin bringt die Werke zum Sprechen – ohne Erklärungen
Künftig will die Staatsgalerie regelmäßig Fotoarbeiten aus ihrer Sammlung präsentieren – in „The Gällery“ – wie man die Räume in Anlehnung an Baden-Württembergs neue Kampagne „The Län d“ nennt. Der Ausstellung tut das keinen Abbruch, denn sie wurde von Bertram Kaschek und Alessandra Nappo kuratiert, die schon mit der Sonderschau „Angespannte Zustände“ eine ganz neue und zeitgemäße Handschrift in der Staatsgalerie einführte. Alessandra Nappo hat ein feines Gespür und versteht es, allein durch eine kluge Hängung die Werke wie beiläufig zum Sprechen zu bringen – ohne langatmige Erklärungen und wissenschaftliche Belehrungen.
Beim leeren Ballettsaal denkt man zwangsläufig an den Lockdown
Indem Nappo die Perspektive des Publikums bedenkt, ermöglicht sie Zugänge. Der subjektive Blick kann die Sicht aber durchaus auch einengen. Denn der leere Ballettsaal, den Candida Hofer im Jahr 2000 fotografierte, lässt sich heute kaum anders als durch die Lockdown-Brille sehen. Und während Teresa Hubbard und Alexander Birchler in ihrem Fotoprojekt „Gregor’s“ Franz Kafkas „Verwandlung“ nachstellten, sieht man in dem Mann, der in seinem Zimmer die Zeit totschlägt, nicht mehr als ein Quarantäne-Opfer.
Die fotografischen Experimente wirken im Lichte von Social Distancing dagegen keineswegs mehr befremdlich, sondern wie kreative Auswege aus der Isolation. Der gelangweilte Geist sucht sich eben stets Beschäftigung – und während die abstrakte Fotografie von Wolfgang Tillmans bisher für manchen spröde und abweisend wirkte, erzählt sie heute vom Pioniergeist des Künstlers, der im Fotolabor einfach mal das Fotopapier direkt belichtet hat. Die Fingerkuppe, die Thomas Florschuez riesenhaft vergrößert hat, wird sogar zu einem schönen Symbol für den psychischen Zustand des Individuums, das sich in Zeiten des erzwungenen Rückzugs notgedrungen selbst schöpferisch ins Visier nimmt.
Body/Spaces. Staatsgalerie Stuttgart. Bis 19. Juni täglich außer Montag von 10 bis 17 Uhr geöffnet, Donnerstag bis 20 Uhr.