Grégory Gadebois als Jean Valjean in „Les Misérables“ Foto: dpa/Happy Entertainment

Als Musical ist Victor Hugos Roman „Les Misérables“ bekannt und beliebt. Aber braucht es jetzt auch noch eine Neuverfilmung fürs Kino?

Warum tut man sich so schwer, anderen etwas zu gönnen, die weniger haben als man selbst? Wer wenig hat, ist selber schuld und sollte sich schämen, von den Fleißigeren etwas zu fordern, denken viele. Als Jean Valjean (Grégory Gadebois) nach 19 Jahren Haft im Jahr 1815 aus dem Arbeitslager entlassen wird, will dem Mittellosen niemand etwas geben, weder einen Schlafplatz im Stall noch eine Suppe. „Mörder!“, rufen ihm die Blagen auf der Straße nach.

 

Viermal versucht er zu fliehen

Dabei hatte der verarmte Bauer bloß ein Fenster eingeschlagen, um Brot zu stehlen, wofür der Staat ihn zu 15 Jahren Zwangsarbeit in einem berüchtigten französischen Bagno, einer Strafanstalt verdonnerte. Vier Fluchtversuche unter Lebensgefahr bescherten ihm vier weitere Jahre. „Als Jean Valjean ins Gefängnis kam, war er ein guter Mensch. Doch er merkte, wie er böse wurde“, lautet ein erschütternder Satz in Éric Besnards Drama „Les Misérables“. Als „Les Misérables – Die Elenden“ ist es heute vor allem als Musical berühmt.

Der dem Stück zugrunde liegende Roman stammt aber aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom Schriftsteller Victor Hugo und beschreibt die sozialen Verhältnisse während der Regentschaft Napoleons bis zur Zeit des Bürgerkönigs Louis Philippe im Jahr 1832. Éric Besnard, der sich zuletzt in Filmen wie „À la Carte – Freiheit geht durch den Magen“ (2021) oder „Louise und die Schule der Freiheit“ (2024) mit sozialen Themen vor historischer, aber erstaunlich überzeitlicher Kulisse beschäftigt hat, vergrößert in seinem neuen Film einen Ausschnitt aus Victor Hugos Gesellschaftsepos zur eigenständigen Parabel über die Bedingungen von Armut, Wut und Mitmenschlichkeit.

Wird der Priester seine Großzügigkeit bereuen?

In dunklen, erdfarbenen Bildern beschreibt Besnard, wie der Ex-Häftling Valjean nur auf Hass und Vorurteile trifft, bis ihm der Priester Bienvenu (Bernard Campan) begegnet. Bienvenus Haushälterin (Alexandra Lamy) warnt den Priester und dessen kranke Schwester (Isabelle Carré) vor dem groben Mann, doch Bienvenu bietet Valjean ein Bett zur Übernachtung an.

In die Handlung eingeflochtene Rückblenden schildern die entsetzlichen Haftbedingungen im Arbeitslager, wo die in Ketten gelegten Männer aus Gesteinsbrocken Quader für ein monumentales Bauwerk schlagen müssen und vom sadistischen Direktor gequält werden. Aus der Erfahrung menschlicher Grausamkeit entwickelt Valjean unbändigen Hass, der sich nun gegen seine Gastgeber zu richten droht.

Der Film ist fantastisch fotografiert

Wer Hugos Roman kennt, weiß, wie sich Valjeans Geschichte entwickeln wird. Doch selbst, wer „Les Misérables“ in- und auswendig herunterbeten kann, entdeckt in Besnards fantastisch fotografierter, leidenschaftlich trauriger Filmversion etwas Neues: eine verblüffende Nähe zur Gegenwart, in der manche politische Parteien gerade deshalb an Unterstützung einbüßen, weil sie sich auch für Schwächere einsetzen. Nicht Härte und Misstrauen sind die besten Mittel gegen Armut und Wut, erzählt Besnard; mit Freundlichkeit ist man besser dran.

Les Misérables – Die Geschichte von Jean Valjean. Frankreich 2026. Regie: Éric Besnard. Mit Grégory Gadebois, Bernard Campan. 99 Minuten. Ab 12 Jahren.