Astrid Lindgren, der wohl bekanntesten aller Kinderbuchautoren, hat Manfred Mai seine dritte Biografie im Verlag „Hase und Igel“ gewidmet – und verrät auch weniger Bekanntes.
Nein, „Pippi Langstrumpf“, „Die Kinder von Bullerbü“, „Karlsson vom Dach“ und „Die Brüder Löwenherz“ hat Manfred Mai als Kind nicht gelesen. Der Winterlinger Autor, der als Verfasser von Fußball- und Minutengeschichten, Erzählungen und Geschichtsbüchern für Kinder, Sachbüchern und Kurzbiografien selbst zu den fleißigsten und bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautoren Europas zählt, ist 1949 geboren – das Jahr, in dem „Pippi Langstrumpf“ auf Deutsch erschien.
„Ich habe sie erst relativ spät entdeckt“, berichtet er. Doch schon als junger Autor hatte er den Mut, die weltberühmte Schwedin anzuschreiben, um sie um einen Beitrag zu einer Anthologie mit Geschichten zum Thema „Geschenke“ zu bitten. Astrid Lindgren habe damals abgelehnt, erinnert sich Manfred Mai. Aber immerhin habe sie sich die Zeit genommen, in einem persönlichen Brief an ihn ihre Ablehnung zu begründen: „Sie könne sich nicht an solchen Bänden beteiligen, weil sie ihre ganze Zeit für ihre Bücher brauche“, berichtet Mai, der nun eine Biografie über seine große Kollegin geschrieben hat.
Die Drei haben vieles gemeinsam
„Astrid Lindgren – Ein Leben voller Geschichten“ ist nach den Lebensporträts „Muhammad Ali – Das Leben eines Kämpfers“, erschienen 2022, und „Jane Goodall – Ein Leben für die Schimpansen“ von 2023 seine dritte Biografie im Verlag „Hase und Igel“, und Mai hat entdeckt, dass die drei so unterschiedlichen Persönlichkeiten doch viel gemeinsam hätten. Durchkämpfen mussten sie sich: der schwarze Boxer in einem rassistischen Land und aus armen Verhältnissen bis zum Weltmeister im Schwergewicht, die britische Verhaltensforscherin, die keine akademische Ausbildung hatte und aufgrund ihrer Fähigkeiten und einer Ausnahmegenehmigung trotzdem 1966 promoviert wurde, sowie die junge Journalistin, die früh von einem verheirateten Mann schwanger wurde und ihren Sohn Lasse deshalb in eine Pflegefamilie geben musste.
„Nach ihrer Bullerbü-Zeit“ – so nennt Manfred Mai Astrid Lindgrens glückliche Kindheit auf einem Hof bei Vimmerby – „hat sie ein brutal schweres Leben gehabt“, sagt ihr Biograf und zieht verbal den Hut vor seiner Kollegin. Er selbst sei „eine Zeit lang hin- und hergerissen“ gewesen, ob die Geschichten Astrid Lindgrens für die Kinder heute noch zeitgemäß seien: die heile Bullerbü-Welt, die freche Pippi Langstrumpf mit ihren Super-Kräften, die einfach alles macht, was ihr gefällt, und Emil von Lönneberga, der in Deutschland „Michel“ heißt und immer Männchen schnitzen muss, wenn er nach seinen Streichen im Schuppen eingesperrt ist.
Warum eine kleine heile Welt so wichtig ist
Doch Mai ist längst fest davon überzeugt, dass es genau diese Welt ist, die junge Leser brauchen: „Literatur soll ihnen zeigen, wie das Leben sein könnte“, betont er. „Sie soll Kindern einen Schonraum bieten, Utopien erzählen und ihnen davon berichten, dass Kindheit früher ganz anders war.“ Was er damit auch meint: als Kinder sich miteinander und nicht mit Smartphones oder Computerspielen beschäftigt haben.
„Die Kinder in den Geschichten von Astrid Lindgren haben gemeinsam etwas erlebt, mussten sich miteinander auseinandersetzen und sich gegenseitig helfen“ – das ist die Welt, die Manfred Mai allen Kindern wünscht.
Auch deshalb ist er längst ein großer Fan von Astrid Lindgren, die er mit einem sehr liebe- und respektvollen Blick porträtiert hat. Ihre Lebensgeschichte ist eine, die selbst Manfred Mai nicht spannender hätte erfinden können.
Mai, Manfred: „Astrid Lindgren – Ein Leben voller Geschichten“, München 2025, ISBN 978-3-86316-540-6