Das Kernkraftwerk Neckarwestheim Foto: dpa

Der Rückbau des ausgemusterten Kern- kraftwerks Neckarwestheim entwickelt sich zu einer Hängepartie. Noch immer hat die Atomaufsicht im Stuttgarter Umweltministerium die Unterlagen für das Genehmigungsverfahren nicht auf dem Tisch. Auch die Planungen für Castor-Transporte liegen noch auf Eis.

Neckarwestheim - Vor drei Jahren wurden im Kernkraftwerk in Neckarwestheim die Hebel umgelegt. Unter dem Eindruck der Reaktorkatastrophe im japanischen Atomstandort Fukushima forderte die Politik die bundesweite Energiewende ein, der Stromversorger EnBW musste den Altmeiler vom Netz nehmen. Wie in Philippsburg läuft seither auch in Neckarwestheim nur noch ein Reaktor jüngerer Bauart, im 1976 in Betrieb genommenen Block 1 gingen die Lichter aus.

Mit der Abschaltung ist es bei dem still-gelegten 840-Megawatt-Meiler am Neckarufer allerdings nicht getan. Wie bei den zwei anderen Atomstandorten im Südwesten steht auch am Rand der Region Stuttgart die Demontage des ausgemusterten Kraftwerks an. Entsorgt werden müssen nicht nur die ausgedienten Brennelemente im Reaktor, auch der mehr oder weniger kontaminierte Bauschutt muss einen Platz finden.

Nach Schätzungen fallen in Neckarwestheim gut 400 000 Tonnen Abrissmaterial an – ein logistischer Herkulesakt für die beauftragten Baufirmen. Zum Vergleich: Beim Rückbau in Obrigheim geht die EnBW von 275 000 Tonnen Schutt aus. Laut Konzernsprecher Ulrich Schröder handelt es sich bei nicht mal einem Prozent um radioaktiv verseuchtes Material. Für die Demontage seiner Atommeiler hat die drittgrößte deutsche Energiefirma 6,6 Milliarden Euro geparkt.

Was bisher fehlt, sind konkrete Pläne, wie der Rückbau in Neckarwestheim über die Bühne gehen soll. Beantragt wurde der Abriss des ausgemusterten Kraftwerks bereits im Mai 2013, bis zum Jahresende wollte der Energieversorger die erforderlichen Unterlagen eigentlich nachreichen. Doch über-geben wurde bei der jüngsten Besprechung mit der Atomaufsicht kurz vor Weihnachten gerade mal ein Leitz-Ordner. „Der Großteil der Unterlagen fehlt noch, das geht häppchenweise ein“, bestätigt Sprecher Frank Lorho, dass von einer Bearbeitung vollständiger Abrisspapiere keine Rede sein kann.

Von einer Verzögerung bei der Demontage will das Stuttgarter Umweltministerium ­allerdings nicht sprechen. Geprüft würden inzwischen Teilbereiche, bis zum Sommer soll offenbar der Rest der Unterlagen folgen. Ohnehin wird die Rückbau-Genehmigung nicht im Hauruck-Verfahren durchgezogen. Gerechnet wird mit einer Bearbeitungszeit von zwei Jahren – im Sommer 2016 könnte das Ergebnis auf dem Tisch liegen.

Mit Argwohn beobachtet wird das Fehlen aussagekräftiger Rückbaupläne allerdings von den lokalen Atomkraftgegnern. Sie ­befürchten, dass bei der öffentlichen Auslegung der Unterlagen zu wenig Zeit bleibt, um juristische Schritte gegen den Abriss des Altmeilers einzureichen. „Beim Rückbau in Obrigheim zeigt sich, dass das Thema so komplex ist, dass viele Fragen schlicht un-beantwortet bleiben“, klagt Herbert Würth vom Aktionsbündnis Castor-Widerstand.

Problempunkte beim Rückbau könnten aus Sicht der Atomkraftgegner die radio-aktiven Grenzwerte sein, die dem Kraftwerksbetreiber auferlegt werden. „Keiner überwacht, was beim Spülen mit dem Abwasser in den Neckar gelangt“, spricht der Aktivist von einer „gefährlichen Phase“. Den Stopp der Abrisspläne fordern die Atomkraftgegner jedenfalls nicht nur wegen der ungelösten Suche nach einem Endlager. Sie hoffen auch darauf, dass die Strahlung im Laufe der Jahrzehnte schwächer wird.

Im Umweltministerium freilich wünscht eher eine zügige Demontage der Altmeiler – schon weil qualifiziertes Personal die Kraftwerke verlasse, wenn dort nichts mehr zu tun sei. Auch in der Anti-Atom-Bewegung findet das Argument durchaus Beifall – an der Frage, wie schnell Nuklearstandorte abgewickelt werden sollen, scheiden sich die Geister. Noch nicht beantragt hat die EnBW die Castor-Transporte aus Obrigheim ins Zwischenlager Neckarwestheim. 342 im Nasslager abklingende Brennstäbe sollen in 15 Behältern in die Region gekarrt werden. Laut dem Chef der EnBW-Kraftwerksparte, Jörg Michels, muss das Nasslager bis 2016 geräumt sein, um den als Herz der Anlage geltenden Reaktordruckbehälter mit ferngesteuertem Werkzeug zu demontieren.