Ohne Clytus Gottwald (Bild) hätte Ligeti sein berühmtes „Lux aeterna“ nicht komponiert. Foto: Landesstiftung Baden-Württemberg

Zum 100. Geburtstag des Chor-Avantgardisten legt Frieder Bernius mit seinen Sängerinnen und Sängern eine Aufnahme von Transkriptionen Gottwalds vor.

Clytus Gottwald, der am 20. November 100 Jahre alt geworden wäre, war ein Weichensteller der Musikgeschichte. Nicht weil er Revolutionen des musikalischen Materials auslöste. Sondern weil er sie ermöglichte. Prägende Werke der avantgardistischen Vokalmusik wären nie geschrieben worden, hätte ihnen Gottwald nicht das nötige „Instrument“ geschaffen: einen Chor. Aber von besonderer Art.

 

Mit seiner 1960 in Stuttgart gegründeten Schola Cantorum, einem 16-stimmigen Profi-Ensemble, emanzipierte er den Chorklang aus den Waberzonen hundertfachen Vibratos. Chorwerke von Boulez, Kagel, Lachenmann, Cage und anderen brachte er zur Uraufführung. Am berühmtesten wurde Ligetis „Lux aeterna“, das nach seiner Stuttgarter Premiere von 1966 im Soundtrack von Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ zu Hollywood-Ehren gelangte.

Kein Gotthilf Fischer der Avantgarde

Aber ein Gotthilf Fischer der Avantgarde war Gottwald nie. Geschult an der Philosophie Theodor W. Adornos, kompromisslos und reflektiert mag er die 1980er-Jahre als Zäsur empfunden haben. Einerseits hatten die Dimensionen, die er der Chorkomposition öffnete, einen neuen Standard etabliert. Andererseits galt ihm die Wiederkehr eines neotonalen oder am Pop orientierten Chorwesens als reaktionär, ästhetisch wie politisch. Das eine vom anderen nicht zu trennen, hatte er von Adorno gelernt. 1990 löste sich die Schola cantorum auf.

Gottwald wurde wieder zum musikgeschichtlichen Weichensteller, nun aber in einer Art nachholenden Revolution. Bis zu seinem Tod 2023 im Alter von 97 Jahren schrieb er über 120 Chor-Transkriptionen von Klavier- und Orchesterliedern, aber auch von Instrumentalem wie dem Adagietto aus Mahlers fünfter Sinfonie. Angefangen mit Ravels „Soupir“ wollen diese Transkriptionen – das Präfix „trans“ (darüber hinaus) wörtlich nehmend – über historische Begrenztheit hinausgehen: etwa den Mangel an leistungsfähigen Chören und folglich an avancierten Chorwerken in der dynamischen Epoche des Fin de Siècle. Wäre Gottwald 100 Jahre früher geboren, hätte die musikalische Revolution im Chor gesungen.

Kammerchor-Dirigent Frieder Bernius ist ein intimer Kenner von Gottwalds Transkriptionen und Intentionen. Foto: Gudrun Bublitz

Die Transkriptionen älterer romantischer Klavierlieder, die auf einer Gottwald zum 100. Geburtstag gewidmeten CD mit Frieder Bernius und seinem Stuttgarter Kammerchor versammelt sind, befreien rückwirkend den Chor aus dem Bann des Sakralen oder des Geselligen zu tatsächlicher gesellschaftlicher Brisanz. So wird in der Transkription des „Wegweisers“aus Schuberts „Winterreise“ hörbar, was das Original ahnen lässt: Im Schicksal des einsamen romantischen Subjekts spiegelt sich die kollektive Erfahrung von Entfremdung, Vereinzelung, Unbehaustheit und Perspektivlosigkeit. Die als Portato notierten Tonrepetitionen des Klavierparts lässt Bernius in der Chorversion denn auch als Klangbild des Auf-der-Stelle-Tretens artikulieren.

Technisch löst Gottwald den Widerspruch zwischen Einzelstimme und chorischer Mehrstimmigkeit durch polyphone Imitation; am sinnfälligsten in Schuberts „Doppelgänger“, wo mit einem Spiegelkanon das Erschrecken über das eigene Ich als fremde Erscheinung strukturell notiert wird.

In die polyfone Gleichberechtigung der Stimmen werden pianistische Eigenheiten des Klaviersatzes ein- und umgearbeitet, die sich nicht auf einen Chor übertragen lassen, etwa die Tremoli in Schuberts „Nacht und Träume“. Begleitung wird zum Kontrapunkt. Auf dem erlesenen Kammerchor-Niveau klingt das wie ein transparentes Geflecht expressiver Nuancen, von Bernius perfekt balanciert zwischen geschmeidiger Bewegung und dramatischer Dynamik.

Der Strom geht ins Streaming

Großer Wermutstropfen: Mit dieser Veröffentlichung beendet der Stuttgarter Carus-Verlag seine CD-Produktion. „Die Nachfrage hat sich in den Streaming-Bereich verlagert“, sagt Reiner Leister, Label-Manager des renommierten Musikverlags. Einspielungen zu Notenpublikationen soll es auch künftig geben, aber nur noch online.

Nacht und Träume. Lieder von Franz Schubert, Clara Schumann, Edvard Grieg, Peter Cornelius und Johannes Brahms in Transkriptionen von Clytus Gottwald. Kammerchor Stuttgart, Frieder Bernius. Carus 83.541

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