Die Martinsmooser Kirche wurde einst "stylwidrig verändert". Heute steht sie trotzdem noch und begeistert vor allem mit dem, was sich darin befindet.Fotos: Schabert Foto: Schwarzwälder Bote

Kirchengeschichte: Beschreibung beklagt 1860 "stylwidrige" Veränderung / Mit Zwerenberg 1489 von Ebhausen gelöst

Die Martinsmooser Kirche kommt im 19. Jahrhundert nicht unbedingt gut weg beim Oberamt Calw. Sie sei unschön verändert worden, heißt es. Dennoch finden sich heute im Inneren schöne Fenster und ein uraltes Kreuz.

Neubulach-Martinsmoos/Neuweiler-Zwerenberg. Die Kirche in Martinsmoos kommt in der Beschreibung des Oberamts Calw von 1860 nicht gut weg. Sie sei "stylwidrig verändert" und "namentlich gleicht die westliche Giebelseite einem Bauernhaus", heißt es dort wörtlich. Dabei steht sie doch für den Betrachter wirklich schön, leicht erhöht neben der Durchgangsstraße.

1955 erhielt Gotteshaus seine heutige Prägung

Im Jahr 1955 erhielt das unter dem Patronat des Heiligen Konrad stehende Gotteshaus seine heutige Prägung. Denn damals wurde das Kirchenschiff neu aufgebaut. Der Turm ist wohl in der spätromanischen Zeit entstanden und blieb im Wesentlichen unverändert. Im untersten Geschoss enthält er unter einem Tonnengewölbe den Chor.

Die Oberamtsbeschreibung hält fest: Der viereckige, massive, mit einem Satteldach gedeckte Turm ist sehr alt und trägt noch entschiedene Spuren des Übergangstyls; auf demselben hängen zwei ­Glocken, von denen die eine die vier Evangelistennamen in verkehrten, uralten Majuskeln (Anm. d. Red.: Großbuchstaben) als Umschrift trägt, die andere wurde von Heinrich Kurtz in Stuttgart 1856 gegossen."

In dem Buch "500 Jahre Kirchspiel – 150 Jahre Kirche Zwerenberg" zum Jubiläum 1989 schreibt der verstorbene Nagolder Heimatforscher Karl Kempf, dass die Glocke von 1856 im Herbst 1917 zu Kriegszwecken abgeliefert werden musste. Auch der Nachfolgerin erging es nicht besser: Sie fiel dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer. Besonders bedauerlich ist dies, weil sie Anfang der 1920er-Jahre nach Amerika ausgewanderte Martinsmooser gestiftet hatten. Ersetzt wurde sie 1950. Seit 1975 schwingen auf dem Martinsmooser Kirchturm drei Glocken. Die älteste ist dem 14. Jahrhundert zuzuordnen. Entziffert hat man die spiegelverkehrte Schrift inzwischen so: "HILE GOT VND MARIA IOHANES".

Farben fast ganz verloren gegangen

Im Innern der Kirche wird in älteren wie jüngeren Beschreibungen als bemerkenswertes Kunstwerk das um 1500 entstandene Kruzifix hervorgehoben. 1860 wird von einem "gut in Holz ausgeführten Christusbild" berichtet und 1989 wird es "als feine, naturalistisch, aber zugleich ausdrucksvoll-verhalten gestaltete Arbeit" beschrieben. Früher bunt, seien durch Ablaugen in den 1950er-Jahren die Farben fast vollständig verloren gegangen. Umso mehr lasse sich an dem Kunstwerk aus Lindenholz die gute Arbeit des Schnitzers erkennen. Besonders anzusprechen ist in diesen Tagen das Chorfenster: Es zeigt Ausschnitte aus der Passions- und Ostergeschichte und ist von dem renommierten Stuttgarter Kunstglaser Adolf Valentin Saile (1905 – 1994) gestaltet.

Die Landesbeschreibung von 1905 hält für Martinsmoos fest: "Kirchlich bis 1489 Zubehör der Pfarrei Ebhausen". Bezeichnet ist der Ort mit genau 300 Einwohnern – damals 36 weniger als 1860 – als "Filial von Zwerenberg". Das gesamte Kirchspiel Zwerenberg wurde 1489 selbstständig. Zu diesem gehörten bis Mitte des 16. Jahrhunderts außer den heute die Verbundkirchengemeinde bildenden Ortskirchen Aichhalden-Oberweiler, Gaugenwald, Hornberg, Martinsmoos und Zwerenberg noch mit Sonderrechten ausgestattet Neuweiler mit verschiedenen Dörfern, Enzklösterle sowie bis 1907 Aichelberg. Die heutigen fünf Gemeinden des Zwerenberger Pfarramts haben ihren Sitz in vier verschiedenen Kommunen: Altensteig, Neubulach, Neuweiler und Simmersfeld.

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