Albtraum in pink? Mitnichten – für viele junge Frauen ist die Farbe Ausdruck einer neuen feministischen Bewegung. Foto: IMAGO/Everett Collection/IMAGO

Die pinkfarbene Plastikpuppe Barbie gilt plötzlich als Ikone der Gleichberechtigung. Die „Hyperfemininity“-Bewegung setzt auf pinke Kleidung, lange Fingernägel und wehrt sich dagegen, dass ihr Style als unvereinbar mit Intelligenz und Charakter gesehen wird. Ein Fortschritt, findet unsere Autorin Nina Ayerle.

Frauen mit pinken Kleidern, viel Make-up, manikürten Nägeln und bunten Accessoires finden sich seit kurzem häufig auf Bildern unter dem Hashtag #hyperfemininity auf den sozialen Netzwerken Instagram und Tiktok. Vor allem junge Feministinnen zelebrieren dort einen optischen Style, der unter Frauenrechtlerinnen jahrzehntelang verpönt war: viel Pink und sehr feminin. Der sehr mädchenhafte Look wird als „Barbiecore“ bezeichnet.

 

Seit dem Erscheinen des Films „Barbie“ der Regisseurin Greta Gerwig in der vergangenen Woche ist aus dieser kleinen Bewegung der letzten Jahre ein Hype geworden. Plötzlich gilt die Plastikpuppe mit den unnatürlichen Kurven als feministische Ikone, deren Stil viele Mädchen und junge Frauen nachahmenswert finden. „Hyperfemininity ist kein Trend, sondern eine Bewegung“, schreibt das amerikanische Lifestyle-Magazin Nylonmag auf Instagram dazu.

Man mag den ganzen Hype um den Film und die Vermarktung des neuen feministischen Lifestyles lächerlich, gar durch und durch kapitalistisch finden. Aber dennoch gibt es inzwischen viele junge Frauen, für die ein femininer Modestil und der Kampf für Gleichberechtigung keine Gegensätze mehr sind. Lange galt dieses Bild von Weiblichkeit als ewig gestrig, als ein Stil von Frauen, die sich Männern anbiedern wollten und eher als dümmlich abgewertet wurden.

Kurzer Rock gleich dümmlich? Lange war dies das Credo im Feminismus

In einigen feministischen Kreisen ist dies allerdings heute noch so. Die italienische Feministin Dacia Maraini sagte im Jahr 2023 in einem Interview der „Emma“ zu Alice Schwarzer: „Wenn eine Frau, die einen Minirock trägt, etwas Ernsthaftes sagen will, so glaubt man ihr nicht. Ihre bloßen Schenkel sprechen eine stärkere Sprache als ihr beredter Mund.“ Worauf Schwarzer antwortete: „Es fällt mir auf, dass nicht nur junge Frauen sich so entblößen, sondern dass zunehmend auch Frauen in unserem Alter und in bedeutenden Positionen, Politikerinnen oder Schriftstellerinnen, den Rocksaum hochrutschen lassen.“

Der Glaube, dass Frauen, die sich feminin stylen, nicht intelligent sein oder nicht entsprechend wahrgenommen werden können, ist also noch weit verbreitet. Auch unter Frauen. Auch unter feministischen Ikonen wie Schwarzer und Maraini, Schwarzers italienischem Pendant.

Für manche Frauenrechtlerinnen vorheriger Generationen mag diese pinke, bunte Bewegung dem Ausverkauf des Feminismus gleichkommen. Das ist sie aber mitnichten. Denn zu Recht lehnen heute viele junge Frauen diese veralteten Glaubenssätze ab und halten sie für zutiefst misogyn.

Denn nicht ist unfeministischer als zu glauben, der Charakter und die Intelligenz einer Frau lassen sich an ihrem Kleidungsstil erkennen. Lange haben viele Frauen geglaubt, wahre Gleichberechtigung entsteht durch die totale Gleichmachung mit Männern. So haben sich vor allem Frauen, die in höhere Führungsebenen strebten in gedeckte Kostüme verhüllt, um unter schwarzen und blauen Männeranzügen bloß nicht zu arg aufzufallen.

Feminismus ist kein Schönheitswettbewerb

Dabei ist Feminismus per se der Kampf gegen die Diskriminierung von Frauen, Ziel ist die Gleichstellung in politischen und wirtschaftlichen Bereichen sowie dieselben persönlichen und sozialen Rechte, die Männer seit jeher innehaben. Es ist zwar kein Schönheitswettbewerb, aber Frauen dürfen durchaus schön aussehen, wenn sie für ihre Rechte kämpfen. Oder wie die Unternehmerin und Influencerin Tijenen Onaran kürzlich auf Instagram schrieb: „Ein Lippenstift lässt nicht das Hirn schrumpfen.“

Lange wurde im Zuge der Emanzipation ausgeprägte Weiblichkeit und feminines Verhalten als Schwäche definiert. Nicht verwunderlich also, dass alles stereotyp Weibliche von Feministinnen lange Zeit abgelehnt, ja sogar abgewertet wurde. Dies diente der Abgrenzung vom gesellschaftlich erwünschten Verhalten und Aussehen von Frauen in einer patriarchalen Welt. Vor einigen Jahrzehnten mag dies legitim gewesen sein.

Aber ist das noch notwendig? Bereits im Jahr 2000 spielte der Film „Natürlich Blond“ – zwar etwas simpel – mit diesem feministischen Klischeedenken, in der die überaus blonde und stets in pink gekleidete Hauptfigur erfolgreich in einer Anwaltskanzlei arbeitet.

Blond gefärbte Haare, pinke Fingernägel – wir sind so frei heute

Vor allem junge Frauen der Generation Z greifen das Thema seit dem Barbie-Film auf. Ihr Credo: Alle Frauen sind gleich, egal wie sie aussehen oder wie sie sich kleiden. Im Prinzip entspricht dies den Werten des intersektionellen Feminismus. Dieser ist eine Strömung, die sich aus dem schwarzen Feminismus entwickelt hat und besagt, dass es neben Sexismus andere Diskriminierungsformen wie Rassismus, Klassismus und Ableismus, die Benachteiligung von Behinderten, gibt, die ebenso abgebaut werden müssen. Das Ziel ist eine gerechtere Gesellschaft für alle Menschen.

Der Gedanke der neuen Bewegung ist nun diesen betont weiblich auftretenden Frauentyp, oft als „Tussi“ beschimpft, von der bisherigen Diskriminierung zu befreien. Die Barbiepuppe kam 1959 auf den Markt, lange also vor der ersten feministischen Welle. Zwar war sie im Laufe ihres Puppenlebens Präsidentin, Ärztin, Model und Ingenieurin, blieb aber lange doch rein optisch das Klischee der vermeintlich gängigen Männerfantasie schlechthin.

Längst gibt es die Barbie zwar auch in „curvy“, mit Hijab oder Afro. Die Puppe hat sich dem Zeitgeist angepasst – beziehungsweise die Firma Mattel. Ob dies nun Feminismus ist oder eine reine marktwirtschaftliche Kalkulation, spielt für viele Fans keine große Rolle. Barbie bleibt eine Ikone.

Übrigens gab es innerhalb der Frauenbewegung immer wieder verschiedene Strömungen. So löste vor allem die Serie „Sex and the City“ in den 1990ern eine Phase aus, in der sich Frauen super sexy und äußerst modebewusst inszenierten, sich dabei unabhängig und frei fühlten als Frau.

Nicht alles, was nach Feminismus aussieht, ist Feminismus

Der Unterschied zu der hyperfemininen Bewegung heute ist allerdings: Der Anspruch der Frauen damals war nie wirklich, feministisch zu sein, sondern irrtümlich glaubten sie, es sei doch schon alles gut. Übersehen haben sie dabei, dass es diese Freiheit lediglich für eine kleine Gruppe wohlhabender und gebildeter Frauen gab. Im Gegensatz dazu wollen die Hyperfemininity-Vertreterinnen sich nicht von anderen Schichten abgrenzen, sondern diese einschließen.

Allerdings ist die Rückkehr zum Hyperfemininen nicht allein ein bloßer, harmloser Modetrend der Generation Z, die größtenteils ihre Werte und Interessen als Frau sehr viel selbstbewusster vertritt als vorangegangene Generationen. Zu jeder positiven Bewegung gibt es leider stets einen Negativtrend. So sollte man diese Bewegung keinesfalls mit anderen Trends in sozialen Medien verwechseln. So ist derzeit vor allem im Dating-Coachingbereich die Weiblichkeit ein lukratives Geschäftsmodell geworden. Für hunderte Euro sollen Frauen in Kursen und Coachings lernen „wieder in ihre natürliche weibliche Energie zu kommen“.

Nicht alles, was feminin daher kommt, ist Empowerment von Frauen

Dabei geht es aber keineswegs um weibliches Empowerment, es geht schlicht darum, Frauen wieder in die klassische Rolle zurückzudrängen. Sie sollen demnach heute wieder sanft, emotional und empfangend sein, während der Mann die klassische männliche Rolle ausfüllen soll: als aktiver Macher, der in der Beziehung und im Leben die Führung übernimmt. Es gibt also durchaus Bestrebungen, die vermeintlich natürlichen Geschlechterklischees wiederherzustellen, um alten Macht-Hierarchien beizubehalten.

Allzu naiv sollte man also nicht jedem Weiblichkeitstrend im Netz folgen. Dennoch wehren sich heute viele junge Frauen zurecht gegen die Stigmatisierung des „Tussi“-Looks. Ein Feminismus, der Frauen verbietet sich die Nägel zu lackieren oder die Haare zu färben, bietet nicht die Freiheit und Inklusion, die sich viele Frauen heute wünschen. Weiblichkeit ist Vielfalt, Emanzipation ist ein innerer Zustand, kein äußerer. Die Zeiten, in denen Frauen bieder und mit angemessener Rocklänge daherkommen müssen, um ernst genommen zu werden, sollten definitiv vorbeisein.