Glinda (Ariana Grande, l.) und Elphaba (Cynthia Erivo) im Clinch Foto: IMAGO/Landmar Media

Das Filmmusical „Wicked“ war die große Kino-Überraschung vor einem Jahr. Nun startet die Fortsetzung „Wicked 2“? Kommt die Geschichte zu einem guten Ende?

Ebenso wie dem Western wurde auch dem Kinomusical schon oft die Sterbeurkunde ausgestellt. Aber wirklich totzukriegen war dieses Genre, das mit seinem verschwenderischen Inszenierungen rund um die Mitte des vorigen Jahrhunderts – „Mary Poppins“, „My fair Lady“, „West Side Story“ – seine Hochzeit hatte, eigentlich nie.

 

Das Musical läuft seit 2003 am Broadway

Im letzten Jahr starteten gleich zwei aufsehenerregende Musical-Produktionen: Jacques Audiards „Emilia Perez“ mischte das Genre im wilden Independent-Format mit Elementen des Drogenthrillers, der Telenovela sowie einer Transgender-Story kraftvoll auf. Und von der anderen Seite des kommerziellen Universums landete nur wenige Wochen später Jon M. Chus „Wicked“ mit Macht in den Kinos. Basierend auf dem gleichnamigen Bühnenmusical, das seit 2003 ununterbrochen am Broadway läuft und als eines der erfolgreichstes seiner Art gilt, entfachte Chu eine spektakuläre Leinwandversion, die das oftmals verpönte Genre demonstrativ in die Arme schloss.

Pralle 160 Minuten dauerte allein der erste Teil, der weltweit fast 760 Millionen Dollar einspielte. Dabei profitierte „Wicked“ auch von dem Prequel-Effekt, der sonst eher Marvel- oder Star-Wars-Filmen zuteil wird. Denn die Story von Romanautor Gregory Maguire ist als Vorgeschichte zu „The Wizard of Oz“ aus dem Jahre 1939 angelegt, der in den USA seit Jahrzehnten zur kulturellen Ursuppe gehört – mit Judy Garland in der Hauptrolle.

Mit seinen farbenfrohen Fantasy-Settings dockte Chu direkt an dem Technicolor-Vorläufer an. „Wicked“ erzählt die Lebensgeschichte der sogenannten „Bösen Hexe des Westens”, die als giftgrüne Schurkin durch die Zauberwelt von Oz marodierte. Aber die begabte Magierin Elphaba, die Cynthia Eriva in „Wicked“ durch das grüne Make-up mit voller Präsenz verkörpert, ist hier nicht als Antagonistin geboren, sondern eine Zauberschülerin, die aufgrund ihrer Hautfarbe als Außenseiterin behandelt wird und ausgerechnet in ihrer Erzrivalin, dem pinkfarbenen It-Girl Glinda (Ariana Grande), nach anfänglichen Animositäten ihre beste Freundin findet.

Glinda arrangiert sich mit dem Zauberer

Ausführlich wird im ersten Teil nicht nur der Annäherung der beiden ungleichen Frauenfiguren vorangetrieben, sondern auch die Weltschöpfung des magischen Reichs von Oz, das von einem zwielichtigen Oberzauberer (Jeff Goldblum) mit zunehmend faschistoiden Methoden regiert wird. Am Ende des ersten Teils donnerte Elphaba schließlich zu dem Song „Frei und schwerelos“ mit einem satten Fortissimo auf dem Hexenbesen in den Himmel, um sich fortan mit ihren beträchtlichen magischen Kräften dem Zauberer von Oz entgegenzustellen. Glinda hingegen blieb zurück, um sich mit dem Herrscher zu arrangieren.

Hier legt sich der zweite Teil nahtlos an. Glinda wird als „Gute Hexe des Ostens“ zum rosafarbenen Poster-Girl des Regimes und bekommt sogar eine künstliche Seifenblase, in der sie über den Köpfen des Volkes heranschweben darf. Mit der allseitigen Bewunderung geht für sie ein Kindheitstraum in Erfüllung.

Der Herrscher von Oz ist mehr ein Scharlatan

Derweil läuft die PR-Maschinerie der bösen Magierin Madame Morrible (Michelle Yeoh) auf Hochtouren. Während die anstehende Hochzeit von Glinda und Fiyero (Jonathan Bailey) als Glitzerevent zur Erbauung des Volkes zelebriert werden soll, warnen allgegenwärtige Plakate und Flugblätter vor der „Bösen Hexe des Westens“. Denn auf diesem Gut-Böse-Schema beruht die ganze Macht des Herrschers von Oz, den Jeff Goldblum nicht als finsteren Schurken, sondern als linkisch durchtriebenen Scharlatan spielt.

In dem Durchbrechen dieser unheilvollen Polarisierung liegt das weithin sichtbare Hauptanliegen des Musicals, das seine zentrale Frauenfreundschaft in den fingierten Machtkampf zwischen Gut und Böse wirft. Denn auch wenn Elphaba und Glinda sich auf verschiedenen Seiten wiederfinden, haben sie ihre freundschaftlichen Gefühle füreinander nie aufgegeben. Während sich der erste Teil dem Aufbau dieser widersprüchlichen Freundschaft widmete, führt der zweite Teil die Beziehung der beiden Frauen in eine tiefe Krise und durch eine äußerst wendungsreiche, dramatische Handlung, die das epische Erzählformat in seiner ganzen Breite in Anspruch nimmt.

Cynthia Erivo wird zur Musical-Göttin

Regisseur Chu beweist hier abermals sein gutes Gespür für die Balance zwischen aufwendig choreografierten und ausgestatteten Tanz- und Gesangsszenen mit großem Komparsenaufkommen, pointierten Actionszenen im Fantasy-Format und intimen Sequenzen, in denen sich die Emotionen der Figuren in brillant intonierten Songs ihren Weg bahnen.

Dass in den opulenten, farbenprächtigen Inszenierungen die Entwicklung der Charaktere nicht verloren geht, ist vor allem das Verdienst der beiden hervorragenden Hauptdarstellerinnen, die schauspielerisch wie musikalisch eine ungeheure Präsenz an den Tag legen. Ariana Grande spielt kongenial mit den oberflächlichen Prinzessinnen-Klischees ihrer Figur, um in deren Widersprüche, Ängste und Sehnsüchte umso tiefer einzutauchen. Dabei arbeitet sich ihre Stimme nonchalant in ungeahnte Sopran-Höhen hinauf. Cynthia Erivo wiederum erweist sich erneut als kompetente Musical-Göttin mit enormen Gesangskapazitäten, einer ausdrucksstarken Mimik und einer geradezu ikonischen Coolness, mit der sie sich auf den Besen schwingt und in ihr eigentliches Habitat – den Himmel – aufsteigt.

Wicked 2. USA 2025. Regie: Jon M. Chu. Mit Cynthia Erivo, Ariana Grande, Jeff Goldblum, Michelle Yeoh, Jonathan Bailey. 138 Min. Ab 12