Einer der Hassredner, die auch heute noch erfolgreich sind: Im umfassend recherchierten Täter-Biopic „Führer und Verführer“ zeigt Joachim A. Lang den Nazi-Propagandisten Joseph Goebbels als Mensch bei der Arbeit. Ein mutiges Projekt.
Einwanderer seien „Terroristen“ aus „Irrenhäusern“ in „Bananen-Republiken“, die mit ihren „Krankheiten“ „das Blut des Landes“ vergifteten, hetzt Donald Trump im September 2023 im Interview für die rechte Website „The National Pulse“. Die Hasstiraden klingen entsetzlich vertraut: Laut Trumps inzwischen verstorbener Exfrau Ivana soll der aktuelle Präsidentschaftskandidat eine Sammlung mit Hitler-Reden besessen haben. Ob er sie tatsächlich gelesen hat, lässt sich kaum klären. Dass er sich einer ähnlichen Rhetorik bedient, belegt das Interview allemal.
„Propaganda ist eine Kunst wie Malerei“, postuliert Joseph Goebbels (Robert Stadlober) in Joachim A. Langs Täter-Biografie „Führer und Verführer“ über die Komplizenschaft Adolf Hitlers mit seinem „Reichspropagandaleiter“. Wie formvollendet Goebbels diese Kunst beherrschte und damit Hitlers menschenverachtende Ideologie über Dekaden und Grenzen hinweg nicht nur Schurken wie dem Amerikaner Donald Trump in die Köpfe pflanzte, führt Lang auf Basis umfassender Recherchen und Lektüre von Goebbels Tagebüchern eindrucksvoll vor.
Erschütternde Original-Quellen
Der Film setzt 1938 ein, zur Feier des „Anschlusses“ von Österreich an Deutschland liefert Goebbels Filmbilder von Juden, die mit Zahnbürsten Wiener Gassen schrubben. Eine „Reibepartie“ sei das, höhnt ein Funktionär im Film, und Goebbels frohlockt im Slogan: „Wir schaffen Bilder, die bleiben werden!“.
Mit „Führer und Verführer“ versucht der Historiker und Germanist Joachim A. Lang, die Wirkung dieser Bilder aufzubrechen, indem er in Spielszenen Goebbels Inszenierungsstrategien entlang politischer Wegmarken von 1938 bis 1945 nachzeichnet. Die Filmhandlung unterfüttert er mit teils erschütternden Original-Quellen, dazwischen geben Überlebende wie Leon Weintraub, Eva Umlauf und Margot Friedländer einen Eindruck von den konkreten Folgen antisemitischer Hetze auf das einzelne Individuum. Diese direkte Gegenüberstellung der beiden Perspektiven ist wirkungsvoll und gelungen.
Dass ein Filmemacher darüber hinaus konsequent Täterdenken beleuchtet, ist eher selten. Filmische Holocaust-Aufarbeitungen nehmen meist die Sicht der Opfer ein oder die der wenigen Retter, wie etwa Steven Spielberg im erfolgreichen, allerdings nicht unumstrittenen Blockbuster „Schindlers Liste“. Vielleicht aus Furcht, den Mördern zu viel Raum zu geben, vielleicht auch, weil es einfacher ist, sich zumindest im Nachhinein mit den Opfern zu solidarisieren. Joachim A. Lang guckt dagegen den Tätern bei der Arbeit zu, um so deren Gewöhnlichkeit zu enttarnen und sie vom Podest der Außerordentlichkeit zu heben.
Von nazistischer Staatsräson durchtränktes Privatleben
Josef Stadlober nähert sich der Figur Goebbels unerschrocken und stattet sie mit künstlich überbreitem, rheinischem Singsang und rigorosem Führer-Treue-Ethos aus. Sich selbst präsentiert der gehbehinderte, von Zeitgenossen als „Schrumpfgermane“ belächelte Goebbels im Film gern als Lebemann von Welt, Lang porträtiert ihn dagegen als schamloses, neidisches Lästermaul. Heinrich Himmler und Hitlers Chefideologen Alfred Rosenberg nennt Goebbels „verbohrte Spießer“, den „Reichsminister“ Joachim von Ribbentropp eine „wahnsinnige Niete“, den Hitler-Vertrauten Martin Bormann schmäht er eifersüchtig „als richtigen Nazi“. Neben Goebbels’ Persönlichkeit, der verschobenen Selbstwahrnehmung und den konkreten Propagandamaßnahmen beleuchtet Lang auch dessen von nazistischer Staatsräson durchtränktes Privatleben mit der dauer-schwangeren Ehefrau Magda (Franziska Weisz) als Vorzeigepaar im Rampenlicht. Das Verhältnis mit der tschechischen Schauspielerin Lida Baarová (Katia Fellin) stört das Heile-Welt-Konstrukt, bis Hitler (Fritz Karl) streng dazwischen funkt. Den peinlichen, vom „Führer“ moderierten Rosenkrieg malt Lang detailreich aus und schrumpft so die von Historikern wie Guido Knopp zu Ausnahme-Monstern aufgepumpten Nazi-Größen zu fast lächerlich kleinbürgerlichen Schranzen mit Appetit auf Weltherrschaft.
Ihre Verbrechen schmälert das nicht. Lang zeigt nachvollziehbar, wie durchschnittliche Zeitgenossen Mord und Zerstörung erfolgreich als politisches Mittel zur Problemlösung verkauften. Und wie die Masse der Zivilbevölkerung bereitwillig deren medial verbreitete Lügen schluckte, um nach ihnen den eigenen Lebensstil auszurichten und nicht selbst als Opfer zu enden. Warum Menschen aber viel eher zu asozialem Denken neigen als zur Mitmenschlichkeit, kann auch Joachim A. Langs Täter-Porträt nicht erklären. So steht man am Ende ratlos vor diesen Kleingeistern und Hassrednern und sieht bloß, dass solche wie sie auch heute noch erfolgreich sind.
Führer und Verführer. Deutschland 2024. Regie: Joachim A. Lang. Mit Robert Stadlober, Franziska Weisz, Fritz Karl. 135 Minuten. Ab 12 Jahren.