Der Rapper MC Manar floh übers Meer, bevor er mit Bands wie den "Wüstenblumen" auftrat. Foto: Andreas Weise-factum

Die Bruderhaus-Diakonie begleitet seit fünf Jahren junge Geflüchtete. Viele kamen ohne Eltern. Ein Rückblick auf die Zeit von 2015 bis heute.

Freudenstadt/Loßburg - Nach den Sommerferien 2015 ging es Schlag auf Schlag. Die Flüchtlingszahlen stiegen europaweit. Mit der Bitte um Hilfe bei der Unterbringung und Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Ausländern (UMA) wandten sich die Jugendämter unter anderen auch an die Bruderhaus-Diakonie.

Constance Hosp, Bereichsleiterin in der Reutlinger Oberlin-Jugendhilfe der Bruderhaus-Diakonie, sowie die Jugendhilfe-Teams in Loßburg, Freudenstadt und in weiteren Einrichtungen der Stiftung begannen mit der Arbeit, heißt in einer Pressemitteilung der Bruderhaus-Diakonie. Darin geht es um die Zeit vor fünf Jahren – und darum, wie es weiter ging.

Über Nacht mussten neue Dienstpläne erstellt und neue Mitarbeiter eingestellt, musste eine Infrastruktur für Wohnen, Schule und Ausbildung geschaffen werden, so Hosp. Mit vereinten Kräften sorgten die Mitarbeiter dafür, dass Jugendliche, die furchtbare Fluchterfahrungen hinter sich hatten, eine neue Heimat in den Wohngruppen der Bruderhaus-Diakonie fanden.

Von November 2015 bis heute wurden in Reutlingen, Nürtingen, Freudenstadt und Deggingen rund zehn Wohngruppen mit mehr als hundert unbegleiteten Geflüchteten aus mehr als zehn Ländern eingerichtet.

Schulen, Sportvereine, Therapeuten und Pädagogen kooperieren

"Dinge, die für uns selbstverständlich waren, wurden von diesen Menschen als kostbar erlebt: Bildung, Versorgung mit ausreichendem Essen", blickt Nele Müssigmann zurück. Sie leitet den stationären Bereich des Jugendhilfeverbunds Kinderheim Rodt.

Nur ein gut ausgebautes Netzwerk des Fachdienstes Jugend, Bildung, Migration der Bruderhaus-Diakonie sowie Kooperationen mit Schulen, Volkshochschulen, Sportvereinen, Therapeuten und Pädagogen ermöglichten ein erfolgreiches Ankommen der jungen Menschen.

"Es ist bemerkenswert, wie wenig sich Ziele, Träume und Wünsche junger Geflüchteter von denen junger Menschen, die hier aufgewachsen sind, unterscheiden – und doch könnten die Ausgangsbedingungen unterschiedlicher nicht sein", sagt Ulrike Haas, Leitung Geschäftsfeld Jugendhilfe der Bruderhaus-Diakonie. Neben Alphabetisierungs-, Deutsch- und Berufsvorbereitungskursen wurden zahlreiche Freizeitprojekte ins Leben gerufen, darunter in Loßburg ein Theaterspaziergang, in dem junge Geflüchtete von ihren Erlebnissen in der neuen Heimat berichteten.

Junge Leute werden zu Optikern, Bauzeichnern, Pflegern und Köchen

"Unsere Jugendlichen lernten Bäcker, wurden Optiker, Bauzeichner, Altenpfleger, Herrenschneider, Köche, Elektriker und vieles andere mehr", zieht Constance Hosp ein Fazit. Viele sind in ihrem Beruf zufrieden – wie Shafiulla aus Afghanistan, der nach verschiedenen Praktika in einer Autowerkstatt und in einer Zimmerei schließlich eine Ausbildung zum Kinderpfleger machte und heute in Freudenstadt arbeitet.

Das Zusammenleben in den Wohngruppen, wo verschiedene Welten aufeinanderprallen, ebenso verschiedene Wertvorstellungen sowie unterschiedliche kulturelle und religiöse Identitäten sind bis heute eine Herausforderung. Hinzu kommen die Fluchtgeschichten der Jugendlichen, schwierige Asylverfahren, Sorgen um die zurückgebliebenen Familien, das Heimweh, Verständigungsschwierigkeiten und die Anforderungen an eine schnelle Integration.

Tobias Staib, fachlicher Vorstand der Bruderhaus-Diakonie, würdigt die Teamleistung aller Beteiligten: "Die jungen Menschen wurden willkommen geheißen und mit viel Engagement und von ganzem Herzen unterstützt und aufgenommen."

Im Rückblick auf die vielfältigen Erfahrungen an verschiedenen Standorten der Jugendhilfe fälle vor allem eines auf: Zu einer gelingenden Integration gehört neben Toleranz, Akzeptanz und Offenheit auch der Mut zu kreativen und unkonventionellen Lösungen, so die Bruderhaus-Diakonie.

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