Der Worst Case ist eingetroffen: Die Brücke in der Villinger Bertholdstraße ist derart beschädigt, dass Experten zum Neubau raten. Schuld daran sind auch Fehler bei der Instandsetzung.
Die Stadt darf sich nicht nur auf ein jahrelanges Verkehrschaos, sondern zudem auf eine neue millionenschwere und nicht aufschiebbare Investition einstellen. Nach einer Untersuchung der Bertholdbrücke fällt das Fazit vernichtend aus. Das Bauwerk kann laut Experten langfristig nicht erhalten werden, weshalb ein Neubau notwendig wird.
Darüber informiert die Stadt in einer Vorlage für den Technischen Ausschuss und den Gemeinderat. Die insgesamt 54 Seiten dürften für die Stadträte überaus schwere Kost sein – insbesondere deshalb, weil sich das Brückenfiasko wohl hätte verhindern lassen. Davon gehen zumindest jene Ingenieure aus, die das Bauwerk untersucht haben. Das Freiburger Büro war beauftragt worden, nachdem im September Schäden an der Brücke entdeckt worden waren.
Eine eingehende Analyse zeigt nun: Es handelt sich nicht um vereinzelte oder oberflächliche Schäden, sondern vielmehr um „substanzielle Schädigungen tragender Bauteile der Brücke Bertholdstraße“. Damit ist klar: Das Bauwerk über die Bahngleise wird zu einem großen Problem – verkehrstechnisch wie auch finanziell.
Die Untersuchung hat gezeigt, dass es mehrere Schadstellen am südlichen Längsträger über weite Bereiche gibt. Zudem sind Betonabplatzungen mit freiliegender, teils stark korrodierter Bewehrung sowie ausgeprägte Längsrisse festgestellt worden. Bei einem Spannglied liegt der Verpressmörtel laut Bericht demnach bereits offen.
Jahrelang vernachlässigter Unterhalt
Wie konnte es zu diesen Schäden kommen? Die Experten machen klar, dass über Jahre hinweg Feuchtigkeit in das Bauwerk eindrang. So kam es zur Korrosion. Schuld daran ist demnach der „jahrelang vernachlässigte Unterhalt“, der wiederum zu Schäden im Entwässerungssystem der Brücke geführt habe. Darauf hat die Stadt mit Sofortmaßnahmen reagiert – aus heutiger Sicht jedoch offenbar nicht fachgerecht.
So wurden außenliegende Entwässerungsleitungen aufgrund von Schäden entfernt, nachdem sich 2018 Teile davon gelöst hatten und auf die darunterliegenden Gleisanlagen der Deutschen Bahn gefallen waren. In den Jahren 2019 und 2020 wurden zudem Entwässerungselemente abgedichtet und verschlossen, um einen Wassereintritt zu verhindern.
Maßnahmen haben zur Verschärfung beigetragen
Das diente zwar der „kurzfristigen Gefahrenabwehr“, wie es in der Vorlage heißt, sorgte aber für ein neues Problem. Denn die Maßnahmen machten eine spätere fachgerechte Instandsetzung des Entwässerungssystems „faktisch unmöglich“. Das habe schließlich zur Verschärfung der Schäden beigetragen und sorgt nun dafür, dass die Tragfähigkeit stark eingeschränkt ist. Zudem ist laut Untersuchung die Biegetragfähigkeit des geschädigten Längsträgers selbst bei reduzierter Verkehrsbelastung nicht mehr ausreichend nachweisbar.
Hinzu kommt laut Bericht ein konstruktiver Nachteil. Die Brücke ist sehr schlank ausgeführt, was nach heutigem Maßstab zu geringer Steifigkeit führt. Schon unabhängig von den Schäden wäre die Konstruktion heute kritisch zu bewerten. All das macht deutlich: Die Stadt wird nicht umhinkommen, die Brücke an einer der Hauptzufahrtsstraßen in die Villinger Innenstadt neu zu bauen. Das Ingenieurbüro empfiehlt dies ausdrücklich.
Vorsichtige Schätzung: 25 Millionen Euro Kosten
Nach Angaben der Stadt steht bereits ein grober Zeitplan. Das Projekt soll zeitnah EU-weit ausgeschrieben werden, parallel werden die Planungen – die angesichts der Bahnstrecke sicherlich kompliziert werden dürften – vorangetrieben. Für diese veranschlagt die Stadt derzeit rund 2,5 Millionen Euro. Das ist jedoch nur ein Bruchteil der anfallenden Kosten. Erste vorsichtige Schätzungen gehen von 25 Millionen Euro Baukosten aus. Die Realisierung sollte laut Experten in den nächsten vier bis sechs Jahren erfolgen.
Für die Übergangszeit bis zum Abriss kann die Brücke weiter genutzt werden – sofern die bestehenden Beschränkungen strikt eingehalten werden. Neben der Tonnage ist nun auch die Geschwindigkeit auf 30 Stundenkilometer reduziert. Die Sperrung eines Fahrstreifens bleibt bestehen. Ein engmaschiges Monitoring soll den Zustand der Brücke genau im Blick behalten, um im Ernstfall schnell reagieren zu können.
Dem Technischen Ausschuss, der am 27. Januar zu dem Thema berät, wird angesichts der eindringlichen Empfehlung der Experten nichts anderes übrig bleiben, als den Neubau zu empfehlen. Eine Entscheidung soll dann am 4. Februar im Gemeinderat fallen. Angesichts der klammen Kassen bedeutet das auch finanzpolitisch eine Weichenstellung von erheblicher Tragweite.