Der Prozess um die mutmaßlich entführte Berlinerin ging heute im Offenburger Landgericht in die nächste Runde. Elf Zeugen waren geladen, darunter auch die Mutter der Klägerin. Sie gab wieder, wie ihre Tochter den Vorfall im Februar erlebt hatte.
Es sind schaurige Szenen, die am Montag in der rund siebenstündigen Verhandlung im Offenburger Landgericht geschildert wurden. „Sie wurde in der Nacht mit Kabelbindern gefesselt und in ein Auto gesteckt“, gab die Mutter der jungen Berlinerin das wieder, was ihre Tochter ihr nach der mutmaßlichen Entführung erzählt hatte. Während der Fahrt von Berlin in die Ortenau habe die 18-Jährige den Angeklagten sexuell befriedigen müssen. Um nicht auf Raststätten halten zu müssen, tankte er seinen Wagen am Waldrand mit Diesel aus vorbereiteten Kanistern. In Steinach angekommen, sei sie bis zu zehn Mal vergewaltigt worden, so die Mutter.
Aufnahmen von Überwachungskameras, die am Verhandlungstag vor rund drei Wochen gezeigt wurden, erzählen eine andere Geschichte. Darauf zu sehen: der Angeklagte und das mutmaßliche Opfer Hand in Hand in Einkaufsläden. „Aus Angst hat sie die Freundin gespielt“, begründete die 48-Jährige und fügte an: „Selbst wenn sie geflohen wäre, hätte sie nicht gewusst, wohin.“ Über die Zeit in Steinach habe sie mit ihrer Tochter nur wenige Male gesprochen. Die 18-Jährige befinde sich derzeit in Traumata-Ambulanz, um das Ganze zu verarbeiten, erklärte sie.
Angeklagter schüttelt den Kopf bei Aussage der Mutter
Während die Mutter die Erzählungen wiedergab, schüttelte der junge Angeklagte immer wieder mit dem Kopf. Laut seiner Geschichte sei die Entführung lediglich eine Ausrede gewesen, da die junge Berlinerin von zuhause abgehauen sei. Sie habe große Angst gehabt, „dass alle sie hassen werden“, weil sie einfach verschwunden sei, so der 23-Jährige vor rund drei Wochen. Untermauert wurde diese Aussage am Montag von einer Freundin, die sowohl den Angeklagten als auch die Berliner persönlich kennt. „Sie ist sehr unsicher und gibt viel Wert darauf, was andere von ihr denken“, erklärte sie in Bezug auf die 18-Jährige. Vom Beschuldigten malte sie dagegen das Bild eines guten Freundes, der immer für sie dagewesen sei. Aber auch das eines Frauenschwarms. Diese Meinung hatten auch alle anderen Zeugen, die den 23-Jährigen privat kennen. Er sei ein „Trophäensammler“, erklärte ein enger Freund des Beschuldigten in Bezug auf dessen Liebesleben. Demnach sei er nie an einer längerfristigen Beziehung interessiert gewesen. Geändert habe sich das jedoch offenbar, als er das mutmaßliche Opfer Mitte 2023 im Mallorca-Urlaub kennengelernt hatte. „Er hat Gefühle für sie entwickelt und redete sogar von Liebe“, erinnerte sich der Freund weiter. Sein Umfeld habe ihm dabei von einer Beziehung abgeraten. Gründe habe es dafür viele gegeben. „Abgesehen von der Distanz war sie sich selbst nicht sicher, was sie möchte“, erklärte er. Demnach habe die junge Berlinerin vorgehabt, wieder mit ihrem Ex-Freund zusammenzukommen. Hervorgegangen sei das aus Briefen, die der Angeklagte von ihr erhalten hatte. „Sie hat ihm immer wieder unterschiedliche Signale geschickt. Mal war sie an ihm interessiert, mal nicht. Das hat ihn traurig gemacht“, hieß es im Gerichtssaal weiter.
Angeklagter hat Diesel für Heimfahrt in Kanister gefüllt
Dennoch entschied sich der 23-Jährige dazu, nach Berlin zu fahren. Um davon nicht abgehalten zu werden, tischte er seinen Freunden und Arbeitskollegen falsche Geschichten auf. „Er sagte, er müsse zu einer Fortbildung“, berichtete ein 32-jähriger Landwirt, bei dem der Beschuldigte damals einige Gelegenheitsarbeiten auf dem Hof übernahm. Als Dank dafür durfte er ab und zu sein Auto mit der Tankkarte des Zeugen volltanken. So auch am Tag vor der Abreise nach Berlin zur vermeidlichen „Fortbildung“. „Bei der Monatsabrechnung habe ich jedoch gesehen, dass etwas nicht passt. Er hat mehr getankt als nur eine Autofüllung“, so der Landwirt. Es stellte sich heraus, dass der Angeklagte zusätzlich zwei Kanister mit Diesel für die Rückfahrt gefüllt hatte. Im Zusammenhang mit der vorigen Aussage der Mutter ein Indiz zugunsten der Berlinerin.
23-Jähriger wollte zuvor Entführungsfilm schauen
In der Hauptstadt angekommen, besuchte der Angeklagte eine Bekannte, um bei ihr zu übernachten. Auch ihr gab er vor, auf dem Weg zu einer Fortbildung zu sein, wie sie am Montag vor Gericht aussagte. Besonders kurios: Laut ihr pochte der 23-Jährige an jenem Tag darauf, gemeinsam „365 Tage“ zu schauen – ein Film, indem ein Mann eine Frau entführt und ihr ein Jahr Zeit gibt, sich in ihn zu verlieben. Zwar habe ihr das nach seiner Verhaftung ein schauriges Gefühl gegeben. Von der Unschuld des jungen Angeklagten sei sie dennoch überzeugt.
Info – So geht’s weiter
Fortgesetzt wird der Prozess erst am 17. Oktober. Die geplanten Verhandlungstermine reichen bis in den November. Irgendwann wird auch das mutmaßliche Opfer aussagen. Allerdings hatte die Nebenklage einen Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit beantragt, dem wohl stattgegeben wird.