Ein wenig ungewöhnlich war das schon – ziemlich zum Ende der jüngsten Sitzung des Nagolder Gemeinderats geriet diese irgendwie zu einer Verkaufs-Show für den Breitband-Ausbau in einigen Nagolder Ortsteilen: tausend Megabit für 69,90 Euro im Monat – so das Zielszenario, konnte man hören.
Nagold - Und keinen der anwesenden Gemeinderäte schien das bunte Anpreisen von künftigen Glasfaser-Anschlüssen für private Haushalte und Gewerbebauten irgendwie zu irritieren – ganz im Gegenteil: Einstimmig am Ende (der Show) der Entscheid, der NetCom BW den Eigenausbau der FTTB-Breitbandversorgung in den Ortsteilen Gündringen, Schietingen, Vollmaringen, Mindersbach, Pfrondorf und Emmingen zu übertragen. Und dazu nur Lob und Zustimmung von den Räten, beispielsweise von Daniel Steinrode (SPD-Fraktionssprecher): "Eine echt tolle Sache", "eine Chance für Nagold", "jetzt sind wir hier in Nagold auf der Überholspur". Und an die NetCom BW gewandt: "Ich freue mich darauf, dass Sie anfangen" - von seiner Seite geb’s jede Unterstützung, die gebraucht werde.
Fast schon extreme Euphorie
Hintergrund dieser ungewöhnlich einmütigen und auch schon etwas extremen Euphorie: Um den "Vorrang des privatwirtschaftlichen Ausbaus zu gewährleisten und Wettbewerbsverzerrungen auf ein Minimum zu beschränken", so der Wortlaut der zugehörigen Sitzungsvorlage, hatte der Landkreis Calw ein sogenanntes Markterkundungsverfahren für das Gebiet des Landkreises Calw ausgeschrieben. Bekanntlich treibt der Kreis Calw in weiten Teilen seiner Fläche den Breitbandausbau aus eigener Kraft voran – um nicht auf privatwirtschaftliche Initiativen warten zu müssen, denn die ließen den Kreis bisher eher links liegen. Auch deshalb wird der kreiseigene Breitbandausbau mittlerweile vom Bund und Land großzügig gefördert, trotzdem bleiben erst einmal erhebliche Kosten auch beim Kreis und den beteiligten Kommunen "hängen".
NetCom BW investiert auf eigene Kosten
Zum offensichtlichen Erstaunen der Initiatoren des genannten Markterkundungsverfahrens gab es dann aber doch eine sogenannte "Verbindlichkeitserklärung der im Rahmen des Bundesförderprogrammes Breitband im Markterkundungsverfahren gemeldeten Ausbauplanung für den eigenwirtschaftlichen Ausbau der Breitbandinfrastruktur in den Teilorten Gündringen, Schietingen, Vollmaringen, Mindersbach, Pfrondorf und Emmingen der Großen Kreisstadt Nagold" - was meint: Die NetCom BW GmbH, eine Tochter des Energieversorgers EnBW, zeigte sich überraschenderweise für Landkreis und die Stadt Nagold dazu bereit, komplett auf eigene Kosten – und innerhalb der nächsten drei Jahre! - in eben diesen Nagolder Ortsteilen in Glasfaser-Anschlüsse "bis an die Hauswand" zu investieren. Gesparter Invest allein für die Stadt Nagold – wenn sie das gleiche mit der Breitband-Initiative des Landkreises hätte realisieren müssen: eine Million Euro.
"Ein Quantensprung" für Nagolder Ortsteile
Was vielleicht die Euphorie und den Enthusiasmus des Nagolder Gemeinderats und der Verwaltungsspitze erklärt. Die auch die anwesenden Vertreter der NetCom BW selbst reichlich ins Erstaunen versetzen konnten: "Wir haben mit unseren Angeboten nicht immer nur Wertschätzung geerntet", meinte etwa ein von soviel Nettigkeit etwas überforderter Jochen Schmid, der – da musste er den Nagolder OB, der ihn kurzerhand zum Geschäftsführer der NetCom BW ›befördert‹ hatte, etwas korrigieren – "nur Prokurist" und Bereichsleiter Geschäftsentwicklung sei. Aber dann war das Selbstbewusstsein auch sofort wieder da: "Für die Nagolder Ortsteile ist das ein Quantensprung", was seine NetCom BW (auf eigenes Risiko, wie gesagt) realisieren werde. Nur vergleichbar mit dem Stromnetzausbau in der Region vor 100 Jahren. Und zukunftssicher für mindestens die nächsten 50 Jahre.
Vertrieb geht diesen Monat schon los
Und los gehen soll das alles bereits in diesem Monat – zumindest mit dem Vertrieb der künftigen Glasfaser-Anschlüsse in den genannten Ortsteilen. Wofür die Gemeinderatssitzung irgendwie schon mal der Auftakt war. Was man wissen muss: Zum Start werden Hausanschlüsse bis 15 Meter Länge (Länge des Glasfaser-Kabels von der Straße bis zur Hauswand) kostenlos ausgeführt, jeden weiteren Meter muss der Hauseigentümer mit 85 Euro je Meter mitfinanzieren. Wer erst später im Rahmen einer "Nachverdichtung" sein Haus ans Glasfasernetz anschließen lässt, muss dann mit Anschlusskosten von 2000 Euro je Gebäude rechnen. Laut Schmid rechnet die NetCom BW dabei mit einer eigenen Investitionssumme für den Glasfaserausbau in den Nagolder Ortsteilen von rund zehn Millionen Euro.
Ausbau in zwei "Clustern"
Wobei der eigentliche Ausbau in zwei "Clustern" erfolgen solle. Im ersten Schritt würden – bereits ab dem laufenden Quartal – die Ausbaumaßnahmen in Mindersbach, Gündringen und Vollmaringen beginnen. Der zweite Cluster mit Emmingen, Pfrondorf und Schietingen sei dann für das kommende Jahr terminiert. Insgesamt sollen dabei bis zu 1700 Gebäude mit rund 2400 Haushalten eigene Glasfaser-Anschlüsse erhalten – wobei die NetCom in den Ortsteilen bereits heute rund tausend Bestandskunden betreut, die bisher mit Kupferleitungen im Breitband-Bereich versorgt wurden. Diese Technik habe ausgedient und solle nun komplett durch eben Glasfaser-Anschlüsse ersetzt werden.
NetCom BW gilt als verlässlicher Partner
Wen man noch erwähnen muss – und der auch in der Nagolder Gemeinderatssitzung dafür ein wenig gefeiert wurde – ist Bernd Land von der Calwer Kreisverwaltung. Er ist Initiator des auf einmal für Nagold so erfolgreichen Markterkundungsverfahrens. "Eine Riesenchance für Nagold", so Land, "ohne Eigenmittel einen Glasfaserausbau" zu realisieren. Die NetCom BW gelte für den Landkreis zudem "als verlässlicher Partner", der die notwendige Kraft besitze, die notwendigen Investitionen auch wirklich zu leisten. Was man auch wissen müsse: Bisher wäre der Glasfaser-Ausbau in den jetzt betroffenen Nagolder Ortsteilen "nicht förderfähig" gewesen. Umso höher wiege die Initiative der NetCom BW, nun den Ausbau aus eigener Kraft zu leisten.
Erste Baumaßnahmen im Juli
Und wer sich jetzt fragt, was mit den übrigen Nagolder Ortsteilen und deren Breitband-Versorgung ist: Da dort die Versorgung bereits bestimmte Schwellenwerte überschritten habe, sei für sie ein solches Markterkundungsverfahren nicht in Frage gekommen – denn das greift eben nur bei unterdurchschnittlichen Versorgungs-, sprich: Breitband-Raten. Auf Nachfrage von Stadtrat Carl Christian Hirsch (CDU), ob man auch für die Breitband-Versorgung in Hochdorf solcherlei Transparenz herstellen könne wie jetzt für soviele andere der Ortsteile, antwortete Rafael Beier als Leiter des Hoch- und Tiefbauamtes: Man sei dort in der "letzten Feinabstimmung" mit allen Beteiligten und werde in der nächste Gemeinderatssitzung ausführlich dazu berichten. Vorab soviel: "Die Tiefbaumaßnahmen werden noch im Juli beginnen", bis dahin solle auch der Ortschaftsrat und die Einwohner im Rahmen einer Bürgerversammlung ausführlich informiert werden.