Eine neue Ausstellung in der Stadtbibliothek in Schwenningen beleuchtet das Schicksal von russischen Einwanderern und deren schwierige Geschichte. Die Ausstellung möchte so gegen Vorurteile gegenüber dieser Einwanderungsgruppe ankämpfen – und musste für die Gelegenheit, dies in der Stadtbibliothek zu tun, lange warten.
Groß war das Interesse bei der Eröffnung der Wanderausstellung „Deutsche aus Russland. Geschichte und Gegenwart“, in der Stadtbibliothek in Schwenningen.
Ziel der Ausstellung sei es, so ging es aus einer vorangehenden Pressemitteilung der Stadtbibliothek hervor, Vorurteile abzubauen und die Akzeptanz für die Einwanderungsgruppe in Deutschland zu verbessern. Die Zahl der Russlanddeutschen in Villingen-Schwenningen betrage zwischen acht und zehn Prozent der Gesamteinwohner der Doppelstadt, sagte David Gerell von der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland für den Bereich Schwarzwald-Baar-Heuberg bei der Eröffnung der Ausstellung.
Am Rande der Ausstellungseröffnung erinnerte er daran, dass man vor ein paar Jahren mit dieser Infoveranstaltung bereits schon in die Stadt kommen wollte, doch habe es damals seitens der Stadtverwaltung eine Absage gegeben, diese Wanderausstellung zu zeigen. Umso mehr freute man sich jetzt, dass es nun geklappt habe, um auf die Situation der Russlanddeutschen hinzuweisen.
Menschen haben noch mit Vorurteilen zu kämpfen
Zur Eröffnung am Freitagnachmittag war Eugen Eichelberg gekommen, einer der Projektleiter der Wanderausstellung, die es bereits seit 30 Jahren gibt und nun in der fünften Auflage unterwegs sei.
In der Bundesrepublik leben derzeit über 4,5 Millionen Deutsche aus Russland, erfuhr man in der Stadtbibliothek. Auch, dass diese Menschen noch mit Vorurteilen zu kämpfen haben, obwohl sie teilweise schon seit Anfang der 1990er-Jahre hier leben. „In Russland sind wir die Deutschen und in Deutschland die Russen“, hieß es da in einem kleinen Filmbeitrag.
Ausstellung zeigt Schicksal der Auswanderer
Die Wanderausstellung spannt den Bogen von damals bis in die Gegenwart und informiert über die deutschen Spätaussiedler aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und ihre Geschichte. Sie zeigt das Schicksal der deutschen Auswanderer nach Russland, ihr Leben in Russland und die Rückkehr der Nachfahren nach Deutschland auf den großen Info-Tafeln.
Die Geschichte der Russlanddeutschen begann vor über 260 Jahren, als die Zarin Katharina die Zweite in einem Einladungsmanifest aufrief, dass mehr Siedler nach Russland kommen sollten. Ab 1764 entstanden so zahlreiche deutsche Siedlungen an der Wolga, im Schwarzmeergebiet und in Wolhynien. Um den Erfolg ihres Aufrufes zu garantieren, räumte sie den Aussiedlern großzügige Privilegien ein, wie unentgeltliche Zuweisung unbebauten Landes, Erlaubnis zum Kauf weiterer Grundstücke, Steuerfreiheit bis zu 30 Jahre, Gewerbefreiheit, Befreiung vom Militärdienst, freie Religionsausübung und beispielsweise die völlige Freiheit zum Verlassen des Landes.
Schwieriger Aufbau einer Existenz
Doch der Aufbau einer Existenz war für die Siedler in den ersten Jahren sehr schwer, wie die Ausstellung verdeutlicht. Das raue Klima und der andere Boden brachten Missernten und Überfälle von Nomadenstämmen forderten Opfer. Die Blüte des Deutschtums in Russland fand jedoch mit Zar Alexander dem Zweiten ein jähes Ende. Er war nach dem verlorenen Krimkrieg gezwungen weitgehende innenpolitische Reformen einzuführen, die das Leben und die Rechtsstellung der Deutschen in Russland tiefgreifend veränderten.
Die bei der Ansiedlung „auf ewige Zeiten“ gewährten Privilegien wurden aufgehoben und die Deutschen allen anderen Bürgern des Russischen Reiches gleichgestellt.
Veränderungen erfolgten unter Michail Gorbatschow
Bei der Ausstellung werden auch die Oktoberrevolution und deren Folgen für die Deutschen in Russland beleuchtet, ebenso deren Deportation in der Sowjetunion in die Zwangsarbeiterlager in den 1940er-Jahren.
Ab 1955 gab es immer wieder Initiativen der Russlanddeutschen, die russische Führung zur Wiederherstellung einer Autonomen Republik für die Deutschen in Russland zu bewegen. Erst die Veränderungen unter Michail Gorbatschow brachten ab 1987 eine Lockerung der Ausreisebestimmungen und führten zu einem erheblichen zahlenmäßigen Anstieg bewilligter Ausreisen. Ab 1990 nahm die Bundesregierung intensiven Kontakt zur Führung der damaligen Sowjetunion auf.
Nach der Auflösung der Sowjetunion 1991 wurden diese mit den Nachfolgestaaten weitergeführt. Damit wurde die Grundlage für die 1991 beginnende Rückwanderungswelle geschaffen.
Die Ausstellung kann bis zum 21. September in der Stadtbibliothek am Muslenplatz zu den geltenden Öffnungszeiten besucht werden. Der Eintritt ist frei. Alle interessierten Bürger sowie Schulklassen und Gruppen seien willkommen, sich hier über die Geschichte und Gegenwart der Deutschen aus Russland zu informieren, gibt man seitens der Stadtbibliothek an.