Draußen auf der Hallig verblenden sich Munirs (Georges Khabbaz) Traumbilder mit der windzerzausten Nordsee-Landschaft. Foto: Immergutefilme/dpa

Jens Spahn fordert die Rückkehr syrischer Geflüchteter. Doch was, wenn die Heimat ein unüberwindbare Wunde ist? Der Film „Yunan“ zeigt das Leid eines Syrers, der am Heimweh zerbricht.

Es sei die „patriotische Pflicht“ syrischer Bürgerinnen und Bürger, ihr kriegszerstörtes Land wieder aufzubauen, meint Jens Spahn. Nach Ansicht des stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion sollen Geflüchtete aus Syrien und Afghanistan möglichst bald zurück nach Hause ziehen. Vor allem diejenigen, die „aber richtig viel Ärger machen, auch Akzeptanzverlust bedeuten, mit zur Polarisierung der Gesellschaft beitragen. Meistens junge Männer, die dann Deutschland verlassen müssen, auch mit Zwang“, wie Spahn in einem Interview der ARD sagte.

 

Munir (Georges Khabbaz), ein in Hamburg gestrandeter, syrischer Schriftsteller, würde gern zurück in seine Heimat gehen, erzählt Ameer Fakher Eldin im Heimweh-Drama „Yunan“. Munir mag eine fiktive Person sein, ihr Leiden an und in der Fremde, ohne Chance, die zurück gelassene Familie bald wieder zu sehen, ist für viele Geflüchtete allerdings harte Realität. Munir hat seine Asylbewilligung bekommen, in Syrien liegt seine an Demenz erkrankte Mutter im Sterben. Per Videotelefonie versucht Munir, den Kontakt zu ihr aufrecht zu erhalten, gibt sich als Doktor aus, den die Mutter wegen ihrer Zipperlein um Rat fragen kann. Ihren Sohn erkennt sie auf dem Handybildschirm schon nicht mehr wieder. Oft bekommt Munir keine Luft, japst und keucht, selbst, wenn er bloß sitzt. Mit seiner Lunge sei alles okay, sagt der Arzt, obwohl Munir Kette raucht. Die Atemnot sei wohl stressbedingt.

Von Ruhe und Geborgenheit keine Spur

Wie unwohl sich Munir in seiner kargen Wohnung fühlt, zeigt Ameer Fakher Eldin in einer Szene, in der Munir versucht, mit seiner deutschen Freundin zu schlafen. Im nächtlichen Zimmer ist es dunkel, durch das vorhanglose Fenster sieht man das triste Oberleitungsgewirr von Bahngleisen. Von Ruhe und Geborgenheit keine Spur; Munir kann nicht, und weiß nicht warum. Er solle einmal ausspannen, rät ihm der Arzt. Also zieht Munir los auf eine abgelegene Hallig, mit einer Pistole im Gepäck.

„Yunan“ ist der zweite Teil der von Ameer Fakher Eldin 2021 mit dem Film „Al Garib“ begonnenen „Homeland“-Trilogie; einer Reihe also, die sich mit dem Begriff der Heimat auseinandersetzt. In Krisenzeiten besitzt das in Deutschland seit der Nazidiktatur und darüber hinaus so populäre wie verpönte Filmgenre des Heimatfilms wieder politisches Potenzial. Wem gehört ein Land, wer darf darin wie leben? Wie fühlt es sich an, fremd zu sein und trotzdem ankommen zu wollen, wo man eigentlich nicht erwünscht ist? Diesen Fragen geht Ameer Fakher Eldin anhand seines lebensbedrohlich an Heimweh erkrankten Protagonisten Munir nach, der sich nach einer Fährenüberfahrt über die Nordsee im Hallig-Gasthof von Wirtin Valeska (Hanna Schygulla) einquartiert.

Ameer Fakher Eldin hat sich zu seiner Erzählung vom literarischen Abschiedsbrief des österreichisch-jüdischen Schriftstellers Stefan Zweig inspirieren lassen, der sich 1942 mit seiner Frau Lotte im Exil das Leben nahm, weil er die Entwurzelung und Erschöpfung nach langen Jahren des „heimatlosen Wanderns“ nicht mehr ertrug.

Ruppige Gastfreundschaft

Massive Erschöpfung steht auch Munir ins Gesicht geschrieben. In Valeskas ausgebuchtem Gasthof versucht er sich in einem heruntergekommenen Nebenzimmer vor der Welt zu verkriechen. Ameer Fakher Eldin arbeitet mehr mit Bildern als mit Worten; die Dialoge zwischen der pragmatisch knurrigen Wirtin Valeska und ihrem depressiven Gast klingen einsilbig und trocken, manchmal gerade deshalb fast komisch, manchmal nervenzerfetzend anstrengend, weil sich diese Leute so wenig zu sagen haben, und Munir darunter leidet wie ein Hund.

Auch abseits der unrenovierten Scheußlichkeit von Munirs Zimmer und Valeskas ruppiger Gastfreundschaft herrscht ein rauer Ton. Valeskas Sohn Karl (Tom Wlaschiha) beobachtet Munirs Einzug mit Argwohn und Eifersucht, die anderen Männer bleiben norddeutsch kühl auf Abstand. Immer wieder flüchtet sich Munir in einen Traum; in die märchenhaft anmutende Erzählung seiner Mutter, wie die als junges Mädchen einen alten Schafhirten traf – Munirs Vater.

Wenn draußen auf der Hallig die Tiere grasen, verblenden sich Munirs Traumbilder mit der windzerzausten Landschaft. Fakher Eldins Ansichten eines krankhaft Einsamen sind intensiv traurig, oft poetisch und übervoll von visuellen Anspielungen. Manchmal stellt der Filmemacher die Geduld seines Publikums aber hart auf die Probe, wenn man durch Munirs Augen gefühlte Ewigkeiten lang bloß in die weite, menschenleere Ödnis starrt. Einsamkeit ist tödlich, lernt man hier, nur Mitgefühl kann Leben retten.

Ameer Fakher Eldins Film „Yunan“

Film
Yunan. Deutschland, Kanada, Italien, Jordanien, Palästina, Katar, Saudi-Arabien 2025. Regie: Ameer Fakher Eldin. Mit Georges Khabbaz, Hanna Schygulla. 124 Minuten. Ab 12 Jahren. Ameer Fakher Eldin, Sohn syrischer Flüchtlinge, wurde 1991 in Kiew geboren. Sein Langfilmdebüt „Al Garib“ feierte 2021 bei den Filmfestspielen in Venedig Premiere. „Yunan“ lief 2025 im Hauptwettbewerb der Berlinale.

Hintergrund Im Dezember 2024 lebten 975.000 syrische Staatsbürger in Deutschland, davon 712.000 Schutzsuchende. Einen Tag nach dem Sturz des Assad-Regimes setzte das BAMF alle laufenden Asylanträge syrischer Bürger aus. Amnesty International Österreich beschrieb im August 2025 die unsichere Lage in Syrien für Abgeschobene, die nach ihrer Ankunft im Heimatland verschwanden. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte untersagte damals eine von der österreichischen Regierung geplante Abschiebung.