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Neubulach Stadt sagt Lärm den Kampf an

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Hier könnte in naher oder auch ferner Zukunft nur noch Tempo 30 erlaubt sein. Foto: Fritsch

Neubulach - Was lange währt, wird endlich gut, will man sagen. Doch der Weg zu weniger Verkehrslärm in Neubulach ist noch weit. Immerhin: Der erste Meilenstein namens "Lärmaktionsplan" ist geschafft. Die möglichen Maßnahmen im Überblick.

Lärm war schon im vergangenen Jahr ein Thema im Neubulacher Gemeinderat. Damals beauftragte man die Erarbeitung eines Lärmaktionsplans.

Jetzt ist es vollbracht und wird öffentlich ausgelegt – wegen der Corona-Pandemie auch im Netz auf der Homepage der Stadt. Das imposante Werk umfasst 35 Seiten und stellt unter anderem diverse Maßnahmen vor, um den Verkehrslärm in Neubulach zu mindern. Doch zunächst zu den bloßen Fakten: Eine Erhebung der Geräusschkulisse entlang der Durchgangsstraße in Neubulach und Oberhaugstett förderte fast schon Erschreckendes zu Tage. Zehn Gebäude in Neubulach und 16 in Oberhaugstett überschreiten den kritischen Wert von 70 Dezibel am Tag. Nachts, wo die Grenze bei 60 Dezibel liegt, sind es acht beziehungsweise elf.

Noch dramatischer werden die Ergebnisse, wenn man sich den nächsten Wertekorridor zu Gemüte führt. Sage und schreibe 105 Gebäude sind gesundheitskritischem Lärm von 65 Dezibel (Tag) und 55 Dezibel (Nacht) ausgesetzt. Diese Teilen sich auf die Stadtteile Neubulach (49), Oberhaugstett (39) und Martinsmoos (17) auf.

Das Problem an den ganzen erhobenen Zahlen: Wirklich rechtlich bindend ist das (noch) nicht. "Das ist juristisches Neuland. Aber es gibt auch Urteile, die einen freiwilligen Lärmaktionsplan als bindend ansehen", hat Bürgermeisterin Petra Schupp Hoffnung. Eine solche Wirkung ist nämlich wichtig, da das Hauptproblem die Landesstraße 348 ist, die quer durch Neubulach verläuft. Träger der Straßenbaulast ist hier nämlich das Land – die Stadt kann nicht einfach nach Gutdünken Tempobegrenzungen durchsetzen, ist da auf Kooperation angewiesen.

Durchgangsstraße

Nichtsdestotrotz hat das beauftragte Fachbüro aus Backnang einige Maßnahmen erarbeitet. Die erste substanzielle Maßnahme befasst sich mit der Julius-Heus-Straße und der Calwer Straße – also die Durchgangsroute durch Neubulach. Dort soll künftig Tempo 30 statt wie bisher Tempo 50 gelten. Zudem soll langfristig, also beim nächsten Belagwechsel, ein lärmärmeres Material aufgebracht werden. Wenn gleichzeitig die Schachtdeckel angegpasst werden, kommt man auf eine Lärmreduzierung von bis zu fünf Dezibel. Vorausgesetzt, die Verkehrsteilnehmer halten sich an die 30 Stundenkilometer (km/h) Höchstgeschwindigkeit. Aus diesem Grund sollen auch noch stationäre Blitzer errichtet werden, um Temposünder per Blitzlicht zur Räson zu bringen.

Die Hochrechnungen der Lärmexperten aus Backnang sind eindeutig. Im aktuellen Zustand sind nachts 128 Personen kritischem Lärm ausgesetzt – mit Tempo 30 und lärmarmen Belag reduziert sich die Zahl auf "nur" noch 21.

Auffällig ist, dass die Maßnahme lediglich die Lärmspitzen kappt, dadurch also mehr Anwohner in einen niedrigeren Dezibelbereich verschiebt. Deshalb sieht es zunächst so aus, als würde die Temporeduzierung nicht viel bewirken – dieser Eindruck hängt aber mit den gewählten Messintervallen zusammen.

Bringt eine Maßnahme beispielsweise drei Dezibel Lärmminderung und es bräuchte für die nächstruhigere Kategorie aber fünf Dezibel weniger, bleiben diese Messwerte in derselben Kategorie wie zuvor. Gleichzeitig kommt aber eine gewisse Anzahl Betroffener aus einer höheren Kategorie wegen der faktischen Lärmminderung herunter und lässt es so aussehen, als ob die Lärmbelastung in diesem Intervall zunimmt. Tatsächlich aber handelt es sich dabei nur um eine Verschiebung von Betroffenen aus einer höheren in eine niedrigere Kategorie.

Kreisverkehr

Eine zweite Maßnahme, die durchaus mit einem gewissen Aufwand verbunden ist, ist die angedachte Errichtung eines Kreisverkehrs am südlichen Ortsausgang Neubulachs Richtung Oberhaugstett. "Lärmminderung durch Verflüssigung des Verkehrs", heißt es in der Begründung der Maßnahme, solle erreicht werden. Ein Kreisverkehr ist aber wohl nur mittelfristig zu realisieren. Negative Auswirkungen, von den sicher immensen Kosten abgesehen, seien nicht zu befürchten.

Weiter will man sich dann mit den Maßnahmen in Richtung Oberhaugstett vorarbeiten. Die Strecke zwischen den beiden Orten wird von sportlichen Fahrer mitunter mit den auf Landstraßen üblichen 100 km/h passiert. Das führt wiederum zu zu hohen Geschwindigkeiten an den Ortseingängen. Deshalb soll das Tempo auf dem Teilstück auf 70 Stundenkilometer gedrosselt werden. Auch ein Tempotrichter, also von 70 auf 50 und dann innerorts 30 km/h wäre laut Lärmaktionsplan denkbar.

30er-Zone geplant

In Oberhaugstett selbst soll ebenfalls auf eine Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h eingebremst werden. Und das nicht nur wegen des Lärms, sondern auch wegen den beiden Bushaltestellen, die im Ortsteil nahe beieinander liegen.

Wer nun aufschreit und enormen Zeitverlust befürchtet, dem geben die Experten von Soundplan aus Backnang eine bemerkenswerte Zahl an die Hand: 31. So viele Sekunden verliert man, wenn die Geschwindigkeit auf einer Länge von 650 Metern von 50 auf 30 km/h reduziert wird. Der positive Effekt überstrahlt den marginalen Zeitverlust: "Bei Tempo 50 sind 46 Einwohner von Pegeln über 70 Dezibel am Tag betroffen. Nach Einführung von Tempo 30 auf der L 348 gibt es nur noch drei Betroffene in diesem Pegelbereich", erklären die Macher zum erwarteten Effekt der Maßnahme.

Einen ebenso deutlichen Effekt hätte die Maßnahme im Ortsteil Martinsmoos. Hier sorgt ein schadhafter Straßenbelag für reichlich Lärm. Mit der Aufbringung eines neuen Belags, der zusätzlich auch noch Lärm mindert, könnten die Belastungen im gesundheitskritischen Bereich praktisch eliminiert werden – vor allem nachts.

"Ruhigere Gebiete"

Doch damit nicht genug: Um die ganzen Maßnahmen im Straßennetz zu unterstützen, will die Stadt auch zwei "ruhige Gebiete" deklarieren. Zum einen das Nahherholungsgebiet "Auf den Mähdern", das schon jetzt von vielen Bürgern zum Radeln, Joggen oder Spazierengehen genutzt wird, zum anderen den Kurpark in Neubulach. Der ist nämlich neben dem Seerosenteich auch mit einer Kneippanlage und dem nahegelegenen Minigolf ausgestattet. Viele Sitz- und Rückzugsmöglichkeiten kommen dazu.

Das Gebiet "Auf den Mähdern" wird wohl in den kommenden Jahren von der Stadt weiterentwickelt werden. Beide Gebiete will man zur Stärkung auch hoch offiziell im Flächennutzungsplan eintragen lassen.

Das ganze Bündel an Maßnahmen sei aber nicht mit der "Friss oder Stirb"-Methode zu bewerten, erklärt Schupp: "Die verschiedenen Maßnahmen müssen nicht alle genommen werden. Man kann da auch kombinieren oder nur Teile realisieren."

Umfahrung

Eine Maßnahme fehlt aber noch im Gesamtkontext. Die Umfahrung um Neubulach. Doch hier wird es wirr. Ursprüngliche Planungen des Landkreises von 2015 hatten im Straßenentwicklungsplan eine mögliche Route von Oberhaugstett über die Felder bis zur L 348 am Neubulacher Ortsausgang (Höhe Tankstelle) in Betracht gezogen. Das Problem: Eine solche Straßenführung würde eine Schneiße aus Teer quer durch das Naherholungsgebiet "Auf den Mähdern" ziehen – äußerst kontraproduktiv zu den aktuellen Überlegungen.

Neubulachs Bürgermeisterin sagt deshalb wenig überraschend: "Diese ursprünglichen Planungen sind längst verworfen." Schupp liefert auch gleich den Grund dafür nach: "Die Stadt hatte damals mehrere Varianten untersuchen lassen, aber alle führten den Verkehr auf die Neubulacher Steige, die aufgrund der Topografie nicht entsprechend ausgebaut werden kann."

Überhaupt sind die Planungen fünf Jahre alt. Nichtsdestotrotz teilt Anja Reinhardt, Pressesprecherin des Landratsamtes, auf Anfrage mit: "Der aufgestellte Straßenentwicklungsplan für den Landkreis Calw ist bis heute von Bedeutung." Auch die Notwendigkeit einer West-Ost-Achse, die die beiden großen Bundesstraßen B 294 und B 296 miteinander verbinden soll, sei nach wie vor vorhanden.

Doch das zu realisieren würde ziemlich viel Geld kosten. Zumal man je nach Variante das Nagoldtal mittels Hochbrücke überwinden müsste. Ein Jahrhundertprojekt. Wohl auch deshalb teilt Reinhardt mit: "Die Vorplanung einer West-Ost-Achse ist derzeit nicht geplant." Weiter heißt es dann: "Durch eine auf einer Machbarkeitsuntersuchung basierenden Vorplanung mit Variantenuntersuchung würde die Trasse einer solchen West-Ost-Achse konkretisiert werden." Kurzum: Man ist nach wie vor von der Notwendigkeit der Achse überzeugt, plant aber aktuell noch nichts Genaues. Auch eine detailgenaue Streckenführung müsste erst noch ausgetüftelt werden.

Schupp hat indes Hoffnung, dass es eines Tages soweit ist: "Sinnvoll wäre es, wenn eine große Lösung gefunden werden könnte, die die beiden Bundesstraßen im Enz- und Nagoldtal verbindet und dabei sämtliche Ortsumfahrungen vermeidet." Das würde auch den Lärm in Neubulach spürbar reduzieren. Bis dahin hat man aber mit dem jetzt erarbeiteten Plan viele Möglichkeiten innerorts ausgelotet.

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