Helene Würsich (Mala Emde) hadert mit ihrer Mutterrolle in einer Zeit, in der das Leben einer Frau dominiert vom Politischen ist. Foto: epd

In Barbara Alberts Romanverfilmung „Die Mittagsfrau“ kämpft eine junge Frau ums Überleben und um ihre eigene Identität.

Wie kann eine Mutter ihr Kind zurücklassen? Genau wie der gleichnamige Roman von Julia Franck, der 2007 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden ist, geht die österreichische Filmemacherin Barbara Albert in ihrer Adaption dieser ungeheuerlichen Frage auf den Grund.

Helene (Mala Emde) und ihre Schwester Martha (Liliane Amuat) kommen aus der Provinz. Der Vater der beiden ist im Ersten Weltkrieg gefallen. Die Mutter (Eli Wasserscheid) verliert sich in ihrer Trauer und drangsaliert ihre Töchter. Als sie alt genug sind, fliehen sie nach Berlin. Sie kommen bei ihrer Tante Fanny (Fabienne Elaine Hollwege) unter und sind damit mittendrin in der vor Energie sprudelnden Großstadt. Fanny gibt in ihrem Apartment schillernde Partys. Drogen, Sex, Jazz – die Goldenen Zwanzigerjahre sind ein einziger Rausch.

Das Glück scheint perfekt

Während sich Martha zusehends im Partyrausch verliert, behält Helene ihre Ziele im Blick: Sie möchte Medizin studieren und Ärztin werden. Das Glück scheint perfekt, als sie mit Karl (Thomas Prenn) auch noch ihre große Liebe findet. Karl ist ein Student, mit dem sie die Nächte hindurch philosophiert, der sie in intellektuelle Kreise einführt und mit dem sie ihre ersten sexuellen Erfahrungen macht.

Doch draußen brodelt es. Die Nazis stehen kurz vor der Machtergreifung, und das Schlimmste passiert: Karl stirbt bei einer Demonstration vor dem Reichstag.

Wer eine Geschichtsstunde erwartet, liegt falsch. Der Nationalsozialismus, der Schrecken, der Holocaust werden anhand der Personen erzählt. Die Geschichte spiegelt sich in den Leben und Handlungen der Protagonisten wider. Der Film zeigt, wie sehr Identität auch von äußeren Umständen geprägt ist.

Klaustrophobische Bilder einer Ehe

Helenes und Marthas Mutter sowie deren Tante Fanny sind Jüdinnen. Fanny flieht, als der Krieg ausbricht, nach Brasilien. Martha taucht unter. Helene schafft es eine ganze Zeit lang, unerkannt in einem Krankenhaus als Krankenschwester zu arbeiten.

Dann tritt Wilhelm (großartig: Max von der Groeben) in ihr Leben. Ein uniformierter, stattlicher junger Mann, der sich unsterblich in sie verliebt. Als er erfährt, dass sie Jüdin ist, bietet er ihr eine gefälschte Identität an. Eine Heirat mit Wilhelm erscheint wie ein Deal, der ihr das Überleben sichern kann.

Barbara Albert schafft klaustrophobische Bilder, wenn sie von der Ehe erzählt. Helene will arbeiten, bekommt die Erlaubnis ihres Mannes aber nicht. Sie beginnt, wie eine Gefangene durch die Wohnung zu streunen, Besteck zu polieren, die Böden zu schrubben. Die einst unabhängige Frau steckt in einem traditionellen Rollenbild fest.

Wilhelm, der den Widerwillen seiner Frau spürt, wird zunehmend kalt und letztlich gewalttätig. Als Helene schwanger wird und einen Sohn bekommt, beginnt sie einmal mehr, an ihrer Rolle und ihrem verlorenen Leben zu verzweifeln.

Empathie für die Figur

Mala Emde ist in der Rolle der Helene eine Wucht. In ihrer Mimik zeigen sich alle Nuancen der Jahrzehnte überspannenden Lebensgeschichte: die Lebensenergie, das Hadern mit der eigenen Identität, die Versuche, den eigenen Sohn zu lieben, und auch ihre Kraft, die sie trotz aller Umstände immer wieder an den Tag legt.

Mit Empathie habe sie versucht nachzuvollziehen, weshalb ihre Figur ihren Sohn am Ende zurückgelassen hat, sagt Mala Emde im Interview. „Ich habe die Tat als eine Art Überlebensakt gesehen“, sagt sie. „Für sich, aber vor allen Dingen auch für das Kind. Sie selbst ist unter einer kaltherzigen Mutter, einer Mutter mit einem blinden Herzen, wie es im Buch und im Film heißt, aufgewachsen. Sie hat darunter gelitten und möchte nicht, dass sich das für ihren Sohn wiederholt. Ein Mensch braucht Liebe, um zu überleben. Und sie weiß, dass sie ihrem Sohn nicht die Liebe geben kann, die er braucht.“

Weibliche Perspektive des zwanzigsten Jahrhunderts

Barbara Albert ist ein beeindruckendes Frauenporträt gelungen. Im Film wie im Buch geht es um weibliche Selbstermächtigung und die Frage, was autoritäre Regimes mit der Psyche von Frauen und mit deren Körpern machen.

„Das beginnt bei vermeintlich Banalem: Was passiert, wenn man keine Waschmaschine hat? Wie verhüte ich? Bis zu Politischem: Was passiert, wenn durch ein großes System die Rechte einer Frau eingeschränkt werden?“, so Emde.

Mit Helene geschehen Dinge, die ohne die äußeren Umstände nicht denkbar gewesen wären. Eine ungewollte Schwangerschaft, Einsamkeit, sexuelle Gewalt. „Beim ersten Telefonat mit Barbara Albert wurde mir schnell klar, dass dieser Film die weibliche Perspektive des zwanzigsten Jahrhunderts aufzeigt, die ich vorher noch nicht gesehen habe. Die weibliche Perspektive ist oft ein Spiegel für gesellschaftliche Veränderungen – wann wird das Private politisch? Barbara Albert hat einen epischen Film gemacht, der ganz ohne Zeittafeln auskommt. Das hat mich interessiert“, sagt Emde.

Natürlich kommt der Film nicht an die Komplexität der Romanvorlage heran, an seiner Aktualität hat der Stoff aber nichts eingebüßt. Erschreckenderweise im Gegenteil.

Die Mittagsfrau: Deutschland 2023. Regie: Barbara Albert. Mit Mala Emde, Thomas Prenn, Max von der Groeben, Liliane Amuat. 137 Minuten. Ab 16 Jahren. Kinostart: 28. September.

Frauen hinter dem Film

Barbara Albert
Die Regisseurin und Drehbuchautorin ist 1970 in Wien geboren. Nach ersten international erfolgreichen Kurzfilmen feierte ihr erster Langspielfilm „Nordrand“ 1999 im Wettbewerb der Filmfestspiele Venedig seine Uraufführung. Es folgten die Filme „Böse Zellen“, „Fallen“, „Die Lebenden“ und „Licht“. Als Produzentin war sie unter anderem für die Filme „Die fetten Jahre sind vorbei“ und „Toni Erdmann“ verantwortlich.

Mala Emde
Die Schauspielerin ist 1996 geboren. Sie absolvierte ihr Studium an der renommierten Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Große Beachtung fand sie durch ihre Hauptrolle im Film „Und morgen die ganze Welt“ von Julia von Heinz. Neben ihrem Engagement am Theater Basel spielt sie die titelgebende Figur in der mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichneten Serie „Oh Hell“.