Tröpfelt traurig mitten durch Stuttgart: der Nesenbach. Jetzt setzt ihm die Junge Oper ein musikalisches Denkmal. Foto: dpa/Bernd Weissbrod

Vergesst Smetanas „Moldau“! Die Junge Oper der Staatsoper Stuttgart und das Theater Lokstoff haben ein „Straßenoratorium“ entwickelt, das an öffentlichen Plätzen entlang des Nesenbachs aufgeführt wird.

Stuttgart - Arme hoch, Arme runter. Knie beugen, wieder aufrichten. Das Klavier spielt zwei Harmonien, immer wieder, und die Chorsänger, in Reihen aufgestellt, folgen dem schreitenden Puls. „Elles goht d’r Bach na“, singen sie – und setzen dann, gegen den Takt, ein „Du auch!“ hinterher. Das groovt, das bleibt im Kopf und im Körper. Und es klingt ganz wunderbar klangmächtig – zumindest auf dem Parkdeck, auf dem die Junge Oper im Nord (Join) probt – open air, dennoch vor Regen geschützt und gesegnet mit einer wunderbaren Akustik. Die ersten Probenwochen konnten coronabedingt nur online stattfinden, aber jetzt sind die 60 Chorsänger, Erwachsene und Kinder, unter der musikalischen Leitung von Frank Ellinger und Josephine Klein mit Feuereifer dabei. Schließlich geht es um einen Bach, der einst die Topografie Stuttgarts prägte und jetzt eine kanalisierte unterirdische Kloake ist, die nicht mehr wie einst in den Neckar, sondern in eine Kläranlage mündet.

 

Die Komponistin Susanne Hinkelbein ist hinuntergestiegen zum Abwasserkanal. Sie wollte sehen, wie es dort aussieht, und riechen, wie es dort stinkt. Die 68-jährige Stuttgarterin hat, „weil Text und Musik zusammengehören“, auch das Libretto zu dem halbstündigen Stück geschrieben, das ab diesem Samstag (3. Juli) an öffentlichen Plätzen entlang des Nesenbachs aufgeführt wird. Es ist ein schwäbisches Stück, und es wird Schwäbisch gesprochen und gesungen.

Verdanken sich Hegels philosophische Ideen dem verseuchten Bachwasser?

Hinkelbein, die zwischen 1980 und 1990 die Schauspielmusik in Köln und am Landestheater Tübingen leitete, hat neben Opern, Singspielen, Bühnen- und Filmmusik schon einige Werke für den öffentlichen Raum und für Amateursänger komponiert – unter anderem die beiden Stadtopern in Reutlingen und Esslingen. Sogar eine „Zeitungsoper“ hat sie verfasst, bei der unter anderem ein Akt dem Wetterbericht und ein anderer den Leserbriefen gewidmet ist. Schon wenn man das liest, ahnt man, wie die Komponistin tickt, die übrigens nicht nur Klavier, sondern auch Philosophie, Germanistik und Psychologie studiert hat.

„Ich mag Laien, Chöre und schräge Stoffe“, sagt Susanne Hinkelbein, die jetzt über das kooperierende Theater Lokstoff zum Join gekommen ist. Wobei sie selbst das Schräge des Stoffs einbringt: In ihrem Textbuch geht es nicht nur um die Geschichte und den Verlauf des Nesenbachs, sondern es wird auch auf ironische Weise nach dessen Zukunft gefragt. Deshalb tauchen unter anderem der Geist des Nesenbachs und der achtjährige Hegel („das Hegele“) auf. Ersterer zitiert Heraklits „Panta rhei“ („Alles fließt“); Letzterer steht für die hübsche gedankliche Volte, man könne dem kindlichen Philosophen unterstellt haben, seine für viele unverständlichen Gedanken verdankten sich dem verseuchten Bachwasser.

Zwischen Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung

Das ist natürlich nicht ernst gemeint. Insgesamt bewegt sich „Nesenbach“ im unterhaltsamen Zwischenreich von Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung. Man kann das Stück als Öko-Musiktheater verstehen. Man kann es aber auch als wunderbares Entertainment begreifen. Die Inszenierung von Heidi Mottl enthält beides. Die Sänger stehen in strengen Reihen, singen und bewegen sich in synchron geführten chorischen Formationen. Aber vor allem dem scheinbar Leichtfüßigen gilt bei der Probe das Augenmerk der Regisseurin, denn dieses wirkt nur, wenn es präzise ins Bild gesetzt wird. „Wir machen das jetzt noch mal“, lautet der Satz, den Heidi Mottl an diesem Spätnachmittag am häufigsten sagt – schon gehen die drei Damen (Hallo, Mozart!) mit den gelben Perücken auf dem Kopf und den Rucksäcken auf dem Rücken wieder auf Position, und schon skandieren die Kinder, grüne Miniaturmodelle von Stuttgarter Autobauern in der Hand, ihr „Aus die Maus!“ und „Ende Gelände“, als gehe es hier um eine Demonstration der Kids von Fridays for Future.

Geht es irgendwie auch. Das Stück, das sich im Untertitel „Straßenoratorium“ nennt, ist auch ein Statement. Zuallererst aber ist es ein Spiel, das den Beteiligten sichtlich Freude macht und das die Komponistin mit zahlreichen mehr oder minder deutlichen musikalischen Anspielungen von Henry Purcells Frostmusik bis hin zu den chorischen „Wohin?“-Einwürfen der Matthäuspassion gespickt hat. Die fünf Teile (Akte) beschäftigen sich mit dem Gestank (im Schwäbischen, hört man, gibt es unglaublich viele Worte für das schlecht Riechende), mit der Fließrichtung („Vorwärts ist immer abwärts“), mit dem tierischen Leben unter der Straße (das Hinkelbein mit einem „Kanalrattenwalzer“ schildert), mit Hegel und schließlich auch mit jener Schönfärberei, die bis ins 20. Jahrhundert hinein ihre Chemikalien ungefiltert dem Nesenbach überantwortete. Am Ende indes steht kein moralischer Zeigefinger, sondern eine Utopie. „Wenn uns“, sagt Susanne Hinkelbein, „die Balance zwischen Nachdenken, Anklage und Spaß gelingt: Dann haben wir gewonnen.“

Termine

„Nesenbach“ wird vom 3. bis 10. Juli aufgeführt. Los geht es am 3. Juli um 19 Uhr am Südheimer Platz. Da „Nesenbach“ auch ein Flashmob sein soll, bekommt man Informationen zu den jeweiligen Aufführungsorten nur kurzfristig auf dem Kanal der Jungen Oper auf Instagram oder per Mail nach Anfrage unter oper@staatstheater-stuttgart.de.